Zeitung Heute : Bericht zur Lage

In den vergangenen Tagen wurden in Afghanistan immer wieder deutsche Soldaten angegriffen. Hat sich die Sicherheitslage verschlechtert?

Frank Jansen

Auch wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan als Hauptfeind ins Visier der Taliban geraten – die Fakten belegen das nicht. Im Gegenteil: Lediglich zwei Prozent aller „sicherheitsrelevanten Zwischenfälle“ in Afghanistan seien in diesem Jahr (Stichtag 31. August) in der Nordregion – dort wo die Bundeswehr stationiert ist – registriert worden, sagen deutsche Sicherheitsexperten. Im Vorjahr waren es noch 3,5 Prozent.

Anlass zur Entwarnung sehen die Sicherheitsexperten allerdings nicht. Insgesamt hat sich die Lage in Afghanistan deutlich verschlechtert. Bis Ende August wurden rund 5300 sicherheitsrelevante Zwischenfälle gezählt. Mit „sicherheitsrelevant“ sind fünf Arten von Attacken gemeint: Anschläge mit improvisierten Spreng- und Brandsätzen (wie vergangene Woche beim Tod des deutschen Fallschirmjägers nahe Kundus), Feuergefechte militanter Gruppen mit Sicherheitskräften, Raketenangriffe, Selbstmordanschläge und Entführungen.

Es gibt allerdings, je nach Landesteil, enorme Unterschiede. Bis zum 31. August wurden im Bereich des südlichen Regionalkommandos der Isaf-Truppe 2500 Zwischenfälle festgestellt. Das derzeit von Kanada geführte Regionalkommando umfasst sechs Provinzen, darunter die Talibanhochburgen Kandahar und Helmand. Ähnlich schwer ist das von den USA geführte Isaf-Regionalkommando Ost betroffen. In den 14 Provinzen wurden bereits 2400 Attacken registriert. Ein Grund für die kritische Lage: Die Ostregion grenzt an die pakistanischen Stammesgebiete, das Bollwerk von Taliban, Al Qaida und anderer militant islamistischen Organisationen.

Im Areal des Regionalkommandos West (geführt von Italien, vier Provinzen) wurden bis Ende August 220 Attacken gezählt. Es folgt das Regionalkommando Nord (neun Provinzen) unter Regie der Deutschen mit 96 Zwischenfällen. 83 Angriffe zählte das für die Hauptstadt Kabul zuständige Regionalkommando, geführt von den Franzosen.

Der Anstieg der Zwischenfälle hat auch damit zu tun, dass die internationalen und afghanischen Sicherheitskräfte aufgestockt worden sind, sagen Experten. Dadurch böten sich „den Militanten immer mehr Angriffsflächen“. Zum Vergleich: 2007 standen 50 000 Soldaten im Rahmen von Isaf und „Enduring Freedom“ im Land, hinzu kamen 30 000 afghanische Soldaten. In diesem Jahr sind es 70 000 internationale Sicherheitskräfte, die afghanische Armee umfasst 40 000 Mann.

Gravierend sei aber nicht nur der bizarre Effekt, dass mehr Sicherheitskräfte mehr sicherheitsrelevante Zwischenfälle provozieren, sagen Experten. „Der militante Widerstand ist ein nachhaltiges Phänomen, weil er lokal und in den Stämmen verwurzelt ist“, heißt es. So lässt sich auch das regionale Ungleichgewicht bei den Attacken erklären: Die Gebiete mit einer hohen Zahl von Zwischenfällen sind fast identisch mit den Siedlungsräumen der Paschtunen. Aus ihnen rekrutieren sich die Taliban.

Bei den Paschtunen hat der Widerstand gegen Fremde Tradition. Britische Kolonialherren und Sowjet-Besatzer wurden hart bekämpft. In dieser Logik sind die internationalen Truppen der nächste Gegner. Paschtunenstämme zu „drehen“, wie es den USA im Irak mit einem Teil der aufständischen Sunniten gelang, scheint kaum möglich zu sein. Die Taliban profitieren zudem von der Topografie: In den unwegsamen Gebirgsregionen „geht der technologische Vorsprung einer modern ausgerüsteten Armee verloren“, sagt ein Experte. Die „Paschtunisierung“ des Widerstands ist nach Ansicht von Sicherheitskreisen auch einer der Gründe für die prekäre Sicherheitslage am Bundeswehrstandort Kundus. Die Region ist ein Paschtunensprengel im mehrheitlich von Tadschiken und anderen Ethnien bewohnten Norden. In anderen Nordprovinzen, zum Beispiel Baghlan und Faryab, geht die Zahl der Attacken zurück.

Landesweit zeichnet sich indes ein Wechsel der Taktik der auf 10 000 bis 30 000 Kämpfer geschätzten Taliban ab. Anschläge mit selbstgebastelten Sprengsätzen nehmen zu – eine Folge der hohen Verluste, die Feldkommandeure und Kämpfer der Taliban in Gefechten erlitten haben, sagen Experten. Doch der Taktikwechsel der Islamisten macht die Sache nicht einfacher. Auch den Kampf gegen versteckt operierende Krieger halten Experten für enorm schwierig.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Der Anbau von Schlafmohn scheint zu schrumpfen. Für 2008 sei eine Produktion von 7700 Tonnen und damit 500 Tonnen weniger als im Vorjahr zu erwarten, sagen Experten. Inzwischen seien 18 afghanische Provinzen „anbaufrei“, 2007 waren es 13. Die Gründe: Einige Gouverneure greifen härter durch, zudem wird für die Bauern durch den globalen Anstieg der Nahrungsmittelpreise ein Wechsel zu Nutzpflanzen etwas attraktiver.

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