Zeitung Heute : Berauschende Felder

Die syrische Armee hat den Libanon verlassen. Und ein alter Bekannter kommt zurück: der Hanf

Erwin Decker[Beirut]

Er sagt, jeden Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe und auf das grüne Feld blicke, lächele ich. Die Pflanzen wachsen, und in zwei Monaten kann ich ernten.

Ali, der Lächler, 49, lebt im Libanon, in einem kleinen Dorf im Bekaa-Tal, im Nordosten, an der syrischen Grenze. Einmal hat er sich besonders gefreut, das war Ende April, als Syrien seine Soldaten abzog. Denn das, was Ali anbaut auf dem Feld, ist Hanf. Man macht Rauschgift daraus, Haschisch und Marihuana.

An dem Tag als die Syrer verkündeten, dass sie den Libanon verlassen werden, wusste Ali, dass es ihm bald besser gehen würde. Es würde keine Soldaten mehr geben, wie die letzten Jahre immer, die auf die Felder kommen und die Hanfpflanzen vernichten. Er riss mit seinen Kindern alle Tomatenstauden aus dem Boden, in der Zeit der Besatzung hatte Ali Gemüse angebaut, er pflügte den Acker und säte einen Tag später. In fast jedem Dorf, das abseits der Hauptstraße an den Hängen des Libanongebirges liegt, wird nun wieder Hanf angepflanzt.

Vor 15 Jahren war der Libanon berühmt für sein Haschisch und dessen Qualität. Als die syrische Armee radikal durchgriff und den Hanfanbau verbot, ging für viele Bauern die einzige Einnahmequelle verloren. Die Vereinten Nationen stellten ihnen für den Einnahmeausfall einen Millionenbetrag zur Verfügung, aber bei kaum einem Bauern kam das Geld je an.

„Mit den Syrern konnte man einfach nicht reden“, sagt Ali. Er sagt: „Es gibt sicher bald eine Aktion, bei der die Polizei ein Hanffeld vernichtet. Das wird im Fernsehen zu sehen sein. Ganz früher war das auch immer so.“ Die Polizei werde dann aber ganz bestimmt nicht mehr wiederkommen. Und die Bauern werden nach der Ernte zusammenlegen und ihrem bestraften Kollegen den Verlust aus der Vernichtungsshow ersetzen.

Alis Feld liegt direkt vor seinem heruntergekommenen Haus mit den drei Zimmern. Seine Zähne sind zum Teil schwarz, manche fehlen. Seit der Hanf ausgesät ist, trägt Ali jeden Tag seinen dunklen Anzug. Er ist bald wieder ein angesehener Herr, sagt er. Er hat studiert und spricht wie viele Libanesen fließend Französisch.

Sein 18-jähriger Sohn Salim ist krank und liegt auf einer Matratze im Wohnzimmer. Er bekommt Medikamente. „Als ich dem Doktor und dem Apotheker erzählte, dass ich wieder Hanf anpflanze, bekam ich sofort Kredit, und Salim wurde ordentlich behandelt.“

Der Hanfanbau, erklärt er, ist ganz einfach. Nach der Aussaat muss man nur noch das Feld bewässern, alle 20 Tage einmal. Das ist weniger als beim Gemüseanbau. Die Wasserpumpe und der Brunnen sind am Feldrand. Die eigentliche Arbeit beginnt dann nach der Ernte. Die ganze Familie arbeitet zwei Monate an der Aufbereitung des Haschischs, an der Verwandlung der dürren Hanfpflanze in das braune Mehl. Das Feld wird nach Schätzung von Ali rund 200 Kilogramm der Droge bringen. Wenn der Preis pro Kilo bei 200 Dollar bleibt, macht das 40000 Dollar, das ist im Libanon ein Vermögen. Das Durchschnittseinkommen liegt bei rund 600 Dollar im Monat.

Die Aufkäufer sind Strohmänner von reichen libanesischen Geschäftsleuten. Bei ihnen können die Bauern auch die Saat billig kaufen. Ein Teil des Stoffs geht in die Türkei, aber viel werde auch nach Israel geliefert. Es ist kaum zu glauben, aber Ali sagt, er wisse es ganz genau. Der Libanon und Israel sind Erzfeinde. Die Grenze gilt als undurchlässig und wird von Israel mit durchgehenden Zäunen, Kameras und Soldaten bewacht. Aber der Haschischverkehr zum Feind funktioniert offenbar. Der Kettenraucher Ali sagt, er selbst raucht die Droge nie.

Das Bekaa-Tal ist die fruchtbarste Region im Libanon. Der beste Wein des Landes kommt von hier. In Baalbek, der Hauptstadt des Tales, stehen die Tempel des Sonnengottes Helios, die berühmtesten antiken Ruinen des Libanon. Baalbek gilt aber auch als Hauptstadt des Verbrechens. Die Staatsgewalt in Beirut hat wenig Einfluss auf diesen Landstrich im Norden, wo Ali lebt und wo Clanchefs, Drogenhändler und Feudalherren das Sagen haben, und wo Drogenanbau, Erpressungen, Schmuggel, Waffenhandel und Autodiebstahl einigermaßen üblich sind.

Der Hanfbauer Ali steht auf der untersten Stufe der Banditen im Bekaa-Tal. Er ist nur ein Bauer. Aber er steigt auf.

Am Nachmittag, als er Vertrauen zu seinem Besucher aus Deutschland gefasst hat, holt er eine braune Tasche aus irgendeinem Versteck im Haus. Sie ist voll mit 100-Dollar-Noten. Ali zeigt einen Schein und hält ihn gegen das Licht, nimm ihn mal in die Hand, sagt er. Das Papier fühlt sich normal an, Wasserzeichen, Sicherheitsstreifen, alles ist an dem Geldschein vorhanden. Als Ali sagt, dass es eine Fälschung ist, hilft nur der Vergleich mit einem echten. Ali nennt seinen Schein den „Superdollar“. Je nach Menge gibt es die falschen grünen Hunderter schon für zwölf echte Dollar das Stück. Ab 100 Stück muss Ali jedoch zum „Scheich“ gehen – wer das ist, sagt er nicht – um über den Preis, Lieferung und die Beschaffenheit zu verhandeln. Offenbar gibt es das Falschgeld auch in unterschiedlicher Qualität. Dass er pro verkauften Schein einen Dollar Kommission bekommt, gibt er offen zu. Die falschen Dollars sollen laut Ali aus dem Iran kommen. Jetzt gibt es aber auch in Baalbek eine Druckerei, erzählt Ali voller Stolz, eine, die auch Euros in bester Qualität herstellt.

Ganz im Norden des Bekaa-Tales, in einem Seitental des Aassi-Flusses, liegt ein halbhektargroßes Feld Schlafmohn. Der Ausgangsstoff für Heroin. Die Pflanzen sind erst 40 Zentimeter groß und noch grün. Wir sitzen im Auto. Als der libanesische Fahrer Rafiq sieht, dass die Kamera ausgepackt wird, gibt er Gas. „Die Gegend gehört einem bekannten Warlord“, einem Kriegsfürsten, sagt er. Wenn dessen Leute sähen, dass jemand fotografiert, kämen wir nicht mehr lebend nach Baalbek zurück. „Die verstehen keinen Spaß“, sagt Rafiq.

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