Zeitung Heute : Berlin loben (& schwäbisch essen)

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Norbert Thomma

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Berliner mögen ihre Stadt nicht. Sie schauen auf sie wie auf einen Pitbull ohne Beißkorb. Als neulich der „Stern“ die Deutschen nach ihrer Zufriedenheit befragt, hat Berlin ziemlich schlecht abgeschnitten. Dahinter lagen nur noch Gegenden wie Altmark und Vorpommern, der alte Osten. Was das Vertrauen in die Stadtverwaltung angeht ist Berlin einsame Spitze – am Ende der Skala.

Gibt es überhaupt noch Menschen, die sich wohlfühlen in der Hauptstadt? Einen zumindest gibt es. Er möchte allerdings nicht namentlich genannt werden, er fürchtet Repressalien durch die Nachbarn, er fürchtet nächtliche Belästigungen am Telefon: „Du bist der Typ, der Berlin dufte findet, wa? Wenn ick Dich erwüsche!“ So weit ist es also inzwischen.

Der unbekannte Berlinliebhaber ist von Geburt (was sonst) Schwabe. Er feierte gerade still sein 30-jähriges (West-)Berlinjubiläum. Und er fragt sich, was es an dieser wunderbaren Stadt zu meckern gibt. In einem weinseligen Anfall von Nostalgie dachte er an das Jahr 1973. Er sah die aschgrauen Fassaden der Häuser, der roch den Ruß der Kohleschwaden beim Öffnen der Fenster, die vielen traurigen Eckkneipen fielen ihm ein, in denen Soleier und Knacker wochenlang auf ihren Verzehr warteten. Es gab keine hübschen Gartenlokale damals, keine Fahrradwege, keine türkischen Geschäfte, keine Cafés mit Tischen auf dem Bürgersteig…

Okay, dafür gab es keine Sperrstunde und die Nachtbusse der BVG und Kinovorstellungen nach Mitternacht waren die wichtigsten kulturellen Errungenschaften.Und die Versorgungslage war traurig. Samstags trafen sich die Flüchtlinge aus Deutschlands Süden im sechsten Stock des KaDeWe, tranken zur Weißwurst ein Urquell und tauschten ihr spärliches Geld gegen Lebensmittel. He, ihr Meckerfritzen! Kauft ihr heute nicht an jeder Ecke der Stadt anständigen Wein, gute Wurst und Rohmilchkäse? Schlürft ihr nicht in jeder Straße einen Espresso Macchiato unter saftig grünen Bäumen?

Kürzlich traf der Schwabe einen Herrn, der in wohlgesetzten Worten von einem Zwiebelrostbraten schwärmte: „Kennen Sie das Antiqua in Schöneberg?“ Der Schwabe kannte nicht und ging hin, denn er liebt Zwiebelrostbraten fast so sehr wie er Berlin liebt. Was für eine Speisekarte! Linsen mit Spätzle, Maultaschen, Gaisburger Marsch, Saure Kutteln… Alleine der gemischte Salat, ein Kindheitstraum. Neben dem Grünen- und Kartoffelsalat – wie es sein muss – Geraspeltes von Möhre, Sellerie, Rettich… Dazu als Bier Rothaus Tannenzäpfle (über die Weinkarte der Mantel des Schweigens).

Mit der Rechnung kam die Wirtin, fragte, wie es geschmeckt habe und ob einem „der Teufel“ aufgefallen sei dort hinten am Tisch. Der Fritz Teufel? Hätte ja sein können, der alte Politanarcho kam schließlich auch aus dem Schwäbischen. Nein, sagte die Wirtin, der Erwin Teufel, der Landesvater. Ach, dachte da der Schwabe, wenn ich bei Teufel nicht mehr an den Ministerpräsidenten von Stuttgart denke, dann muss Berlin meine Heimat sein. Er nahm sich vor, die Stadt fortan gegen alle Unkenrufe zu verteidigen.

Antiqua, Eisenacherstr. 59, ab 18 Uhr, Tel. 78 45 278

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