Zeitung Heute : Berlin bleibt Bonn

THOMAS KRÖTER

BONN . Wenn naturnahe Völker Menschen, Dingen, Orten wunderwirksame Fähigkeiten als Zauberer, Fetische, heilige Stätten beimessen, diagnostiziert der abendländische Ethnologe "magisches Denken". Was würde wohl ein Schamane sagen, verfolgte er, mit welchen Erwartungen ein hochzivilisiertes Volk wie die Deutschen die Verlegung des Parlaments und der Regierung von Bonn nach Berlin befrachtet? Entlockte ihm der mit Hoffnungen wie Befürchtungen aufgeladene Diskurs über den Umzug ein schmunzelndes "Hallo Nachbarn!" Einschränkung: Wenn Regierung und Parlament diese Woche die Koffer packen, bewegt das außerhalb des Kreises der Betroffen in rheinischer Tiefebene und märkischem Sand nur wenige. Mehr als die modernen Häuptlinge sind dem Zauber des Wechsels von der Bonner in die Berliner Republik höchstens die Medizinmänner in den Feuilletons erlegen. Gerade ihr wechselfrohes Unbehagen am verläßlichen Fluß der Normalität verurteilt sie zur Minderheit.

Für die historische Sekunde der ersten Jahre nach der Einheit wären womöglich die West-, sicher die Ostdeutschen in den Bann des Aufbruchs zu schlagen gewesen. Parole 89: nach Berlin; alle, sofort! Doch die herrschende politische Klasse der westdeutschen Republik brach das Rückkehrversprechen an die Reichshauptstadt von 1871, die Märtyrerkapitale der Teilung, in den landesüblichen Prozeß zähen Feilschens und perfekten Verwaltens herunter. Aber mehr als ein Signal wäre auch der unmittelbare Treck nach Osten kaum gewesen. Wer anderes erwartet, überschätzt die Kraft der Metropole als Sozialisationsinstanz. Die Melange tosenden Lebens von Bussi-Promies im Borchardt, Junkies in der U-Bahn und Peymann am Schiffbauer Damm mag den Horizont der Politiker erweitern; ihre Perspektive wird weiter in Bingen, Jüterborg oder Passau geprägt. Da sind sie zu Hause. Wie ihre Wähler. Zwischen Washington und Wichita, London und Leeds, Paris und Perpignan geht das nicht anders. Unterstellt, es gebe ihn, den "genius loci"; der Orte sind zuviel, als daß einer mit seinem Geist obsiegen könnte.

Politik wächst nicht automatisch mit dem Ort; nicht einmal mit ihren Herausforderungen. Beispiel: Deutschland nach der Einheit. Gegenbeispiel: Krieg im Kosovo. Im einen Fall wurde in Bonn alte kleinwestdeutsche Politik weiterbetrieben; im zweiten nahm eine Bundesregierung die Herausforderung der gewachsenen Bedeutung Deutschlands an: Sie blieb in der Kontinuität von Verläßlichkeit und Mäßigung im Bündnis, aber wagte den vorsichtigen Schritt aus dem Glied Richtung Führung. Alles in Bonn, der kleinen Stadt am großen Fluß. Ausweislich des Ergebnisses der Europawahl ist das Interesse der Bürger an Sternstunden der Staatskunst gering ausgeprägt. Sie stehen auf Verläßlichkeit, sichere Renten, weniger Steuern. Das bleibt; auch wenn die Politik in die große Stadt am kleinen Fluß wechselt.

In seiner letzten Woche in Bonn gibt der Bundestag das Podium ab zu einem hoheitlichen Allerweltsakt. Er paßt zur Lage wie die berühmte Faust aufs Auge - nix Veränderungsmagie, voll Weiter-so-Pragmatismus: Johannes Rau wird als Bundespräsident vereidigt. Ein Urgestein der rheinischen Republik repräsentiert beim Umzug nach Berlin. Besser läßt sich kaum ausdrücken: Auch die politische Klasse in ihrer Mehrheit träumt nur gelegentlich vom Aufbruch zum Neuen. Alltag heißt Kontinuität. Wiederum verständiges Lächeln des Schamanen, weiß er doch: Der wichtigste Zauber ist, den Stamm in Ruhe zu wiegen.

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