Zeitung Heute : Berlin rechnet sich

Die Hauptstadt: international, jung, billig. Ein Traum für alle, die etwas bewegen wollen. Was aber, wenn man hier seinen Job verliert? Vier Berliner machen Kassensturz.

Susanne Haase

Alle reden von Krise. Aber keiner davon, wie man die Krise in den Griff bekommt. Wir haben vier Berliner gefragt, die ihre Arbeit ganz oder teilweise verloren haben, wie sie auf die schwierige Situation reagiert haben. Einen Architekten, einen Volontär beim Fernsehen, einen Modedesigner und einen Taxifahrer. Hier ihre Lösungen.

Ich gehe ins Ausland

André Sadjadian, 30, Architekt, war bis Anfang Juli 2002 fest angestellt: „Ich habe in einem kleinen Büro gearbeitet, eigentlich waren da nur die Chefin und ich. Ende April kristallisierte sich heraus, dass die Arbeit noch zwei Monate reicht, und dann ist Schluss. Es gab keine neuen Aufträge mehr, und mein Gehalt kam die letzte Zeit auch nur noch unregelmäßig. Für mich als Berufsanfänger ist die Situation besonders schlimm: Ich hatte mich gerade richtig eingearbeitet, war an dem Punkt, wo man das erste Mal durchatmet. Jetzt geht die ganze Strampelei wieder von vorne los, dachte ich. Ich fing wieder an, Stellenanzeigen zu suchen und auszuschneiden. Aber ich habe mich nicht beworben, mir fehlte einfach komplett die Motivation. Als ich mich nach dem Studium bewarb, habe ich eine aufwendige Broschüre gestaltet, die mich von anderen abheben sollte. Die wollte ich jetzt aber nicht noch mal abschicken. Irgendetwas muss anders werden, sagte ich mir. Ich wusste nur nicht, was. Also habe ich die Situation ignoriert und mir vorgenommen: Jetzt freust du dich auf den Sommer! Der letzte Arbeitstag war unspektakulär, es war okay, eben vorbei. Ich bin dann zum Arbeitsamt, weil ich Tipps wollte, Weiterbildungsmaßnahmen, irgendeine Hilfe, ich kann ja auch als Bühnenbildner arbeiten, als Grafiker oder im Messebau. Aber ich geriet an einen Sachbearbeiter, der mir nichts empfehlen konnte und sei es noch so profan. Das war sehr frustrierend. Meine Lebensphilosophie hat sich verändert: Ich hielt meine Existenz immer für gesichert, nun muss ich selber sehen, wie ich klar komme. Ich versuche aber, mein positives Denken beizubehalten. Es ist interessant zu sehen, wie sehr man sich über den Job definiert: Wenn du nichts machst, bist du nichts. Da nicht an Selbstbewusstsein zu verlieren, bedarf einiges an Können. Immerhin bin ich da ein Stück weiter. Ich sage mir nicht mehr, was soll ich denn nur machen? Sondern, was will ich eigentlich? Daraus entstand die Entscheidung, eigene Ideen zu verwirklichen, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, nicht mehr auf einen Chef zu hoffen. Außerdem habe ich mir bis September 2003 eine Frist gesetzt: Wenn ich bis dahin keinen neuen Job gefunden habe, verlasse ich die Stadt. Es gibt hier so viele Architekten wie in ganz England. Vielleicht ist es an der Zeit, dahin zu gehen, wo etwas ist. Ich habe jetzt eine zweisprachige Bewerbungsbroschüre. Kürzlich vermittelte mir ein Bekannter Kontakte zu zwei Büros in Shanghai, und ein anderer gab mir drei Adressen in Wien. Dort habe ich mich beworben, und warte nun auf Rückmeldung.“

Gehalt früher 2000 Euro

Gehalt jetzt 0 Euro

Miete warm 276 Euro

Leben 300 Euro

André Sadjadian lebt von Ersparnissen und wird von seiner Familie unterstützt. Er kommt insgesamt mit 615 Euro aus.

Ich studiere

Johann Sebastian Lühe, 24, war bis Anfang August Volontär beim dann eingestellten Regionalsender TVBerlin. Um das Volontariat als Ausbildung abzuschließen, fehlten ihm zu diesem Zeitpunkt nur noch drei Monate. Da der Arbeitsvertrag als Volontär befristet war, hat er auch keine Möglichkeit, sich in die Firma wieder einzuklagen. Komischerweise hatte ich gerade an den letzten Arbeitstagen meine besten Ideen. Dabei waren die Bedingungen schlechter denn je: Beispielsweise gab es keine Druckerpatronen mehr, und der Fuhrparkleiter hat die paar Dienstwagen, die noch da waren, nur noch für zehn Euro am Tag betankt. Damit kam man nicht weit. Aber das Geld wurde vom Insolvenzverwalter rationiert. Jedenfalls habe ich an diesem Tag einen wirklich guten Beitrag über die neuen Fahrräder der Bahn gemacht und zum ersten Mal die Anmoderation selbst gesprochen. Am Ende der letzten Nachrichtensendung sind wir alle ins Studio und haben uns live von den Zuschauern verabschiedet.

