Berlin und die Kunst : Das bisschen Protest

Welten liegen dazwischen. Links Occupy, die Polit-Künstler und andere Aktivisten, rechts die Sammler und ihre Galeristen. Und doch sind diese Welten in der Auguststraße vereint. Nur wenige Meter trennen sie voneinander: auf der einen Seite die hoch politische Berlin-Biennale in den Kunst- Werken, auf der anderen der offizielle Empfang des glamourösen Gallery Weekend in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule. In Berlin lösen sich diese Widersprüche auf. Die Bundeshauptstadt ist zur Bühne geworden für zeitgenössische Kunst aus aller Welt. Das bedeutet auch, dass hier die äußersten Enden verhandelt werden. Kapitalismus- Kritik kontra Kommerz.

Als vor 14 Jahren die Berlin-Biennale gegründet wurde, war die Auguststraße noch eine Unbekannte irgendwo im Scheunenviertel und die fortan alle zwei Jahre einladende Großausstellung ein cleveres Instrument des urbanen Marketing. Seitdem hat die Stadt einen unvergleichlichen Sog als Kunstmetropole entwickelt. Künstler aus aller Welt fanden hier günstig Ateliers, internationale Galerien eröffneten Dependancen. Mit dem Gallery Weekend locken sie nun nicht nur ihre Sammler in einer konzertierten Aktion in die Stadt, sondern feiern sich auch selbst. Vom großen Knall 2008, dem Platzen der Finanzblase, haben sich die global operierenden Kunsthändler längst erholt. In den Galerien herrscht eine Stimmung wie zu den besten Zeiten Kölns, dem Boom der Achtziger, Großkünstler aus den USA wie Julian Schnabel, Jenny Holzer, Robert Longo geben sich mit ihren Werken ein Stelldichein.

Die Berlin-Biennale, einst Motor der erwachenden Kunstmetropole und heute mit 2,5 Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung unterstützt, gibt in diesem Jahr das Schmuddelkind. Der polnische Kurator Artur Zmijewski hat von Anfang an erklärt, dass er von der reinen Kunst nichts hält, sondern politische Wirkung entfalten will. „Forget Fear“ nennt er seine Biennale. Statt Bildern hängen nun Slogans an den Wänden der Kunst-Werke, Vertreter internationaler Occupy-Gruppen haben in der Ausstellungshalle ihre Schlafsäcke ausgerollt und halten Versammlungen ab. Die vermeintliche Besetzung vollzieht sich jedoch ausgesprochen brav. Bestellter Protest evoziert eben keinen Skandal, solche Provokation läuft leer. Die zum Gallery Weekend angereisten Sammler erleben nicht einmal eine Publikumsbeschimpfung.

Berlin bietet durch seine eigene Vielfalt, die gelebten gesellschaftlichen Brüche eine ideale Bühne für das glamouröse Sammlerevent ebenso wie für die sozialkritische Kunst. Beides hat Platz. Zum Teil sind es die gleichen Akteure in der Welt des Kommerzes wie des Protests. Olafur Eliasson, Berlins internationaler Vorzeigekünstler, vergibt im Rahmen der Biennale einem Politiker der Linken ein sechsmonatiges Stipendium in seinem Atelierhaus im Pfefferberg – als „politisch-didaktisches Experiment“.

Dennoch besitzt die Kombination Kunst und Politik in Berlin Sprengkraft. Das hat die Auseinandersetzung um das BMW Guggenheim Lab gezeigt. Solchen Protest hatte niemand erwartet. Gerade dieses unberechenbare Moment macht die Hauptstadt so reizvoll, so aufregend für die Künstler, Galeristen, das internationale Publikum. Mehr als in anderen Metropolen kann sich Kunst hier mit Authentizität aufladen. Berlin bietet ihr das Lebenselixier.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!