Zeitung Heute : Berg in Ketten

Wenn der Wetterdienst starke Schneefälle ankündigt, werden sie in Galtür wieder unruhig. Vor fünf Jahren hat eine Lawine das Dorf verschüttet. 31 Menschen starben, Manfred Lorenz hat damals seine Mutter verloren. Seither weiß er:„Mit der Schönheit der Natur ist der Tod verbunden.“

Freia Peters[Galtür]

Gerade erst war die Dorfstraße gekehrt, da hat der Schnee sie in der Nacht wieder Pünktchen für Pünktchen weiß gemalt. Am nächsten Morgen ist der Himmel frei, und die Sonne beleuchtet die Bergspitzen. Im Tal ist es noch schattig. Kleine Schneeberge türmen sich am Straßenrand, und die Telefonzelle am Dorfplatz trägt eine fast meterhohe weiße Mütze. „Da hat’s wieder a Menge Schnee hing’worfen“, sagt Wolfi, der die Touristen zum Skilift am Alpkogel fährt. Im Bus riecht es nach Sonnencreme. „Wir haben schon überlegt, ob wir hierher fahren sollen“, sagt eine Frau, „aber irgendwie haben wir gedacht, die werden wohl nach so einem Ereignis viel gegen Lawinen getan haben .“

Fünf Jahre ist es her, da raste nach wochenlangem Schneefall mit einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern eine 400 Meter breite Lawine auf Galtür herab. Elf Häuser wurden verschüttet, 22 Menschen hatte man noch lebend bergen können. 31 starben. Vom „Tal des Todes“ schrieben die Zeitungen. Die Galtürer haben Verwandte und Freunde verloren, dazu kam die Angst, dass hier in Zukunft niemand mehr Skilaufen will. Galtür lebt vom Tourismus.

„Die Toten im Dorf, die gehen uns immer noch ab“, sagt Manfred Lorenz. Der schlanke, fast magere Mann ist vierfacher Vater. Fast 20 Jahre lang war er Bergführer in Südamerika, Alaska und Nepal, bestieg Achttausender. Erst zwei Monate vor dem Unglück war er endgültig in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Durch die Lawine hat er seine Mutter und seine Schwägerin verloren.

Im letzten Frühjahr hat Lorenz ein Dokumentationszentrum eröffnet. Das Alpinarium ist den Galtürern gewidmet, den Gästen – und den Verstorbenen. „Es ist schon komisch“, sagt Manfred Lorenz. „Damals, als sich das Wetter so verschlechterte, da waren die Männer draußen, wo man dachte, es ist gefährlich, sie haben die Straßen gesperrt und die Räumfahrzeuge gelenkt. Aber die Frauen, die waren doch eigentlich da, wo man dachte, dass es sicher ist. In der Küche oder in der Stube.“

Die verheerende Medienlawine

Seine Mutter Hildegard Lorenz war eine beliebte Frau im Dorf. 40 Jahre lang hatte sie zusammen mit ihrem Mann Franz die Jamtalhütte oben auf dem Gletscher geführt. Wie es Brauch ist in der Familie Lorenz, die die „Jam“ seit 1882 bewirtschaftet. Kurz vor der Lawine hatten die Eltern ihre Hütte an ihren Sohn Gottlieb und dessen Frau Edith weitergegeben. Am Unglückstag hatte die 78-Jährige ihre Schwiegertochter besucht, die ein Kind erwartete. Die beiden Frauen saßen zuerst im Wohnzimmer bei Kerzenschein und beteten den Rosenkranz. Dann gingen sie in die Küche, wo sie einige Augenblicke später von den Schneemassen erstickt wurden. Wären sie im Wohnzimmer geblieben, hätte die Lawine ihnen kein Haar gekrümmt. Dort brannte noch die Kerze, als man sie barg.

Schicksalhaft war das Ereignis vor allem, weil sich die Einheimischen für einen behutsamen Umgang mit der Natur entschieden hatten. 1976 hatten sie einstimmig beschlossen, die Gletscher für die Skifahrer nicht zugänglich zu machen. Es sollte kein Lift ins ewige Eis gebaut werden, wie im benachbarten Touristenmagneten Ischgl. Auch wenn man so Gäste zur schneearmen Weihnachtszeit angelockt hätte. Einer der Gründe, warum die Galtürer als eigensinnig galten. „Wir wollten eine Zeit im Jahr auch mal für uns sein, einfach zum Karten spielen oder zum Ratschen“, sagt Lorenz.