Bis dahin habe ich immer noch Hoffnung gehabt: Das wird schon irgendwie, so lange es läuft, läuft es noch, dachte ich und die meisten anderen auch. Mir ist erst am nächsten Tag klargeworden, was eigentlich geschehen ist: Als ich Zu Hause blieb. Schon nach ein paar Wochen Zwangsurlaub fiel mir da echt die Decke auf den Kopf. Ich kann mir einfach keine Alternative zum Journalismus vorstellen. Einen Bürojob? Nee! Jeden Tag mit denselben Leuten in der U-Bahn hocken und später wieder mit denselben Leuten am Schreibtisch: So lebt meine Mutter. Kellnern fällt auch aus, weil ich kein Tablett gerade halten kann. Außerdem bin ich froh, endlich etwas gefunden zu haben, was mir Spaß macht. Immerhin weiß ich endlich, was ich will. Deshalb möchte ich unbedingt dabei bleiben und denke, ich muss jetzt meine Bedingungen ändern, flexibler werden, mich den Umständen anpassen, vielleicht auch eine halbe Stelle annehmen, für weniger Geld arbeiten oder wieder ein Praktikum ohne Bezahlung machen. Irgendwann wird wieder jemand kommen und mir einen Job geben. Ich spüre keine Wut, eher Enttäuschung über die Chefs. Wir haben aus der Zeitung vom Abgang des Chefredakteurs erfahren, er hat nur einen mit Durchhalteparolen gespickten Abschiedsbrief am schwarzen Brett hinterlassen. Ich habe jetzt ein neues Studium begonnen: Politik, Soziologie und Philosophie auf Magister. Damit will ich mir ein zweites Standbein schaffen, um doch noch da hin zu kommen, wo ich hin will: Mit 40 Jahren entweder Chefredakteur eines bekannten deutschen Mediums sein oder Aushängeschild eines Fernsehsenders. Wie Peter Kloeppel.“

Gehalt früher 780 Euro

Leben früher 460 Euro

Sparkonto früher 80 Euro

Miete warm 240 Euro

Johann Sebastian Lühe hat bis Anfang Oktober von seinen Ersparnissen gelebt und zum Studienbeginn BaföG beantragt, das, wie es jetzt scheint, abgelehnt wird. Momentan wird er von der Mutter mit 500 Euro monatlich unterstützt. Er geht regelmäßig zum Blutspenden, das, so sagt er, reicht dann für ein nettes Wochenende. Nächste Woche hat er ein Vorstellungsgespräch bei einem Meinungsforschungsinstitut.

Ich mache einen Nebenjob

Hans-Georg Krampe, 33, einer der drei Modedesigner des Berliner Labels „Werkmeister“: „Ich gehöre zu einer Generation, die in dem Glauben aufgewachsen ist, dass ein Lebensweg in all seinen Facetten möglich ist, dass er von einem selbst abhängt: Wenn man hart arbeitet und sich richtig engagiert, hingeht und sagt „hier bin ich!“, dann ist Glück im Leben machbar, dann hat man Erfolg. Dieser Philosophie entsprechend habe ich meinen Beruf gewählt. Es war ein gutes Studium und die Entscheidung war richtig. Nur, ich habe eine Ausbildung, die kein Mensch braucht. Für die Industrie bin ich völlig überqualifiziert. Und in Paris gibt es eine Hand voll Menschen, die das machen, was wir auch tun, und damit ist der Bedarf gedeckt.

Zu realisieren, dass es nicht so ist, wie ich immer gedacht habe, dass genug Einsatz, Energie und Talent nicht automatisch ans Ziel führen, war für mich ein großer Bruch, der in eine echte Krise mündete. Vor allem, weil es anfangs gut lief. Wir haben vor zwei Jahren unseren Laden in der Friedrichstraße eröffnet, hatten interessante Aufträge, haben gut verdient. Dann war plötzlich alles vorbei und der Gedanke an Geld war so dominant, dass wir nicht mehr richtig kreativ sein konnten. Ich habe mich dann entschlossen, Arbeit zu suchen und schließlich im Departmentstore im Quartier 206 einen Job bekommen. Ich kümmere mich mit meinem Chef um das Merchandising. Es macht Spaß, weil ich mit jemandem zusammen arbeite, der richtig gut ist, und von dem ich etwas lernen kann, außerdem mag ich die schöne Umgebung, die hochwertige Ware. Ich arbeite nur vier Tage die Woche, so bleibt immer noch genug Zeit für „Werkmeister“. Durch das Geld, das ich jetzt verdiene, lässt es sich auch finanzieren.

