Zeitung Heute : Berlin, Berlin!

In der quirligen Hauptstadt hat die Humboldt-Universität alle Chancen, die spannendsten Menschen an sich zu ziehen

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Von Wolfgang Kaschuba

Berlin war und ist eine Stadt der Wissenschaft. Nicht nur, weil sie seit Jahrhunderten Wissenschaft beherbergt, seit 1810 insbesondere Humboldts Friedrich-Wilhelms-Universität und bis heute viele weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Nein, sie ist es vor allem auch deshalb, weil sie seit langem ein überaus attraktiver Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung ist. Jedenfalls seit dem 19. Jahrhundert, in dem die werdende Metropole zunächst zum bevorzugten Studienobjekt von Hygienikern und Technikern, von Historikern und Statistikern wurde. Sie interessierte, wie so viele Menschen in dieser Millionenstadt auf so wenig Raum erfolgreich verwaltet, ernährt, behaust, geimpft, befördert und auch im geistigen Sinne „erbaut" werden konnten.

Nach ihnen, um 1900, kamen die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften – angelockt durch die Bilder und Mythen einer Stadt, die sich in weniger als einhundert Jahren vom europäischen Aschenbrödel der schönen Schwestern London und Paris zum Phönix der Moderne aufzuschwingen begann. „Labor der Moderne", „Menschenwerkstatt Berlin": da schien ein neuer Typus der Metropole und ein neuer Typus des Großstädters heranzuwachsen, ein neues soziales Wesen, dem der Psychologe Willy Hellpach damals „sensuelle Vigilanz", gepaart mit „emotionaler Indifferenz" zuschrieb: helle Wachheit bei gleichzeitiger Coolness, um in der Großstadt zu überleben. Ob Berlin damals im Vergleich mit New York tatsächlich die „schnellste Stadt der Welt" war, wie deutsche Verkehrsplaner meinten, ob der Berliner Dialekt in Wirklichkeit nur aus stakkatohaftem Sprechtempo bestand statt aus einem wirklich lokalen Idiom, wie Walter Benjamin mutmaßte, oder ob Berlin nun Spreeathen oder Moloch, Fabrikstadt oder Künstlerkolonie, rot oder preußisch genannt wurde - egal. Das Faszinosum war, dass diese Stadt nie einig und einfach, nie glatt und geordnet erschien, sondern stets in Bewegung, „im Werden": sozial wie politisch, architektonisch wie ästhetisch, kulturell wie mental. Von München unterschieden es nicht nur die vielen zugewanderten Polen und Russen, von Köln nicht nur der fehlende Karneval, von Hamburg nicht nur Wann- statt Nordsee. Denn Residenz war man ohnehin nie gern gewesen. Feiern tat man nur notfalls. Und ein „Tor zur Welt" brauchte es hier nicht, man war selbst „Welt-Stadt".

Die Stadt-Universität

Dieses unruhig in sich Ruhende, diese uneitle Koketterie, diese zaghafte Arroganz „war" Berlin, ergab seine „andere" Atmosphäre, seine Signatur. Etwas zutiefst Widerspruchsvolles, das seine Liebhaber anlockte, die Wissenschaftler, die dieses ständige Werden in Politik und Gesellschaft, in Literatur und Kunst, in Musik und Mode zugleich vergeheimnissten und verstehen wollten. Die „Menschenwerkstatt Berlin" versprach ihnen soziale und kulturelle Visionen im riesigen Reagenzglas Stadt. Rudolf Virchow und Georg Simmel, Max Weber und Walter Benjamin: Sie alle wollten das Geheimnis einer sozialen und kulturellen Melange lüften, deren Farbe „Urbanität" und deren Geschmack „Modernität" hießen und die offenbar ihr eigenes Mischungsverhältnis besaß – bis 1933 dann brutal „entmischt" wurde.

Nach 1945 wuchs diese Neugier wieder in Zeiten der dramatischen Teilung der Stadt und boomt nun endgültig seit dem Fall der Mauer. Wieder ist es das Vielgestaltige und Widersprüchliche, das Kantige und Rissige, das fasziniert und lockt. Wieder sind es die Gegensätze und deren augenscheinliche Vereinbarkeit, die bestaunt werden. Von Soziologinnen aus New York, Historikern aus Paris und Geografen aus London, die nach Mauer und nach Ost-West-Milieus fragen, nach Neonazis und Multikultur, nach Loveparade und Preußen. Doch bestaunt und beforscht wird die Stadt vor allem auch von den Berliner Wissenschaften, die gleichsam im eigenen Reagenzglas leben. Auch für sie existieren ganz unterschiedliche Bilder dieses Berlins, meist aber spannungsvollere und damit spannendere als von den meisten fußgängerzonen-gefönten westdeutschen Wirtschaftswunder-Städten.

