Zeitung Heute : Benjamins Freunde: Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

In einem indischen Restaurant, Körtestraße, Kreuzberg. "Also", beginnt Maciej mit einem kurzem Zögern. Er zieht an seiner Zigarette. Ein paar Sonnenstrahlen fallen schräg durch das Fenster und beleuchten kleine Staubpartikel, die durch die Luft schweben. Der blaue Rauch, der sein Gesicht verhüllt, flimmert in diesem diffusen Licht. "Meine Familie und ich, wir sind aus Polen. Aus Plock. Meine Mutter ist vor elf Jahren nach Berlin gekommen. Und arbeitet als Putzfrau. Ich bin zunächst in Plock bei meinem Vater und meinem älteren Bruder geblieben. Bis zur sechsten Klasse. 1996 kam ich dann auch hierher. Ich bin gleichzeitig auf zwei Schulen gegangen. Eine polnische und eine deutsche. Die polnische Schule war nur nachmittags. Zwei Mal in der Woche. Die neunte, die Abschlußklasse, habe ich in Polen gemacht. Und jetzt bin ich wieder hier. Bei meiner Mutter. In Berlin."

Maciej hat kurzgeschnittenes, braunes Haar, dunkle Augen und tiefe Augenbrauen. Aus der Nähe sind vereinzelte Pickel auf seinen Wangen zu erkennen. Links auf der Stirn befindet sich eine große, violette Narbe. Die wie ein Fluß auf einer Landkarte aussieht. Mit zwei Flussarmen. Maciej legt die brennende Zigarette in eine Mulde des Aschenbechers. Trinkt einen Schluck Cola. Mir fällt auf, dass seine Hände ganz wund sind. Insgesamt hat er etwas Bärenhaftes an sich. Er ist groß und bedächtig. Seine Bewegungen sind irgendwie schwerfällig. Wie auch seine Sprache. Jedoch wirkt er sehr freundlich. Und frohen Mutes. Es scheint, dass er sich nicht so leicht unterkriegen läßt. Ich kann mir gut vorstellen, dass man keine Angst hat, wenn man neben ihm auf der Straße läuft. "Seitdem ich hier bin, arbeite ich als Fensterputzer für eine Firma. Ich putze die Fenster in verschiedenen Lokalen, Kneipen und in Autosalons. Ich muss fast immer nachts arbeiten. Und fast immer alleine. Es ist sonst jedes Mal nur ein Aufseher oder ein Hausmeister anwesend. Das ist schon anstrengend. Aber ich schaffe es irgendwie. Bei einer dieser Kneipen gibt es einen Nebenraum mit einer Tischtennisplatte. Manchmal, wenn ich fertig geputzt habe und es draußen fast schon hell ist, spiele ich mit dem Aufseher Tischtennis. Ein komisches, schönes Gefühl habe ich dann. Aber ich verliere ständig." Freunde? "Ich habe nicht viele Freunde. In Polen habe ich welche. Aber hier, hier nicht. Ich arbeite ja viel. Und wenn ich nachts arbeiten muss, schlafe ich lange. Aber ich treffe mich mit einem Mädchen. Sie heißt Tanja und kommt auch aus Polen. Sie hat in einer dieser Kneipen immer die Bar geputzt. Und hat mich angesehen. Mädchen können einen wunderbar ansehen."

Worte, die mir zu Maciej einfallen: tapfer, hart, zäh. Er erzählt, dass er die Narbe von einem Streit mit einem Typen in Plock hat. Was er von Deutschland hält? Er findet, dass Veränderung das Wichtigste im Leben ist. Und Deutschland ist für ihn eine Veränderung. Schließlich frage ich ihn, wo er sich in drei Jahren sieht, und er antwortet: "Ich weiß nicht, wo es mich hin treibt. Aber irgendwo bin ich bestimmt." Er lacht. Und fügt hinzu: "Hoffentlich gibt es dort auch irgendwo wieder eine Tischtennisplatte."

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