Zeitung Heute : „Berlin ist Zukunft“

Der international anerkannte Designer Kostas Murkudis lässt gerne alle wissen, dass er nichts von Düsseldorf hält

Die Warenhauskette Karstadt engagiert sich im deutschen Modedesign. Sie verleiht auf der Berlin Fashion Week den Next Generation Award für junge Designer und hat mit Ihnen die Marke M by Murkudis lanciert.

Karstadt wollte unbedingt die Kooperation mit mir, weil sie sich Glaubwürdigkeit für den Designbereich erhofft haben. Ich fand es reizvoll, eine Kollektion mit einem großen Textilanbieter zu machen, der in der Lage ist, sie einem breiten Publikum anzubieten.

Jetzt kommt die zweite Kollektion von M by Murkudis in die Karstadt-Kaufhäuser. Wie ist die Kooperation angelegt?

Der Vertrag läuft über fünf Jahre. Karstadt hat zwar eine lange Tradition, aber es ist für sie neu, ein Eigenlabel zu produzieren. Die erste Kollektion kam einfach in die Läden, da waren wir noch in der Phase des Suchens.Jetzt zeigen wir eine Modenschau während der Fashion Week, weil das Label noch nicht bekannt ist. Bei uns geht es ja um einen Gesamtlook. Die Schau beinhaltet alle Produktgruppen – vom Anzug über den Mantel bis zum Hemd und Accessoires. Ursprünglich war es auch angedacht, Herren anzubieten, aber das ist noch zu früh. Außerdem kümmere ich mich darum, in welchen Karstadt-Häusern (zum Beispiel im KaDeWe oder Im Alsterhaus in Hamburg) die Kollektion verkauft und wie sie präsentiert wird..

Und warum zeigen Sie auf der Fashion Week in Berlin?

Das war gar keine Frage. Wir gucken nach vorne, und die Zukunft ist Berlin und nicht Düsseldorf. Karstadt ist eine Warenhauskette, die hauptsächlich in Deutschland agiert. Deshalb ist es sinnvoll, die Kollektion hier zu präsentieren, der Endverbraucher soll es ja auch mitkriegen. Ich bin seit Jahren gegen Düsseldorf und lasse das auch gern alle wissen.

Es ist aber doch auch die Entscheidung der Branche, wo sie zeigt.

Ja, aber es gibt in Frankreich auch nicht den Wettbewerb Paris gegen Lille, oder in Italien Mailand gegen Rom. In Italien wird akzeptiert, dass Mailand italienische Mode nach außen repräsentiert. Der Joop!-Designer Dirk Schönberger hat es letzte Saison geschafft, seine Chefs zu überzeugen, in Berlin die Männerkollektion zu zeigen. Diesmal zeigen sie die Jeanslinie, das ist schon wieder ein Schritt zurück.

Das gilt ja auch für Marken wie René Lezard.

Meiner Ansicht nach müssten alle deutschen Labels, die hauptsächlich für den deutschsprachigen Raum produzieren, in Berlin zeigen. Wer braucht denn René Lezard in Milano? Direkte Konkurrenz kann sich ja durchaus positiv auswirken. Wenn alle deutschen Modeunternehmen hier zeigen würden, könnte das bedeuten, dass die Kollektionen besser würden. Das würde der deutschen Modelandschaft nur guttun.

Aber das Interesse an Berlin ist doch da?

Der Anfang ist gemacht, aber man darf sich jetzt nicht darauf ausruhen. Wir haben Hugo Boss und ein paar andere, die sich für Berlin starkmachen, und der Rest hält sich drückebergerisch im Hintergrund – große Unternehmen, die es sich durchaus leisten könnten, in Berlin zu zeigen. Die Fashion Week sollte für Deutschland stehen und nicht für Berliner Marken.

Ihre eigenen Sachen spielen in Deutschland keine große Rolle.

Sie haben es leider noch nie getan, denn meine modische Heimat ist Paris. Ich habe dort jahrelang gearbeitet, gezeigt und mich der Kritik gestellt, und da will ich auch wieder hin. Aber dahin muss ich mich erst einmal zurückarbeiten, ich muss sicherstellen, dass ich so produzieren und liefern kann. Du musst als Kleiner immer einen Überraschungserfolg erzielen, aber darauf musst du aufbauen können und sicherstellen, dass du die zweite Schau bezahlen kannst und auch die dritte. Mit der vierten kannst du vielleicht Geld verdienen. Wolfgang Joop hat das ganz gut vorgemacht. Kompliment, wie er sich in Paris durchgesetzt hat.