Wenn sich die Humboldt-Universität in dieser Tradition als Berliner „Stadt-Universität" begreift, dann eben nicht nur durch ihre zentrale Lage, sondern mehr noch im Sinne jener Faszination, Neugier und Zuneigung. Dabei ist die wissenschaftliche Rahmenperspektiven gewiss eine andere geworden. Es ist nicht mehr die der „Menschenwerkstatt" und des „Labors", also des vermeintlich Konstruierbaren und Lenkbaren der Stadt „von oben". Wir sprechen statt dessen von einer „Stadtlandschaft", die sich sozial und kulturell selbst immer wieder neu gestaltet, die aus sich heraus immer wieder neue Akteure, neue Themen, auch neue Konflikte hervorbringt. Das wäre gewiss Urbanität: die Fähigkeit, aus kulturellen Unterschieden und sozialen Differenzen nicht nur individuelle Leidensfähigkeit und Stadtneurosen, sondern neue soziale Erfahrung und Energie zu schöpfen. „Gesellschaft" im komplexen Sinne sein zu wollen statt Posemuckel.

Bühnen der Macht

Denn es ist gerade dieses vielfach Ungeordnete und Offene der Stadtlandschaft, das Berlins Charme und Chancen mit ausmacht. Ihre Zerrissenheit in der jüngeren Geschichte etwa ist als Drama und Mythos eben auch ein symbolisches Kapital. Die städtebaulichen und architektonischen Eingriffe der Regimes, die Spuren der politischen Systeme und Epochen, die tiefen Narben der Kriege und der Teilung: All dies macht Berlin zu einem besonderen Ort im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wie der Welt. Es schafft seine Aura als ein „Gesamtkunstwerk" der Geschichte. Umgekehrt zeigen aktuelle Kultur- und Wirtschaftsanalysen wie sich neue Kunst- und Kulturformen in den Lücken, an den Rändern, im „Dazwischen" dieser Stadtgesellschaft entwickeln. Wie daraus neue soziale Bewegungen und neue Lebensstile entstehen und wie wichtig dies wiederum ist als Standortqualität Berlins. Ohne Loveparade und Karneval der Kulturen, ohne seine Film- und Musiklabels, ohne Alternatives und Szeniges von der Esskultur bis zur Kunst wäre Berlin wirtschaftlich wie kulturell noch wesentlich ärmer.

Dann ist da ja noch die Hauptstadt, die ein „neues Berlin" werden sollte. Hauptstadt sind wir geworden, neu nur ein wenig. Doch auch dieses Wenige ist hochinteressant. So untersucht gegenwärtig ein Forschungsprojekt am Institut für Europäische Ethnologie, wie die Politik nun ihre „Bühnen der Macht" in dieser Stadtlandschaft zu errichten versucht. Welche historischen Begründungen und Legenden um Standorte und Ministerien gewoben werden, welche Sprache die Architektur dieser Macht spricht, welche symbolischen Wirkungen von politischen Inszenierungen wie der „Berliner Rede" ausgehen. Ein Meisterstück in dieser Hinsicht ist der Reichstag als historisch-politischer Ort. Zunächst im Abseits der Geschichte, dann von Christo und Jean-Claude silbern verpackt und so symbolisch gereinigt, schließlich mit Norman Fosters gläserner Kuppel versehen, scheint er eine neue Öffentlichkeit und Transparenz von Politik zu versprechen. Oder schien es nur so? Er ist jedenfalls die Repräsentationsbühne par excellence.

All diese Forschungen aber – und das ist wesentlich – beuten die Stadt als Forschungsobjekt keineswegs nur aus. Sie lassen ihr viel mehr da, geben ihr zurück. Was? Geld natürlich, das sie vielfach als so genannte Drittmittel von draußen herein holen und hier ausgeben. Dann Beziehungen, die sie in der Stadt knüpfen zwischen Stadtteilen und Institutionen, zwischen Disziplinen und Menschen, weil die Wissenschaft ein besonderes mobiles „Völkchen" verkörpert, das die Kneipen, die Wohnungen und die Stadtteile im Unterschied zum kiezigen Normalberliner ständig wechselt. Auch zahllose Verbindungen nach draußen, die für Berlin werben: Die Humboldt-Universität hat beispielsweise in diesen Wochen in Moskau und in New York eigene Vertretungsbüros eröffnet. Schließlich und vor allem aber Ideen und Bilder dieser Stadt, die in Büchern und Filmen, in Theaterstücken und Gebäuden, in Plänen und Konzepten auch Teil und Besitz dieser Stadt werden.

Wissenschaftler im Allgemeinen und Stadtwissenschaftler im Besonderen sind eben einfach „Urbanizer", Liebhaber und Verehrer des Großstädtischen. Sie „baggern" die Stadt regelrecht an, fordern sie heraus, verhelfen ihr dadurch auch zu jenem übergreifenden, gemeinsamen Wir. Berlin braucht solche Liebhaber – dringender denn je!

Wolfgang Kaschuba hat einen Forschungsschwerpunkte zum Thema „Die Inszenierung der Hauptstadt Berlin: Öffentlicher Raum als symbolische Ordnung". Mehr im Internet: www2.hu-berlin.de/ethno/seiten/forschen/projekte/dfg/buehnen/binder.htm

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