Zeitung Heute : Bericht aus einem fernen Land

Klassentreffen zum 75. – Kohl feiert Geburtstag

Robert Birnbaum

Saumagen hat es natürlich gegeben, Pfälzer Weine, und überhaupt hat das Wort in der Luft gelegen, das am Montagabend einer beim Blick in die Runde im Innenhof des Deutschen Historischen Museums ausgesprochen hat: „Wie beim Klassentreffen!“ So was Ähnliches ist es ja auch. Graue Haare, weiße Haare, gebeugte Rücken, grüppchenweise ins Gespräch vertieft – die politische Klasse einer vergangenen Republik gibt sich ein Stelldichein zum Geburtstag des Klassenprimus. Und alle sind gekommen. Na ja, fast alle. Wolfgang Schäuble fehlt, Norbert Blüm, Heiner Geißler, um nur die Auffälligsten zu nennen. Helmut Kohl hat sich ein paar Feindschaften gemacht, die den Anlass eines 75. Geburtstags überdauern.

Dafür sind ein paar andere ältere Herrschaften da, deren Bedeutung für den Jubilar in den offiziellen Ansprachen nicht so richtig gewürdigt wird. Zum Beispiel der weißhaarige Herr, der sich am anderen Morgen bescheiden in eine der hinteren Stuhlreihen setzt. Dass er auf der Einladungsliste der Konrad-Adenauer-Stiftung aufgetaucht ist, liefert den leibhaftigen Beleg für die in den nachfolgenden Reden verschiedentlich rühmend vermerkte Eigenschaft des Helmut Kohl, für die zu sorgen, die er zu den seinen zählt. Denn dies ist Hans Terlinden, Duzfreund aus Mainzer Tagen – und eine der Hauptfiguren der Spendenaffäre. Eine Episode im Leben des Helmut Kohl, die hier ansonsten nur indirekt vorkommt, etwa in Gestalt der Tatsache, dass nicht die CDU ihrem Altvorsitzenden den Geburtstag ausrichtet, sondern die parteinahe Stiftung. Ein Stück Distanz soll bleiben.

Die lässt ja dann auch, umgekehrt, das ungehemmte Schwelgen in Erinnerungen zu. Sie zerfallen in launige und nachdenkliche. John Major, der britische Ex-Premierminister, verbucht einen der größeren Lacherfolge für die Geschichte vom deutschen Kanzler, der bei einem EU-Treffen in Birmingham auf protestierende Bergleute traf, die „Coal forever“ brüllten. „Helmut war entzückt“, spottet der Brite. Oder Angela Merkels Reifeprüfung für den Job der Familienministerin: „Verstehen Sie sich mit Frauen?“, habe Kohl die Ex-DDR-Regierungssprecherin 1990 gefragt. Die Auskunft, sie habe ein gutes Verhältnis zu Mutter und Schwester und immer auch Freundinnen gehabt, machte die Frau ministrabel, die heute auf dem Weg ist, Kohls Alleinerbin zu werden.

Aber das sind Anekdoten am Rande. Im Zentrum steht etwas anderes, Kohl wird es später in seinem Schlusswort selbst andeuten. Beim Schreiben seiner Memoiren, sagt der alte Mann, und Tränen schimmern in seinen Augen, da habe er erkennen müssen, dass er fast nur noch über Tote schreibe. „Das ist mich an manchem Tag hart angekommen.“ Da wird endgültig deutlich, wie weitab das alles schon gerückt ist. Der Kanzler der Einheit, der Architekt der europäischen Einigung – große Worte aus einer fernen Zeit.

Henry Kissinger, der gegen alle Gewohnheit auf Deutsch redet, der Sprache seiner Fürther Kindheit, erzählt vom zerbombten Berlin 1945 und von den guten Tagen der transatlantischen Partnerschaft. Es klingt nicht viel weiter weg als die Erinnerung des Schriftstellers Reiner Kunze an die Postkontrolle in Ost-Berlin, als der Dank des Franzosen Jacques Delors für den Händedruck Kohls mit Francois Mitterrand über den Gräbern von Verdun, als die Erinnerungen des Polen Wladyslaw Bartoszewski. Berichte aus dem 20., dem vorigen Jahrhundert. Aus einer Zeit, als einer noch mit 16 Jahren einer Partei beitreten konnte, die gerade zwei Jahre alt war, und sie später prägen konnte über drei Jahrzehnte – Politik als Abenteuer auf Lebenszeit. „Die CDU wird wohl seinesgleichen nicht mehr erleben, und sie weiß es auch“, sagt der Historiker Hans-Peter Schwartz. Das klingt pathetisch, aber es ist wahr.

Kohl weiß das auch. „Da kommen wir her, das war gestern“, sagt er in seinem Schlusswort. „Das hier ist heute.“ Und dass er die Zeit, die ihm noch verbleibe, nutzen wolle, um die Erfahrungen seiner Generation weiterzugeben, den Jungen vor allem. Und übrigens auch, aber das sagt nicht er, das hat Merkel gesagt, der eigenen Partei. Der Alte zieht ja nur noch selten Strippen – letzter aktenkundiger Fall war eine Intervention im Heimatverband Rheinland-Pfalz zugunsten des bedrängten Landeschefs Christoph Böhr. Aber wer seinen Rat will, kriegt ihn. Es gibt in der CDU wieder viele, die diesen Rat suchen. Nicht zu vergessen die Jungen. JU-Chef Philipp Mißfelder erinnert an den Jubel für Kohl beim JU-Deutschlandtag – Kohl, das Idol. Einer, auf den sich der CDU-Nachwuchs trotzig beruft, die Verschwörung der Enkel mit dem Großvater: „Auch Herr Müntefering wird nichts daran ändern können, dass spätestens seine Urenkel in eine Helmut-Kohl-Schule eingeschult werden!“

Somit wäre Helmut Kohl also endgültig dort angekommen, wo ihn, ohne Absicht, aber schon irgendwie treffend, die Veranstalter bereits untergebracht hatten an diesem Tag. Der Jubilar ist nämlich natürlich früher da gewesen am Morgen, seine Laudatoren auch, und irgendwo haben sie ja warten müssen auf den Einzug in das Foyer unter dem Glasdach. So hat sich pünktlich um zehn Uhr eine Tür geöffnet, aus der Gastgeber Bernhard Vogel die kleine Schar geführt hat; über der Tür aber hat man lesen können, wo sie den Altkanzler untergebracht hatten: „Museumsladen“.

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