Zeitung Heute : Berlinale lauwarm: Der Filmparty fehlen die ganz großen Stars

Elisabeth Binder

Die weltweite Rezession wirft ihre Schatten offenbar auch auf die Filmfestspiele. Immer mehr verdichtet sich der Eindruck, dass der Aufbruch zu mehr Glamour, der in den vergangenen Jahren beobachtet worden war, diesmal erheblich gebremst ist. Manche sicher erwarteten Stars wie Judi Dench, Kate Winslet und Anjelica Huston kommen nun doch nicht. Solchen Schwund hat es immer gegeben, er gewinnt jedoch an Bedeutung, da auch aufwändige Premierenpartys und champagnerselige Get-togethers im großen Rahmen Mangelware sind. Dies, obwohl die Kinoindustrie mit hohen Zuwachsraten von der Rezession nur in Einzelfällen betroffen ist. Die Nachwirkungen des 11. September spielen bei der Zurückhaltung ebenso eine Rolle wie die Sorge, sich in einer düsteren Gesamtlage mit Protz und Prunk die Sympathie des Publikums zu vergällen.

Vor der Hintertür des Grand Hyatt warten 50 Leute mit gezückten Autogrammblocks auf Donald Sutherland. Am roten Teppich vor dem Berlinale-Palast stehen sie in Dreierreihen, um einen Ausblick auf die Stars zu erhaschen. Gleißende Scheinwerfer wie in jedem Jahr, aber die roten Blüten auf den schmückenden Weidenbündeln im Foyer sind, einmal verwelkt, nicht mehr ausgetauscht worden. Der Himmel über dem Potsdamer Platz leuchtet, aber nicht ganz so hell, wie erwartet. Als am Abend nach der Premiere von "8 Femmes" im Adagio die Fete zum Film stattfindet, wird in zwei Klassen gefeiert. Oben auf dem Balkon dinieren geladene Gäste, unten im Verlies prosten andere Berlinale-Teilnehmer mit selbst zu zahlender Cola auf den Film.

Was die Partys betrifft, sah Fred Hürst, als Direktor des Grand Hyatt Hotels ein Augenzeuge mit Logenplatz, schon im letzten Jahr einen leichten Niedergang hinsichtlich Aufwand und Glanz. Eine Tendenz, die sich in diesem Jahr noch deutlicher fortsetzt. An Stars sei eigentlich kein Mangel. Neben Donald Sutherland und Catherine Deneuve sind auch Faye Dunaway, Robert Altman, Tom Tykwer, Cate Blanchett und Kevin Spacey über den roten Teppich geschritten. Vielleicht mag keiner von denen einen ähnlichen Hype auslösen, wie es vor zwei Jahren Leonardo DiCaprio tat oder im letzten Jahr Kirk Douglas.

In der mit rotem Samtstoff ausgekleideten Lounge des Fernsehsenders Premiere fließt der Champagner noch recht munter, der Blick auf den Sony-Teil des Potsdamer Platzes hat allein schon filmreife Qualitäten. Seitdem Columbia-TriStar hier häufiger den roten Teppich ausrollt für amerikanische Stars, die zu großen Filmpremieren eingeflogen werden, haben die Festspiele mindestens bei den Zaungästen Berlinale 2002 Online Spezial: Internationale Filmfestspiele
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Konkurrenz bekommen. Einem jugendlichen Autogrammjäger mit Appetit auf Hollywood-Signaturen kann es ja ziemlich egal sein, ob Tom Cruise nun zum Festival erscheint oder, wie tatsächlich geschehen, ein paar Tage vorher zur Premiere von "Vanilla Sky". Im Zweifel bekommt er durch den singulären Auftritt eher mehr Aufmersamkeit, als wenn er zwischen französischen Diven unterginge. Wenn es nach Columbia-Chef Jürgen Schau ginge, müsste sich Berlin selbst um eine glanzvollere Präsentation des Festivals bemühen. Gendarmerie-Spalier am roten Teppich für die Helden der Leinwand sollten nach seiner Auffassung wie in Cannes zum Standard gehören. Was die Präsenz von Stars betrifft, sieht er ansonsten keinen Mangel, eher, was deren Wahrnehmung betrifft. Russell Crowe führt er auf, Halle Berry, Kevin Spacey. "Wir haben die tollen Talente doch hier", schwärmt Schau und schimpft ein bisschen auf die schlecht gepflegte Kinokultur, die es mit sich bringt, dass "alle immer nur auf die alten Heroes warten".

Anders ist das beim Begleitprogramm. Auch Schau hat nach dem 11. September und den politischen Folgeereignissen seine alte Partylaune noch nicht wiedergefunden. Außerdem sei das Programm so dicht, dass zum Feiern kaum Zeit bleibe. Solange sich das Film-Business mit 18 Prozent Zuwachsraten eines kräftigeren Booms erfreuen könne als die Airbus-Industrie, sieht er jedenfalls keinen Grund zur Betrübnis. Den Neustart des neuen Festivaldirektors Dieter Kosslick findet er vor diesem Hintergrund "interessant, aber ausbaufähig".

Dass der Auftaktempfang mit dem Regierenden Bürgermeister dieser finanziell so geschundenen Stadt als Co-Gastgeber bei 2500 Gästen eher mit Currywürstchen als mit Kaviar auskommen musste, ist ja eigentlich ein vernünftiges Signal und auch die gebremste Üppigkeit beim traditionellen Empfang der Bundesregierung entspricht genau dem Zeitgefühl. Einen Ort immerhin gibt es, den die Krise nicht ereilt, gerade so, als halte eine gute (Film-)Fee ihre Hand darüber. Die gebratene Blutwurst, die in der Paris Bar an die Stars verfüttert wird, hob die Bild-Zeitung gestern auf ihre In-Liste. Und Geschäftsführer Walter Mühlmann kennt trotz räumlicher Erweiterung nur eine Klage: "Wir haben viel zu wenig Plätze."

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