Zeitung Heute : Benjamins Freunde: Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Irina ist ungefähr 1 Meter 65 groß. Sie hat schulterlanges, dunkles Haar und feine Augenbrauen. Ihre Haut ist ein wenig gebräunt. Glatt. Um ihren Hals und ihr Handgelenk hängen silberne Kettchen. An beiden baumeln Kreuze. Sie hat eine klare, singende Stimme. Und einen leicht russischen Akzent. Irina kommt aus der Ukraine. Wurde in Kerzch geboren.

Über eine Hilfsorganisation hat Frank Castorf sie kennen gelernt und an die Volksbühne geholt. Sie spielt in dem Stück "Erniedrigte und Beleidigte" von Dostojewski. "Vor kurzem ging es mir nicht besonders gut", beginnt sie. Ohne etwas genau zu erklären. "Ich bin im Dunklen umhergeirrt. Habe Fehler gemacht." An der Art und Weise, wie Irina das Wort Fehler ausspricht, merkt man, dass sie es nicht gerne mit sich selbst in Verbindung bringt.

Sie spricht jetzt von Heimat. Was Heimat für sie bedeutet. "Heimat ist kein Ort. Sondern etwas, das man in seinem Körper trägt. Und das manchmal leuchtet." Leuchtet es zur Zeit bei ihr? "Ein wenig. Nicht wirklich. Es ist schwierig, es zum Leuchten zu bringen. Man muss sich anstrengen." Sie erklärt, dass sie verdammt viele Dinge nicht verstehen kann. Ich frage, was sie in erster Linie verstehen möchte, und sie antwortet: "Meine Mutter. Nein. Ich will genauer verstehen, warum es immer weiter geht. Warum es immer weiter gehen muss."

Irina hat ganz ruhige Hände. Ab und an steckt sie die Haare hinter die Ohren. Ihre Wangen bekommen dann unter der Bräune eine rote Färbung. Ich habe sie auf der Bühne gesehen. Das Stück hat fünf Stunden gedauert. Ich war sehr beeindruckt. Und sie? "Ich fand es aufregend. Aber dann habe ich das Buch gelesen. Und ich habe nichts von dem Buch in der Aufführung wiedergefunden." Irina hatte eine kleine Rolle. Sie schrie auf Russisch einen Typen an.

Der Klang ihrer Stimme ist mir in Erinnerung geblieben. Jetzt, wo sie mir in einem italienischen Lokal in Prenzlauer Berg gegenübersitzt, habe ich das Gefühl, sie spielt immer noch Theater. Diesmal heißt das Stück "Mein Leben", und der Text ist von ihr: "Ich glaube, dass man nur lebt, wenn man gebraucht wird." Und sie wird gebraucht? Jetzt schaut sie schräg auf den Boden, einen Herzschlag lang: "Ich habe den Menschen noch nicht gefunden, der mich braucht." Irina hat keinen Freund. Verehrer schon. Diverse Jungs. Mit ein paar von ihnen spielt sie auf dem Alexanderplatz Basketball. Zum Zeitvertreib.

Über ihre Zukunft hat sie keine genauen Vorstellungen. Wenn es geht, möchte sie in Deutschland bleiben. Sie besucht zur Zeit eine deutsch-russische Schule in Lichtenberg. Mehr erzählt sie nicht. Sie sieht mich an. Wir bezahlen. Gehen hinaus. Es ist dunkel. Windig und regnerisch. Es macht ihr nichts aus, dass ihre Haare nass werden. Sie verschwindet ganz schnell. Als wolle sie keine Spur hinterlassen.

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