Zeitung Heute : Berlin-Neukölln: Neuer Fonds für die "Neue Welt"

Ralf Schönball

Berlins größter Bezirk Neukölln genießt nicht gerade den besten Ruf. Daran sind nicht zuletzt Magazine Schuld, deren Auflage von Geschichten über Mord und Todschlag profitieren. Wie nah oder fern der Realität sie liegen, lässt sich auch am Verhalten von Investoren ermessen. Vor explosiven sozialen Gemengelangen scheut das Kapital zurück. Wer diese Fluchtbewegung an Neuköllns Hermannplatz vermutet, sieht sich eines Besseren belehrt. Karstadt feierte jüngst die Neueröffnung seines für 200 Millionen Mark sanierten und erweiterten Kaufhauses, und jüngst hat der Ausbau der legendären "Neuen Welt" begonnen: 153 Millionen Mark sollen bis 2002 in Sanierung und Erweiterung des Baudenkmals fließen. Um das Kapital zu beschaffen, hat die "Spar- und Anlageberatung" (SAB) den Geschlossenen Immobilienfonds "Neue Welt KG" aufgelegt und wirbt nun Anleger.

Der Bezirk Neukölln ist groß wie eine deutsche Mittelstadt. Rund 312 000 Menschen leben dort. Neukölln ist aber nicht Neukölln. Im Südosten lösen sich die von Gründerzeitblöcken gesäumten Verkehrsachsen in die dörfliche Idylle von Rixdort auf, und etwas weiter beginnt Britz, eine beliebte bürgerliche Wohnlage mit Einfamilienhäusern und Schrebergärten. Am entgegengesetzten, westlichen Rand des Bezirks liegt der Hermannplatz. Er schließt unmittelbar an "Kreuzberg 61" an, wie die alte Postleitzahl den begehrteren Teil dieses Bezirks kennzeichnete.

Der Wettstreit der Kaufmaschinen

In der Mitte zwischen diesen beiden Rändern liegen die als problematisch geltenden Gefielde, rechts und links der Karl-MarxStraße, wo Ramschdiscounter ihre Waren anbieten, und die eine Studie der Deutschen Bank als Verlierer abstempelte im Wettstreit mit Kaufmaschinen im Speckgürtel Berlins wie Waltersdorf. Auch am Hermannplatz sollen also durch den Ausbau der "Neuen Welt" mehr Flächen für Geschäfte entstehen: 26 854 Quadratmeter. Davon sind 78,15 Prozent vergeben, und die Ladeninhaber stellen mit ihren Unterschriften unter den Mietverträgen sicher, dass der Fonds dadurch 77,72 Prozent der laut Plan erforderlichen Gesamtnettomiete einnimmt. Da über Wohl oder Wehe einer Immobilienanlage die monatliche Miete entscheidet, steht der Fonds unter einem guten Stern. Zumal die Nutzer solvent sind: Das Bauhaus errichtet auf 10 710 Quadratmetern seine größte europäische Filiale; die Lebensmittelkette Reichelt mietet 1452 Quadratmeter. Hinzu kommt der Discounter Aldi auf 850 Quadratmetern. Darauf ist SAB-Chef Rudolf Pfeiffer besonders stolz, denn der Konzern lege harte Kriterien bei der Auswahl neuer Standorte zugrunde. Kein Risiko sieht Pfeiffer in der Vermietung der gut 20 Prozent verbleibenden Flächen. Das dürften ihm auch kritische Branchenkenner zugestehen, denn "Ankermieter" sind entscheidend: Ob Aldi oder Reichelt, hier versorgen sich jung und alt mit Waren des täglichen Bedarfs, und wenn sie auf dem Weg zu ihrem Auto an kleinen Geschäften vorbeikommen, greifen sie gerne mal bei einer "Gelegenheit" zu. Das verspricht gute Geschäfte, und deshalb dürften sich Mieter finden.

Eine Konkurrenz für Kastadt?

Ein gutes Argument für den Standort ist das "U-Bahn-Kreuz" Hermannplatz mit den Linien U7 und U8 sowie sechs Buslinien. Auch das umgebaute Karstadt-Kaufhaus dürfte nach den Erfahrungen von Kaufcentern an der Autobahn, weniger für Konkurrenz sorgen als Synergien schaffen: Lediglich die Lebensmittelabteilung konkurriert mit Reichelt um Kunden. Doch die größten Umsätze dürften andere Abteilun^gen machen, und diese ergänzen das Warensortiment der "Neuen Welt", da dort der Baufachmarkt die meisten Flächen belegt.

Wichtig für die Anziehungskraft der "Neuen Welt" dürfte die tief in dessen Geschichte gründende Tradition als Veranstaltungsort sein. Im Großen Saal fanden politische Versammlungen der Arbeiterbewegung unter August Bebel statt. Bismarck quittierte das im Reichstag mit der Bemerkung: "Die Politik wird nicht in der Hasenheide gemacht." Nach dem zweiten Weltkrieg geriet der Saal in der Mauerstadt Berlin etwas ins Abseits, obwohl noch Rockkonzerte, Märkte sowie Ausstellungen dort stattfanden, und ein Bowling-Center erfolgreich wirtschaftete. Letzteres bleibt nach der Sanierung erhalten und wird auf rund 8356 Quadratmetern 28 Bahnen bieten und um ein Fitnesscenter ergänzt. Betreiben wird sie "Healthland Germany".

Sensible Planer - mäßige Architektur

Verteilt haben die Planer die ganzen Läden und Lokale auf drei Neubauten. Diese ergänzen das historische Gebäude, das die Hasenheide säumt. Das größte Quartier legten die Entwickler im hinteren Teil des Blocks so an, dass die dreistöckige, knapp 17 000 Quadratmeter große Kaufhalle nicht das historische Erbe erdrückt. Auch die Traufe greift die Linien der Blockkanten an der Westmann-Straße auf. Es ist gut, dass diese Stahl-und-Glas-Halle im hinteren Grundstücksbereich versteckt ist, denn es handelt sich um mittelmäßige Kaufhausarchitektur wie sie überall und nirgends stehen könnte. Zudem trennt ein Hof - Platz für die Autos der Einkäufer - dieses Gebäude von der Straßenfront. Hier, den Passanten zugewandt, gehen die Planer behutsam mit dem bestehenden Stadtbild um: Lediglich einen kleinen historisierenden Pavillon errichten sie, der gestalterische Elemente der Front der "Neuen Welt" aufgreift. Hier sollen eine Apotheke sowie Arztpraxen unterkommen. Der dritte Neubau liegt hinter den historischen Amüsierhallen in der Flucht verborgen, so dass die Denkmalpfleger auch hier ihre Interessen gewahrt sehen dürften - die Denkmalbehörde hat den Fondsinitiatoren zufolge ihre Zustimmung gegeben.

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