Zeitung Heute : Bericht aus Bonn

Matthias Platzeck will sie als SPD-Vize-Chefin. In NRW, ihrer Heimat, gönnenihrdasviele nicht

Jürgen Zurheide[Oberhausen]

Bärbel Dieckmann kommt an diesem Morgen später zum Parteikonvent. Eigentlich hatte sie diskret die Tür zum Saal öffnen und sich in die letzte Reihe setzen wollen. Dort hätte sie den Debatten der lieben Freunde auf dem Podium über die Zukunft der Sozialdemokratie gelauscht. Doch Bärbel Dieckmann schafft es nicht bis in den Tagungsraum, in dem sich an diesem Sonnabend mehr als 1000 Besucher drängen.

Die Bonner Oberbürgermeisterin wird aufgehalten. Fernsehteams bombardieren sie mit Fragen und auch die Parteifreunde haben viel Gesprächsbedarf. Sie muss die Geschichte wieder und wieder aufsagen, wird bekennen, dass sie den Rücktritt von Franz Müntefering nicht hatte kommen sehen: „Es ging mir ausschließlich um die Frage, welche Rolle ein künftiger Generalsekretär in der Partei spielt.“ Sie wird ihr Votum für Andrea Nahles im Parteivorstand mit dem Hinweis auf Müntefering begründen, der bei seiner eigenen Wahl 1998 sagte, dass er nicht der General des Vorsitzenden, sondern der SPD werde.

Die Wohlwollenden werden ihr berichten, dass im Saal ein Artikel mit der Überschrift „Die Clintons aus der Bundesstadt“ die Runde macht, der für Schmunzeln, aber auch für bissige Kommentare über das ehrgeizige Ehepaar Dieckmann sorgt. In solchen Momenten verändert sich das Gesicht von Bärbel Dieckmann. Meist strahlt sie gelassene Eleganz aus, nun wirkt sie verletzt und irritiert.

Dass Matthias Platzeck sie zur stellvertretenden Parteivorsitzenden machen möchte, hatte ihr Ehemann Jochen bei der Eröffnung des Parteikonvents nicht ausdrücklich erwähnt. Der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen SPD hatte eher allgemein über die Lage der Partei geredet, noch einmal bedauert, dass Müntefering auf diese Weise um das Amt gebracht wurde, dann aber versucht, den Blick nach vorn zu richten. „Wir müssen aufhören, uns mit uns selbst zu beschäftigen, die SPD steht in wichtigen Koalitionsverhandlungen“, hatte er ausgerufen und hinzugefügt, „wir wollen den Erfolg dieser Koalition.“ Da hatten auch jene geklatscht, die in den vergangenen Tagen gegen das Ehepaar zu Felde gezogen waren. „Uns fliegen die Parteibücher vor die Füße“, hatte Dieckmanns Stellvertreterin im Landesvorstand, Britta Altenkamp, vorher noch gesagt und Karsten Rudolph, der andere stellvertretende Parteivorsitzende, hatte öffentlich darauf hingewiesen: „An der Basis gibt es viele, die verstehen nicht, dass ausgerechnet jene, die Franz gemeuchelt haben, jetzt Karriere machen sollen.“

Damit war zwar nicht nur, aber auch Bärbel Dieckmann gemeint. Die Nachwuchskräfte Altenkamp und Rudolph zählen zur Führungsreserve, sie sprechen aus, was viele an der verunsicherten Basis, vor allem im Ruhrgebiet, denken. Und im Hintergrund agiert Hannelore Kraft, die neue Fraktionschefin, die ebenfalls aus dem Revier stammt. Wo die Bonnerin eher die staatsmännische Attitüde pflegt, behauptet sich Fraktionschefin Kraft mit harten Attacken auf den politischen Gegner. Mehr als einmal ist sie den neuen Regierungschef Jürgen Rüttgers so rüde angegangen, dass der die Fassung verlor – was ihr den Respekt der eigenen Truppe brachte.

Zwischen den beiden gibt es nicht nur Unterschiede im Temperament. Seit Matthias Platzeck bei Bärbel Dieckmann nachgefragt hat, ob sie seine Stellvertreterin werden möchte, herrscht Alarmstimmung im Landesverband und bei der Fraktionschefin. Da werden Geschichten über das Werben des Ehemannes Jochen für seine Frau in Berliner Kungelrunden erzählt, und am Ende wird aus Bärbel Dieckmann die nächste Herausforderin von Rüttgers.

Bärbel Dieckmann hat Mühe, all die Angriffe einzusortieren. „Ich habe das schönste Amt, das ich mir vorstellen kann“, sagt sie am Samstag und erzählt etwas von unmittelbarer Demokratie. Sie hat die Wahlen zum ersten Mal 1994 gewonnen, was damals auffiel, denn Bonn war in den Jahrzehnten zuvor für die CDU eine sichere Bank gewesen. Mit ihrer sachlichen Art hat sie viele Konflikte in der Stadt moderiert und dafür gesorgt, dass der Verlust des Hauptstadtstatus so gut verkraftet wurde, dass es heute mehr Arbeitsplätze gibt als zuvor.

Matthias Platzeck kennt sie vom Städtetag. Als er sie am vergangenen Mittwoch fragte, ob sie in seinem Führungsteam als Fachfrau für die Kommunen mitmachen wolle, hat sie nicht lange gezögert und Ja gesagt. Erst anschließend habe sie mit ihrem Ehemann Jochen darüber gesprochen.

Als auch vor dem Parteikonvent in Oberhausen die Spekulationen über ihre Spitzenkandidatur im größten Bundesland auftauchen, entspannen sich ihre Züge wieder. „Ich strebe kein anderes Amt mehr an“, sagt sie. Genau das hat sie auch Hannelore Kraft erzählt.

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