Zeitung Heute : Benjamins Freunde: Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

Schwarzes Café, Kantstraße, Charlottenburg. Nadine hat die Unterarme zu beiden Seiten ihres Milchkaffees aufgestützt und lächelt. Sie trägt einen weißen, dünnen Pullover mit der Aufschrift Banana Republic. Ihr braunes, schulterlanges Haar hängt wirr herab. Ihr Gesicht hat eine sehr gesunde Farbe, ist kantig, mit vorspringenden Backenknochen. Sie hat tiefe Augenbrauen, die nah zueinander rücken, wenn sie nachdenkt. Außerdem fallen ihre kräftigen Schultern auf. Schultern, wie die einer Schwimmerin. Nadine ist aber keine Schwimmerin. Sie ist Fußballspielerin. Genauer gesagt, sie ist Torwart. "Warum ich das geworden bin?", fragt sie. "Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Ein Torwart muss von hinten Sicherheit geben. Die Mannschaft auf eine Weise beschützen. Ihr Kraft geben. Das finde ich großartig. Das liegt mir." Nadine wirkt so, als könne sie Menschen generell viel Sicherheit geben. In diversen Situationen. Als wäre sie eine Tankstelle. Bei der man Sicherheit tanken kann. Sie scheint sich nicht wahnsinnig machen zu lassen. Auch nicht durch sich selbst. Sie ist sehr gefasst. Und offenherzig. Irgendwo so, als hätte sie die Gewissheit, dass es nicht reicht, die Dinge zu suchen. Sondern, dass die Dinge einen immer ebenfalls suchen müssen. Nadine spielt seit kurzer Zeit beim FFC Turbine Potsdam. In der ersten Damen-Bundesliga. Das ist ihr Beruf. Sonst arbeitet sie nicht. Sie ist seit drei Monaten in Berlin. Und wohnt allein in einer Zweizimmerwohnung in Tiergarten. Ursprünglich kommt sie aus Gemünden. Ihr Vater ist Maschinenschlosser. Ihre Mutter Einzelhandelskauffrau. Mit sieben Jahren fing sie zu spielen an. Am Anfang war sie in einer Jungen-Mannschaft. Weil es für ihr Alter noch kein Mädchenteam gab. Ihre Stationen hießen dann: 1. FC Nürnberg, Wacker München. Zuletzt stand sie beim FC Bayern München im Tor. Bis das Angebot aus Potsdam kam. Außerdem ist sie zweite Torhüterin der Nationalmannschaft. Und war im Kader dabei, als diese 1997 und 2001 Europameister wurde und in Sydney Bronze holte. "Natürlich ist es bescheuert, die zweite zu sein. Und das bin ich auch schon seit fünf Jahren. Ich werde mich jetzt aber richtig anstrengen. Ich werde angreifen." Wie Männer auf ihren Beruf reagieren? "Eigentlich habe ich diesbezüglich positive Erfahrungen gemacht. Die Typen in meiner Umgebung finden es alle gut. Und auch fremde Männer, denen ich es erkläre. Vielleicht reden sie hinter meinem Rücken blödes Zeug. Aber sie sagen es mir nicht ins Gesicht."

Nadine hat fünfmal in der Woche Training. Von Montag bis Freitag. 17 Uhr 30 bis 19 Uhr 30. Am Wochenende gibt es dann immer ein Spiel. Zur Zeit ist der FFC Turbine Zweiter in der Liga. Und hat das Halbfinale im DFB-Pokal erreicht. Freizeit? "Ich gehe gerne ins Kino, gucke DVDs und schwimme im Nachtleben herum." Ich frage sie, welche ihr auf einem Weg entgegenkommenden Menschen sie besser fände: jene, die fragen, woher man kommt, oder jene, die fragen, wohin man geht. "Ich finde die besser, die fragen, wohin man geht." Warum? "Weil man sie dann vielleicht mitnehmen kann."

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