Zeitung Heute : Bergsteigen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Hunger hab’ ich“, sagt die Tochter, als wir das Kino in Friedrichshain verlassen. „Aber wir wollten uns doch noch den Märchenbrunnen im Park ansehen und den Berg besteigen“, sage ich, der Rentner.

Im Abendlicht leuchten die Haare eines Mädchens rot vor dem Brunnen, Dornröschen schläft, der Gestiefelte Kater stiefelt. Braun-schmutzig liegt das Wasser, die bärtigen Frösche spucken nicht, und die Tochter, 18, findet die Graffiti am Brunnen eine Gemeinheit. Kinder brauchen Märchen, 18-jährige Töchter wohl nicht, denkt sich der Rentner.

Bergauf zum Lokal Schönbrunn windet sich der Weg, die Tochter vor Hunger. Es dauert, bis wir oben sind. Dort liegt das Monstrum, der Bunker, der Flakturm. Die Sprengung hat den Turm auf die Seite geworfen, Beton und Eisenarmierungen ragen aus der Erde. Dann hat man den Schutt der bombenzerstörten Stadt angeschüttet, Millionen Kubikmeter, Bäume gepflanzt.

Der Rentner erzählt nicht von den Nächten im Keller, den Geräuschen der Sirenen, der anfliegenden Bomber, nicht von dem Beben des Bodens bei den Explosionen. Er erwähnt auch nicht, wie er im vorigen Jahr einen Bunker besuchen wollte. Avantgardistische Künstler zeigten hier ihre Bilder. Nach fünf Metern Betonflur und Bunkergeruch geriet er in Panik und musste umkehren.

Vorbei nun an der Säule mit der Büste Friedrichs, 1848 gesetzt, in dem Jahr, als die Berliner Revolution probten, Barrikaden errichteten und geschmolzene Dachrinnen auf die Soldaten kippten. Die Toten dieses Aufstandes liegen im Park auf der anderen Seite.

Es wird dunkel, die Fontäne im kleinen See leuchtet blau, ein einsamer Mann steht trocken und beglückt unter den Wasserbögen eines Brunnens. Im Restaurant ist noch ein einziger Tisch frei. Die Schwiegermutter behauptete einmal, hier den besten Tafelspitz ihres Lebens gegessen zu haben. „Großen Hunger hab ich“, sagt die Tochter zum Kellner. Er schlägt Tafelspitz vor, die Tochter ist Vegetarierin, ich nicht, ich bin Kriegs- und Blockadekind. Drei Tafelspitze kommen, ich esse alle auf. Wie schön, dass der Hunger der Tochter nicht traumatisch ist.

Volkspark Friedrichshain

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