Berlin schweigt : Vom Lärm in den Städten

Schau an, Hannover. Man kannte die Stadt an der Leine lange Zeit überwiegend als Stadt, in der das reine Hochdeutsch gesprochen wird, das Standarddeutsch. Was, bitte, niemand will Hannover und den Hannoveranern zu nahe treten, was gleichwohl schon auf eine gewisse Bräsigkeit hindeutet, auf Standardisierung, ja, nicht auch auf eine leichte Provinzialität? Es gab da diesen kleinen Abweichler, im Vorjahr, als dieses junge Mädchen, na, wie hieß es noch gleich, das mit dem Doppelnamen, na, mhm, es liegt auf der Zunge, na, da war doch ein irrer Hype um dieses Mädchen, ach, das war doch so eine Sängerin, die den Eurovision Song Contest für Deutschland gewonnen hat. Egal, auf jeden Fall war da Hannover kurz einmal in aller Munde. Aber das ist nun wieder vorbei und Hannover ist weitgehend nur noch die Landeshauptstadt von Niedersachsen und Wohnort eines ehemaligen Kanzlers. (Okay, um des Friedens willen, Hannover 96 spielt zur Zeit auch noch recht gut.) Und nun das: Hannover ist bundesweiter Spitzenreiter. Allerdings: Wobei? Schön ist das für Hannover nicht: Hannover ist die lauteste Stadt Deutschlands.

Man hätte auf Berlin getippt, nicht allein wegen des künftigen Himmels über dem Müggelsee. Oder auf Hamburg wegen des nächtlichen Gegröles auf der Reeperbahn. Auf München sicherlich nicht, Bayern ruht.

Aber es ist Hannover, gefolgt von Frankfurt am Main, Nürnberg, Bonn und Köln. Berlin liegt glücklicherweise nur auf Rang sechs. „Straßenlärm verursacht mit Abstand die größte verlärmte Fläche“, sagt Philipp Leistner vom untersuchenden Fraunhofer-Institut. Mal abgesehen davon, dass „verlärmte Fläche“ eine wunderhübsche Formulierung für Krach ist, ist es auf fast 70 Prozent der Fläche Hannovers Tag und Nacht lauter als 55 Dezibel, das ist ein Radio bei Zimmerlautstärke. Wer einmal an Hannover vorbeigefahren ist und dabei im Autoradio einen der örtlichen Sender eingeschaltet hatte, der weiß, dass 55 Dezibel eine gewaltige Qual sind.

Nun zum heilen Teil, zum politischen, zum verkehrspolitischen und zum aktuellen und ständig wachsenden Streit zwischen der Autolobby und den Fahrradenthusiasten. Die besonders leisen Städte sind Augsburg, siehe Bayern ruht, und, wenn Boerne und Thiel mal nicht ermitteln, Münster. Münster ist die Fahrradhauptstadt Deutschlands. Was ja nur einen Schluss zulässt für die, die es ruhig haben wollen. Aber wir wollen lieber nichts gegen Autos in Städten sagen.Helmut Schümann

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