Zeitung Heute : Berichterstattung: Ein Krieg wird geboren

Tanja Stelzer

Es ist 20 Uhr 57 Ortszeit, 18 Uhr 57 in Europa. Vier Explosionen sind zu hören, und dann ist der Nachthimmel über Kabul hell erleuchtet. Artilleriegeschosse und Luftabwehrfeuer - der Lärm von Flugzeugen ist in der ganzen Stadt zu hören. Rauchwolken hängen über Kabul. Die Nachrichtenagentur AFP nennt es "ein erschreckendes Schauspiel."

Die ersten grobkörnigen Bilder vom Gegenschlag, die CNN per Videophone in die Welt schickt, schimmern grün. Ein bisschen sieht dieses Kabul nach einer Mondlandschaft aus; ab und zu sieht man einen hellen Punkt aufleuchten. Es könnte auch eine Ultraschallaufnahme sein, ein Bild fast wie jene, die werdende Eltern gerne und stolz umherzeigen. Aber hier wird ein Krieg geboren. Er beginnt in Kabul, am Flughafen im Norden der Hauptstadt. Wenig später schlagen Bomben ein in Kandahar, wo die Taliban ihr Kommandozentrum haben, und in Dschalalabad, wo sich ihre wichtigsten Ausbildungslager befinden sollen.

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Fotostrecke: Militärschlag gegen das Taliban-Regime "Auf meinen Befehl hin hat die Armee der Vereinigten Staaten ihre Angriffe auf die Terror-Ausbildungslager der Al Kaida und das Taliban-Regime in Afghanistan begonnen", sagt kurz darauf George W. Bush im Fernsehen, "jetzt werden die Taliban den Preis bezahlen." Gut frisiert, ruhig und bedacht spricht er zu seiner Nation, aus dem Weißen Haus, wie er betont, wie um zu verdeutlichen, dass er diesmal im Zentrum der Macht sitzt, nicht wie am 11. September. George W. Bush will zeigen, dass er alles unter Kontrolle hat, es nicht nötig hat, sich zu verstecken. Er kann verkünden, dass seine Verbündeten an seiner Seite stehen, allen voran Großbritannien, aber auch Kanada, Frankreich, Australien und Deutschland. "Your goal is just", Euer Ziel ist gerecht, sagt er seinen Soldaten, und weil dies nur der Anfang des Gegenschlags ist: "Heute konzentrieren wir uns auf Afghanistan, aber die Schlacht ist größer." Als er sagt: "We will not fail", wir werden nicht versagen, kräuselt er leicht die Stirn, und verkündet dann die Hoffnung: "May god continue to bless America" - Möge Gott weiter seine schützende Hand über Amerika halten.

Es ist vielleicht eine halbe Stunde nach der Rede des US-Präsidenten, als die Lichter in Kabul wieder angehen. Im Fernsehen laufen animierte Filmchen mit Flugzeugen, die über afghanische Berge fliegen, Fotos vom verhassten bin Laden, Bilder von B 2-Bombern, F 14, F 16. Ihr Einsatz habe den Vorteil, heißt es, dass sie eine "starke Schädigung es Gegners" erlaube und nur mit "geringen Verlusten" bei den eigenen Leuten zu rechnen sei. Während der Reporter die Worte spricht, haben Bewohner aus der Umgebung des Flughafens von Kabul schon die Flucht ergriffen. Für sie ist es wenig beruhigend, dass die US-Flugzeuge noch am Abend damit begonnen haben, Lebensmittel über Afghanistan abzuwerfen. Und sie halten sich auch nicht an die Ausgangssperre, die die Taliban bis zum Morgengrauen verhängt haben, wie die afghanisch-islamische Presseagentur (AIP) aus Pakistan meldet. In der ARD erzählt Patricia Schlesinger, es sei berichtet worden, in den Straßen würden Menschen erschossen, die ein bestimmtes Geheimwort nicht wüssten.

"Bruder, mach dir keine Sorgen. Die Flugzeuge haben einige Bomben abgeworfen. Es ist nichts Großes. Keine Sorge", sagt ein Mitarbeiter des Taliban-Außenministeriums zu dem Journalisten der AIP. Ein anderer Taliban-Diplomat lässt durchblicken, was "keine Sorge" bedeutet: "Wir sind bereit für den Jihad." Und dann taucht auch noch der bislang unsichtbare Feind auf, der Hauptprotagonist dieses Krieges auf, Osama bin Laden. Die Taliban hatten früher am Tag verkündet, sie könnten bin Laden nicht ausliefern. Später lassen sie wissen, er habe die Angriffswelle überlebt, und der arabische Fernsehsender Al-Jesira zeigt aus Katar ein vorab aufgezeichnetes Video, in dem bin Laden auftritt, wie man ihn von Bildern kennt: mit weißem Turban, in weißer Kutte, mit langem grauem Bart. Über die Attentäter von New York und Washington sagt er: "Wir wünschen, dass Gott sie erhebt." Bin Laden droht, die USA würden "nie mehr Sicherheit finden", solange es keinen Frieden für Palästina gebe.

Die US-Regierung weiß, wie ernst sie die Androhung nehmen muss. Sie hat ihre im Ausland lebenden Bürger vor Vergeltungsschlägen gewarnt. Der Gegenschlag könne zu "starken anti-amerikanischen Gefühlen und Vergeltungaktionen gegen US-Bürger und amerikanische Interessen in der Welt führen". Alle noch in Afghanistan befindlichen US-Zivilisten sollten das Land umgehend verlassen, und US-Bürger in anderen Teilen der Welt sollten Kontakt mit der nächstgelegenen Botschaft aufnehmen, ihre Bewegungen in der Öffentlichkeit möglichst beschränken und die Nachrichten einschalten.

Auch das Fernsehen in Deutschland reagiert. Nur in der ARD läuft um 19 Uhr noch die "Lindenstraße". Später am Abend wollte sie eigentlich einen Tatort senden. Statt dessen gibt es dann "Tagesthemen-Extra". Als Logo prangt im Hintergrund das grüne Bild von den Explosionen in Kabul, versehen mit einem Fadenkreuz, ganz wie es zum "Tatort"-Vorspann gehört.

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