Es ist einerseits ein gutes Gefühl, dass ich beruflich gefragt bin, ein Feedback bekomme, aber ich denke, ich bin noch nicht soweit, mich für einen Weg zu entscheiden: Entweder anspruchvoller freier Kreativer oder bezahlter überqualifizierter Dienstleister. Irgendwo ist ein Stück Hoffnung geblieben, und wir wissen, dass wir schon ganz viel dadurch leisten, dass wir Laden und Atelier überhaupt weiterlaufen lassen. So etwas wäre nirgendwo anders möglich. Immerhin: Das ist ein Luxus, den nur Berlin bietet.“

Einkommen früher 520 Euro

Einkommen heute 1200 Euro

Miete Wohnung 200 Euro

Miete Laden 200 Euro

Früher blieb nichts übrig, heute leistet sich Hans-Georg Krampe eine Putzfrau (50 Euro im Monat), kauft sich Klamotten, weil er nicht mehr genug Zeit hat, alles selbst zu machen (für rund 150 Euro) und hat noch 200 Euro, die er jeden Monat spart.

Und ich?

Dirk Wegener, 35, fährt seit 1992 Taxi, ist seit fünf Jahren selbstständig, mit eigenem Wagen und einem zusätzlichen Fahrer: „Als ich mit dem Taxifahren anfing, war das der optimale Job. Ich habe mehr verdient als ein mittlerer Manager, konnte mir meine Zeit frei einteilen, und in der Firma herrschte eine sehr familiäre Atmosphäre. Danach ging es langsam bergab. Vor zwei Jahren war das Geschäft schon so miserabel, dass alle dachten, es muss doch endlich wieder anziehen, aber seither hat es sich noch wesentlich verschlechtert. Taxifahrer und Friseure, das sind die ersten, die es spüren, wenn die Leute kein Geld mehr ausgeben. Die Euro-Umstellung war dann eigentlich der Todesstoß, obwohl die Fahrpreise sogar um einige Cent gesunken sind. Früher gab es zwischen zehn und 15 Prozent Trinkgeld, heute meist gar nichts mehr. Die Dieselpreise sind insgesamt um ein knappes Drittel gestiegen, die Ökosteuer kam gleichzeitig auch noch oben drauf. Einen Ausgleich können wir nur schaffen, indem wir entsprechend länger fahren. Kürzlich habe ich zehn Stunden gearbeitet und bin dann mit einem Umsatz von 57 Euro nach Hause gefahren. Im Kopf die ganze Zeit den Satz: Hoffentlich läuft es morgen besser. Zu Hause versuche ich dann, abzuschalten und nicht weiter darüber nachzudenken. Denn ich kann ja nichts an meiner Situation ändern, das können nur die Fahrgäste. Momentan hüte ich mich davor, aufs Konto zu sehen, und Rechnungen schiebe ich eben nach hinten, solange es irgendwie geht. Die ersten Jahre habe ich acht Monate gearbeitet, und dann bin ich zwei Monate durch die Welt gereist. Daran ist nicht mehr zu denken, ich war vor zwei Jahren das letzte Mal im Urlaub. Das Problem ist: Wenn man einmal im Taxigewerbe ist, ist man versaut. Weil die Arbeit zu viel Spaß macht: Man lernt so viele Menschen kennen, hört die verrücktesten Storys, erfährt Dinge über seine Stadt, von denen andere nicht mal träumen. Und weil ich nichts anderes machen könnte, versuche ich, das Gewerbe mit Hängen und Würgen weiterzuführen. Ich arbeite nebenher noch in der Funkzentrale und beim Fahrdienst des Bundestages. Zum Glück hat meine Frau einen gut bezahlten Job.“

Einkommen vor 10 Jahren bis 6000 Euro

Einkommen vor 5 Jahren rund 1300 Euro

Einkommen vor 2 Jahren rund 780 Euro

Einkommen heute rund 515 Euro

Miete (Hälfte) 250 Euro

gestrichen: Urlaub, Computerbedarf,

Telefonate mit dem Handy

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