Berlinale : Der Mythos lebt

Weltkino. Weltkatastrophenkino. Weltanklagekino: Die Berlinale hat sich für diese Themen starkgemacht, im richtigen historischen Moment.

Christina Tilmann

BerlinDie Botschaft ist überdeutlich. Mit der Entscheidung der BerlinaleJury, die wichtigsten Bären an zwei dezidiert politische Filme zu vergeben, ist noch einmal bestätigt: Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind das moralische Festival der Kinowelt. Ein Merkmal, auf das Dieter Kosslick seit Beginn seiner Amtszeit konsequent hingearbeitet hat: mit der wiederholten Einladung an politisch engagierte Filmemacher wie Michael Winterbottom und zuletzt mit der Berufung des PolitthrillerRegisseurs Costa-Gavras zum Jurypräsidenten, der der Bärenvergabe erkennbar seine Handschrift verlieh.

Ein Film über korrupte Polizisten in Rio de Janeiro und einer über den Folterskandal von Abu Ghraib sind die beiden überraschenden Sieger dieser Berlinale. Beides Filme, die eigentlich mehr fürs eigene Land gedacht waren: „Tropa de Elite“ ist in Brasilien ein Millionenerfolg, weil er das Unbehagen am brutalen Vorgehen der Polizei, die Angst und Unsicherheit im Land artikuliert. Und Errol Morris’ „Standard Operating Procedure“ richtet sich gegen das schnelle Vergessen in den USA und vor allem gegen den skandalösen Tatbestand, dass für die Untaten von Abu Ghraib zwar die niederen Chargen, aber keine Befehlshaber zur Rechenschaft gezogen wurden. Und er macht klar, was die Formel „Standardoperation“ bedeutet: dass Folter immer noch eher die Regel als die Ausnahme im Krieg gegen den Terror ist.

Weltkino. Weltkatastrophenkino. Weltanklagekino. Berlin hat sich hier starkgemacht, im richtigen historischen Moment. Der Beginn des Irakkriegs im März 2003 spielte der Berlinale in die Hände: Plötzlich war sie die Plattform, auf der Bush-kritische Filmemacher und Schauspieler ihren Zorn, ihre Kritik am eigenen Land artikulierten. Das ist so geblieben, auch in Kosslicks dezidiert politischer Wettbewerbsauswahl, die zuweilen die politische Botschaft über cineastische Qualität stellt. Der Goldene Bär für „Tropa de Elite“, der Jury-Preis für „Standard Operating Procedure“ – zusammen ergibt das eine Art Friedensnobelpreis des Films. Einem Festival kann wahrlich Schlimmeres geschehen.

Das Publikum trägt die Richtung mit. Wieder konnte die Berlinale mit 230 000 verkauften Kinokarten einen Rekord vermelden, wieder scheint das von Jahr zu Jahr wachsende Festival alle Säle zu sprengen, wieder war fast jeder Film ausgebucht. Das neugierige, engagierte Publikum: auch das eine Berliner Spezialität, neben den eher branchenfixierten Festivals von Cannes und Venedig. Politisch wach, neugierig auf Experimente, manchmal auch leidensfähig: Dieter Kosslick tut gut daran, dieses Publikum, das die Stimmung des Festivals mindestens genauso sehr prägt wie die Stars, nicht mit amerikanischer Kino-Dutzendware abzuspeisen. Was nicht heißt, dass das Festival auf Glanz verzichten muss, schon gar nicht in diesem 58. Festival-Jahrgang mit dem fulminanten Auftakt der Rolling Stones, mit Neil Young, Patti Smith und Madonna, aber auch mit Daniel Day-Lewis, Penelope Cruz, Tilda Swinton, Scarlett Johansson und Natalie Portman. Glanz und Glamour vertragen sich mit ernsthafter, engagierter Festivalpolitik. Auch wenn das Kino der großen Namen eher in Cannes und Venedig spielt.

Dass Berlin so attraktiv erscheint, hat nicht nur mit der notorischen Attraktivität der coolen Partystadt zu tun, sondern eben auch mit der historischen Position als Dreh- und Angelpunkt einer politisierten Welt. Den Mythos Berlin erfährt auch Rockgröße Patti Smith, wenn sie an einem Berlinale-Sonntagmorgen Bertolt Brechts Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof besucht. Dass die Hip-Hoper der Welt auf dem Talent Campus das Gespräch mit hiesigen Rappern suchen und dass der US-Star Natalie Portman sich vor dem Catwalk auf dem roten Teppich im Hamburger Bahnhof Gegenwartskunst ansieht, beweist: Berlins Szene, Berlins Kultur und Geschichte sind ein Alleinstellungsmerkmal, das der Berlinale ihren Erfolg und ihr Überleben im immer größeren Festivalzirkus sichert. Es ist der Mythos Berlin, der hier Jahr für Jahr neu aufgeladen wird.

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