Wie entwickelt sich Ihre eigene Kollektion, seitdem Sie in Berlin leben?

In der ersten Saison, im Frühjahr 2008, gab es nur Herrenmode, weil ich nach meinem Umzug von München nach Berlin wieder bei Null anfangen musste. Ich hatte hier weder Mitarbeiter noch Schnittmacher, noch Produzenten.

War es geplant, ohne Partner zu arbeiten, oder blieb Ihnen nichts anderes übrig?

Ehrlich gesagt, war es eine Flucht nach vorne. Mein Münchner Nachbar Mehmet Scholl hat mir das Geld für die erste Kollektion geliehen – und danach ging es einfach weiter. Seit dem letzten Jahr machen wir eine Frauen- und eine Männerkollektion.

Möchten noch andere Partner außer Karstadt mit Ihrer Person und Ihrem Namen arbeiten?

Ja. In der Regel kooperiere ich mit Traditionsmarken, die ein Know-how auf einem bestimmten Spezialgebiet mitbringen. Bisher waren das der Wäschehersteller Schiesser und die Kaschmirmarke Johnstons. Ich kann mir vorstellen, dass noch andere auf uns zukommen werden.

Nutzen Sie diese Spezialkenntnisse auch für Ihre eigene Kollektion?

Wir arbeiten bei unseren Anzügen mit dem Maßkonfektionär Regent zusammen. Es ist zwar keine klassische Kooperation, denn dann würde Regent unsere Sachen wie Karstadt auch vermarkten und vertreiben. Die Firma ist also eher unser Produzent.

Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Wir wollten einen Hersteller, der Handarbeit beherrscht und mit viel Liebe an die Anzüge herangeht. Das Gleiche gilt für die Hemden, da arbeiten wir mit Seidensticker zusammen. Diese ganzen Kooperationen bedeuten natürlich einen enormen Vorteil für uns, weil wir an Ressourcen herankommen und im Keller vergrabene Schätze hervorholen können.

Und was haben Ihre Partner davon?

Regent profitiert von unserem Image. Vor zwei Jahren hat sich kaum ein Mensch für Regent interessiert. Das war eine konservative Marke. Durch meine Zusammenarbeit hat sich das geändert.

Wenn Sie Ihre Kollektion in Berlin zeigen würden, würden Sie hier zur Spitze gehören, vom Anspruch und vom Design.

Schon – aber das muss auch Sinn machen. Wenn wir hier keinen Markt haben, dann ist es für meine Marke eine totale Fehlinvestition. Ich bin mir sicher, dass ich mit einer Schau in Berlin keinen Kunden dazugewinnen würde. Da hätten bestimmt alle Spaß dran, aber ich hätte 100 000 Euro in den Sand gesetzt, um mich selbst zu beweihräuchern.

In Berlin werden gern alle in einen Topf geworfen – der Modestudent, die Designer, die in Paris zeigen, und auch eine Ausnahmeerscheinung wie Wolfgang Joop.

Ja, das ist absolut lächerlich. Ich hatte im letzten Jahr eine Anfrage vom Dumont-Verlag, in einem Berliner Modebuch aufzutauchen. Ich fand es kleinkrämerisch, da sind Leute drin, die drei Fetzen zusammengenäht haben und jetzt plötzlich für Berliner Mode stehen. Ganz davon abgesehen, weiß ich nicht, was das sein soll. Die Hälfte der Porträtierten gibt es in zwei Jahren nicht mehr, und die anderen denken nach drei Saisons, dass sie große Marken sind.

Wenn es um Ihre Arbeit geht, sprechen Sie oft von Kompromisslosigkeit.

Es ist besser, etwas wegzulassen, als Kompromisse zu schließen. Es gibt natürlich auch tolle Kompromisse, wenn man mit anderen zusammenarbeitet und sich überzeugen lässt. Das bringt einen weiter. In meiner Arbeit geht es darum, Hässliches und Schönes zu verbinden. Ich mag es störrisch und fließend, stark und verletzlich, eben nicht eindimensional. Das gilt übrigens auch für Menschen.

Das Gespräch führte Grit Thönnissen

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