Zeitung Heute : Benjaminsan lernt japanisch

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Ich habe einmal mit einer Japanerin geschlafen. Sie war so alt wie ich, Studentin für Deutsch und Philosophie in Berlin. Während wir zusammen auf diesem Futon lagen, dem schrecklichen japanischen Bett, was außer einem Schreibtisch der einzige Einrichtungsgegenstand in ihrem Schöneberger Untermieterzimmer war, hat sie immerfort geredet. Sie schimpfte, so kam es mir vor. Aber vielleicht hatte ich mich ja auch getäuscht. Vielleicht sagte sie: „Ich liebe Dich.“ Irgendwann sagte sie auf Englisch, während wir bei der Sache waren: „My father will kill you! He will kill everybody who comes close to me.“ Ich muss sagen, dass mich das schon irgendwie störte. Ihr Vater würde mich umbringen! Habe ich das richtig verstanden? Ich fragte: „Where is your father?“

Sie antwortete: „Not here.“ Immerhin. Sehr viel mehr brachte ich nicht aus ihr heraus. Aber sie roch gut. Das war mein erster Kontakt mit Japan. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie sie geheißen hat. Irgendwas mit Yokosan.

Mein zweiter Kontakt mit Japan fand am vergangenen Wochenende in der Volkshochschule in Freiburg statt. In einem normalen Schulzimmer. Wir waren zehn Schüler. Acht Mädchen und zwei Jungen. Vorn am Pult standen zwei Lehrer: ein Mann und eine Frau. Beide Japaner. Es war Samstagvormittag, zehn Uhr. Bis Sonntagabend 19 Uhr sollten wir die ersten Grundbegriffe der japanischen Sprache erlernen, zum Pro-Kopf-Preis von 45 Euro. Auf dem Tisch vor mir lagen 22 Seiten voller japanischer Grammatik. Und ein Namensschildchen, auf dem in japanischer Katakana-Schrift mein Name stand. Später bekam ich erklärt, dass mit dieser Schrift ausländische Wörter geschrieben werden. Ahja. Die Lehrerin sagte: „Ist doch ganz einfach.“ Sie war eine kleine Frau mit hinten hoch gestecktem grauschwarzen Haar und breitem Gesicht. Ist doch ganz einfach war ihr Lieblingssatz auf Deutsch. Auf Japanisch sagte sie ebenfalls sehr häufig: „Wakarimasuka?“, was so viel bedeutete wie: Habt ihr verstanden? Die Nachfrage, wenn wir zum Ausdruck bringen wollten, wir haben es nicht verstanden, wie bitte?, war shitsumon. Mein ganzer Kopf war voller shitsumon. Wobei das u nicht ausgesprochen wird. Wir lernten in Einheiten. Zwei Stunden, dann eine Viertelstunde Pause, dann wieder Shitsumon. Alle um mich herum, besonders die Frauen, verstanden japanisch sofort. Alle 30 Minuten mussten wir aufstehen und uns der Reihe nach gegenseitig befragen. Wo wohnen Sie? Wann ist Ihr Geburtstag? Wie ist Ihre Telefonnummer? Sind Sie Japaner? Wenn ich gefragt wurde, wo ich wohne, dann sollte ich antworten: Freiburg ni sunde imasu. Aber ich konnte mir das einfach nicht merken. Ich sagte bloß Freiburg desu. Dann sagte der Lehrer, ein schmaler, korrekt angezogener Mann: Benjaminsan, sag: Freiburg ni sunde imasu. Ich empfand japanisch als ziemlich schwer. Herr Lehrer, was heißt „Mein Vater wird Dich töten“? Aber das traute ich mich natürlich nicht zu fragen. Shitsumon.

Warum lernt der Mensch japanisch? In der Frühstückspause erkundigte ich mich bei meinen Nachbarinnen. „Ich muss im Herbst nach Japan,“ sagte eine. „Ich bin Kunsthistorikerin.“ Die anderen beiden waren MANGA-Fans. Und ich? Ich hatte Sehnsucht. Ich möchte eine Sprache lernen, die ich überhaupt nicht verstehe. Ich verstehe zurzeit so wenig vom Leben. Das passt. Am Sonntagabend war ich fix und fertig. Der nächste Teil des Kurses ist am Donnerstag. Mokuyobi heißt Donnerstag.

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