Zeitung Heute : Beredtes Schweigen

Charles A. Landsmann[Tel Aviv] Andrea Nüsse

Das Ultimatum, das die Entführer des israelischen Soldaten gestellt haben, ist abgelaufen. Welche Möglichkeiten hat Israel, den 19-jährigen Mann zu befreien?

Für Israel verliert die Option einer militärischen Geiselbefreiung zunehmend an Bedeutung. Die Präsenz israelischer Truppen im südlichen Gazastreifen – angeblich zur Befreiung des entführten Soldaten Gilad Schalit – wird wohl bald beendet sein, nicht nur wegen der wachsenden internationalen Kritik. Außerdem könnte der Druck der Bevölkerung auf die Regierung von Premierminister Ehud Olmert steigen, sollte der erste israelische Soldat im Rahmen der „Operation Sommerregen“ getötet werden.

Was also bleibt, sind Verhandlungen. Nicht direkte zwischen Israel und den Entführern oder zwischen Israel und der Hamas, aber Verhandlungen. Der Verhandlungsprozess ist angelaufen – wie Ehud Olmerts Dementi beweist. Denn seine erneute Ablehnung jeder Verhandlungen ist bereits Teil dieses Prozesses, genauso wie das zuvor abgelaufene Ultimatum der Entführer. Exakt so verhandelt man im Nahen Osten. Beide Seiten beziehen zuerst Maximalpositionen, nur um diese gar noch extremer zu formulieren angesichts der Forderungen der Gegenseite. Daraufhin senden beide Seiten Signale aus, dass sie die Gegenseite verstanden haben.

Konkret in diesem Fall: Die Entführer geben zu verstehen, dass sie dem Soldaten nichts antun werden, obwohl sie ihre Kontakte zu den ägyptischen Vermittlern offiziell abgebrochen haben. Auf der Gegenseite spricht sich zwar die israelische Armee prinzipiell gegen einen Gefangenenaustausch aus, doch diskutiert sie gleichzeitig ziemlich laut die Kriterien eines solchen.

Die Anwendung dieser levantinischen Verhandlungstaktik erfordert Zeit, viel Zeit. Und es wird ständig neue Krisen geben. Doch wenn die größte Krise unlösbar scheint, dann steht der Durchbruch nicht nur unmittelbar bevor, sondern vielmehr bereits fest. So geschehen bei den israelisch-ägyptischen Friedensverhandlungen in Camp David.

Neu ist allerdings, dass Ägypten in diesem Konflikt seine Vermittlerrolle verloren hat, weil sich insgesamt das Kräfteverhältnis in der Region verschoben hat. Ägypten hatte bislang als Vermittler zwischen Palästinensern, Israelis und den USA agiert. Doch diesmal blieben die ägyptischen Vermittlungsversuche erfolglos. Europa und die USA müssen sich ohnehin mit der Rolle von Zuschauern begnügen. Sie haben keine Kontakte zu palästinensischen Hamas-Regierung und durch die Sanktionen sind auch die wirtschaftlichen Druckmittel ausgereizt.

Dennoch, Olmert muss sich auf Verhandlungen irgendwelcher Art einlassen: Er hat keine andere Wahl, will er den entführten Soldaten nach Hause bringen und nicht die Gunst der eigenen Bevölkerung verlieren. Noch wankt die öffentliche Meinung in Israel, doch zeigt die Erfahrung eine weltweit fast einzigartige Charakteristik der Israelis: Sie akzeptieren binnen kürzester Zeit neue Realitäten, auch wenn sie sich gegen die bis zuletzt gesperrt haben.

Im aktuellen Fall: Natürlich ist jeder gegen die Freilassung hunderter palästinensischer Häftlinge als Gegenleistung dafür, dass die israelische Geisel freikommt. Doch sollte es zu einem Gefangenenaustausch kommen, würden sich die Israelis an den bewegenden Szenen des Wiedersehens mit der Familie erfreuen. Schließlich könnte jeder von ihnen eines Tages in der gleichen Situation sein. Und so wären wohl viele Israelis auch bereit zu glauben, dass ihre Regierung erstens keine „Terroristen mit blutigen Händen“ freigelassen hat, und zweitens, dass sie diese schon sehr schnell wieder einsammeln wird – als Faustpfand für den nächsten Entführungsfall. Den könnte es durchaus geben: Ein Sprecher der radikalen Armee des Islam, die sich mit zwei anderen Gruppen zu der Geiselnahme bekannt hatte, kündigte weitere Entführungen von Israelis an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben