Zeitung Heute : Berlin wird erdrosselt

Der Tagesspiegel

Der Magistrat der Reichshauptstadt hat schwerwiegende Beschlüsse gefasst, über die wir an anderer Stelle Einzelheiten geben. Einschränkungen der kommunalen Arbeit werden in einem Ausmaße erfolgen, das selbst Pessimisten eine derartige rückläufige Bewegung nicht erwartet hätten. Die Gebiete des größten Personal- und Sachaufwands sind am stärksten betroffen. Die Bauwirtschaft – Hoch- und Tiefbau – wird durch diese Einschränkungen fast vollständig lahmgelegt, denn seit Jahren ist die Stadt der größte Auftraggeber. Neubauten, die im Etat vorgesehen waren, unterbleiben, notwendigste Reparaturen werden nicht ausgeführt. Schwere Schäden am Sachvermögen der Stadt sind unvermeidlich.

In den Schulen muss die Verwaltung das bisherige fortschrittliche System des nach dem Einkommen gestaffelten Schulgeldes verlassen und zu dem staatlichen Prinzip der Freistellen übergehen. Zahlreiche Sonderkurse, Arbeitsgemeinschaften, Spielnachmittage werden fortfallen. Junglehrer in den Volksschulen, Assessoren in den höheren Lehranstalten, nichtangestellte Kräfte an den Berufsschulen werden entlassen und dadurch – von dem furchtbaren persönlichen Schicksal ganz abgesehen – die Jüngeren und Arbeitsfähigsten Kräfte den Schulen geraubt.

In der öffentlichen Wohlfahrtspflege werden einschneidende Sparmaßnahmen auf allen Gebieten der ergänzenden Fürsorge durchgeführt, das Lebensniveau der Erwerbslosen und Hilfsbedürftigen weiter empfindlich herabgemindert. Lohnsenkungen der Gemeindearbeiter, Gehaltskürzungen der Beamten ergänzen und vervollständigen dieses Programm.

Gefunden von Holger Hübner im Vorwärts, Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, vom 31. August 1931.

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