Auch äußerlich hat sich etwas verändert. Zwar sind die zerstörten Häuser alle an der gleichen Stelle wieder aufgebaut worden. Doch das Alpinarium ist hinzugekommen. Das übermächtige, holzverkleidete Gebäude ist eine Art Denkmal. Lange 135 Meter zieht es sich durch die Dorfmitte. An der Stelle, wo die Lawine herabkam, schmiegt es sich an einen 14 Meter hohen Schutzwall am Fuß des Grieskogels. Drinnen hängen Porträts von allen 720 Galtürern. Sie halten ihren Lieblingsgegenstand in der Hand, eine Tabakdose, eine Posaune, eine Puppe. Die Bilder sollen von den Einheimischen erzählen, von ihrem Charakter und auch von den Gefahren der Natur. „Mit der Schönheit der Natur ist auch der Tod verbunden“, sagt Manfred Lorenz. „Das wissen die Menschen, die hier wohnen, seit Jahrhunderten. Und deswegen können wir es hinnehmen, ohne dass unser Vertrauen erschüttert wird.“

Nach dem Unglück kamen Psychologen aus Österreich und Deutschland ins Paznauntal, um die Hinterbliebenen zu betreuen. „Die hatten sich darauf eingerichtet, einige Zeit zu bleiben“, erzählt Lorenz. „Aber die waren arbeitslos, sobald die Touristen evakuiert waren.“ Die Galtürer sind Fremden gegenüber schweigsam. Nach dem Unglück noch mehr. „Sehr viele haben daran gezweifelt, dass Galtür eine Zukunft hat“, sagt Marianne Oberschmid, eine Mitarbeiterin des Alpinariums, „man hat gedacht: Jetzt kommt keiner mehr.“ Journalisten sind in Galtür seither nicht besonders gern gesehen. Manche Einheimische reden auch von der Medienlawine, die verheerender gewesen sei als die aus Schnee.

Viele hatten immer wieder Zuflucht vor den Neugierigen in der Pfarrkirche gesucht, damals dem einzig ruhigen Platz im Dorf. „Das mit den Psychologen war bestimmt gut gemeint“, sagt Luis Attems, der seit 25 Jahren Pfarrer in Galtür ist. „Aber wir brauchen hier so etwas nicht. Heute kommen ja schon Psychologen, wenn man sich einen Fuß verstaucht. Es hilft den Leuten viel mehr zu beten.“ Wie alle im Dorf ist auch Marianne Oberschmid katholisch. „Wenn gar nichts mehr geht, beten kann man immer“, sagt sie. Die Gemeinschaft ist stark in dem kleinen Dorf. Nach dem Unglück ist niemand weggezogen aus Galtür. „Bei einigen war die Überlegung schon da“, sagt Oberschmid. „Aber ihnen war im selben Moment auch klar, dass diese Verluste nur hier, am Ort des Geschehens, und in der Gemeinschaft bewältigt werden können.“

Was die Touristen angeht, hat sich Galtür vom Schock erholt. Es kommen nahezu wieder so viele Gäste wie vor fünf Jahren. Und doch scheint das Unglück manchmal noch erstaunlich nahe. „Das Thema ist nicht abgeschlossen“, sagt Lorenz. „Wenn sich das Wetter verschlechtert, wenn große Schneefälle prognostiziert sind, dann gibt es, ja, ich möchte nicht sagen Nervosität, aber dann wird einfach viel darüber gesprochen.“

„Warum bin ich übrig?“

Trotz des Traumas scheinen die Galtürer akzeptiert zu haben, was geschehen ist. „Mir ist einfach bewusst geworden, dass es Dinge gibt, die wir nicht beeinflussen können“, sagt Franz Lorenz, Manfreds Vater. Er wird im nächsten Jahr 80. Lorenz ist ein kleiner drahtiger Mann, senkrechte Falten durchschneiden sein Gesicht. „Ich hab mich natürlich gefragt: Warum ist meine Frau im Schnee geblieben? Die hatte doch immer so gute Ratschläge. Und warum bin ich übrig? Aber wenn man an Schicksal glaubt, dann kann das auch eine Erklärung sein.“

Er erinnert sich an einen Tag, als er mit Vanessa, der kleinsten Tochter von Manfred, vor die Tür getreten ist. „Da war sie sieben. ,Heute scheint die Sonne ganz besonders schön’, habe ich zu ihr gesagt. Und da hat sie erwidert: ,Gell, wo Nona und Edith jetzt sind, da scheint immer die Sonne’.“ Nona sagt man in Tirol zur Oma. „Das war ungefähr einen Monat nach dem Schock. Das war der erste Trost, der mich wieder aufgerichtet hat“, sagt Franz Lorenz.

Ein Stück sicherer können sich die Galtürer jetzt fühlen. Der Grieskogel scheint gezähmt, zumindest hat man ihm Ketten verpasst. Auf der Spitze erkennt man längliche schwarze Sprenkel im Weiß. Es sind neun Meter hohe Stahlzäune mit Betonankern. Sie sollen den Schnee festhalten und sind Teil der Sicherheitsmaßnahmen, ebenso wie die Schutzwälle am Fuß des Berges, für die in Galtür sechs Millionen Euro investiert worden sind. Die Dorfbewohner wollen sich und ihre Gäste schützen. Und auch wenn die Berge ihnen manchmal drohen, sind sie Teil ihres Lebens. „Man braucht am Abend nur vor die Tür zu gehen“, sagt Franz Lorenz auf die Frage, was ihn beruhigt, „und zu sehen, die Berge, die stehen alle noch am selben Platz.“

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