Zeitung Heute : Berlin-Mitte: Strahlende Stimmung

Insa Lüdtke

Nach der Arbeit gehen in den Brunnenhöfen im Bezirk Mitte nicht die Lichter aus - sondern an. Bei Einbruch der Dämmerung erstrahlen die vier Gewerbehöfe in der Brunnenstraße in kühlem Blau. Neonröhren beleuchten die Tore und weisen den Weg von einem Hof zum nächsten. Die Studenten Ingo Fröhlich und Lukas Kühne von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee haben mehrere Lichtobjekte im Außen- und Innenraum der Hofanlage installiert. Wenn abends die jungen Kreativen ihre Laptops zuklappen und die Buchdrucker sich die Druckerschwärze von den Händen waschen, geht das Leben hier weiter. Die Tanzschule etwa im dritten Quergebäude lädt ein zum Tango- und Merengue-Kurs.

Auf den 8000 Quadratmetern Nutzfläche finden heute über 30 Firmen Platz. Der Hauptmieter mit einer Fläche von 2200 Quadratmetern ist allerdings eine öffentliche Einrichtung: die Hauptbibliothek Berlin-Mitte. Schon bei der Eröffnung 1909 beherbergten die Brunnenhöfe eine Volksbibliothek. "Als Buchliebhaber hatten mich die Räumlichkeiten der Bibliothek sofort fasziniert", sagt der heutige Eigentümer Hanns Rauch. Bei seiner ersten Besichtung kurz nach der Wende habe ihn besonders die Einrichtung der Lesesäle beeindruckt. In der Kinderabteilung gab es sogar Waschbecken, um insbesondere die Buchseiten vor Schokoladenfingern zu schützen.

Die Architekten Renate Abelmann und Walter Vielain aus Berlin haben von 1991 bis 1997 den Gebäudekomplex saniert und erweitert. Die Grundidee für den Umbau und die Vermarktung war die Nutzungsmischung kleinerer und größerer Firmen aus unterschiedlichen Branchen mit der Bibliothek als Herzstück des Komplexes.

Alle Büroeinheiten verfügen über einen vorgegebenen Versorgungskern für Toiletten und Stromanschluss. Ein Trennwandsystem ermöglicht eine flexible Grundrissgestaltung: das Großraumbüro für die Werbeagentur oder kleine Behandlungsräume für die Arztpraxis. Der Standard der Räumlichkeiten ist von der Straße nach hinten gestaffelt. Die Mieter konnten sich je nach individuellem Anspruch und finanzieller Möglichkeit entscheiden: Vorne sind die Räume komplett ausgebaut mit Doppelfußboden und abgehängten Decken. Im letzten Quergebäude mussten die Mieter dann selbst Hand anlegen. Die Mieten liegen somit in den vorderen Gebäuden um 23 Mark pro Quadratmeter netto kalt und staffeln sich nach hinten bis auf 19 Mark netto kalt. Dadurch kamen die unterschiedlichsten Mieter in die Brunnenhöfe. Der junge Start-Up Unternehmer fand ebenso Platz wie die etablierte Werbeagentur.

Hier arbeitet man nicht nebeneinander, sondern miteinander. Durch die kurzen Wege fallen öfter Aufträge bei einer Firma im Haus ab. Das Architekturbüro lässt in der Druckerei im Haus seine Flyer herstellen, abends geht es nach getaner Arbeit noch zur Akupunktur nach nebenan. So entsteht ein ständiger Austausch. Für Publikumsverkehr sorgt außerdem die Stadtbibliothek. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Brunnenhöfe nach innen wie nach außen. Hier finden Veranstaltungen und Feste für die Öffentlichkeit wie auch für die Kunden der Gewerbetreibenden statt. Zur Zeit etwa läuft noch bis zum 31. Dezember eine Ausstellung von Architekturbüchern. Wer zwischen den alten Ziegelmauern auf der neu eingezogenen Galerie umherwandelt, kann in Bildbänden zweier Architekturverlage zu aktuellen wie historischen Projekten blättern. Das benachbarte Architekturbüro "Baufrösche" hat die Schau mit verschiedenen Tafeln zu den Themen der Buchtitel - wie zum Beispiel zur Schlossdebatte - ergänzt.

Das Gebäudekonzept der differenzierten Ausbaustufen und damit der verschiedenen Miethöhen ging auf. Heute sucht die Hausverwaltung nur noch für eine Einheit von 200 Quadratmetern einen Mieter. Außerdem gibt es fast keine Fluktuation. Lediglich ein Mieter hat vor ein paar Jahren seine Räumlichkeiten aus dem hintersten Gebäude weiter nach vorne gelegt. Doch es geht bei einer Immobilie um mehr als nur um Zahlen. "Der Bauherr spielt dabei eine große Rolle", sagt Vielain. Rauch hatte von Anfang an eine klare Idee. Er wollte Menschen und ihre Interessen zusammenbringen. "Wir initieren immer alles gemeinsam", berichtet Kerstin Berger. Sie ist neben Ihrer Tätigkeit als Bibliothekarin außerdem Beauftragte für Sponsoring. Nach Feierabend weitet sie Ihr Engagement auch auf die Brunnenhöfe aus. Schon des öfteren bat sie die Mieter um finanzielle Unterstützung für Kunst- und Kulturprojekte. So hat sie im letzten Jahr insgesamt 7500 Mark für die Lichtinstallation in den Höfe eingetrieben. Was mit Händen nicht greifbar ist, zeigt sich nun in der Dunkelheit: "Die gute Stimmung strahlt eben aus", sagt Berger und schaut hinüber zu den blauen Leuchtröhren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!