Zeitung Heute : Berliner Begegnungen der dritten Art

HELMUT MERSCHMANN

BERLIN GIBT ES AUCH ALS 3D-SIMULATION - IM INTERNET . Ein Prototyp der sogenannten "e:city" findet sich unter der Web-Adresse www.open-berlin.de/echtzeit.html . Per Maus läßt sich dort in der City Ost herumwandern, Geschäfte aufsuchen und Shoppen gehen. Möglich gemacht hat das die Berliner "echtzeit GmbH" ( www.echtzeit.de ). Für die Funkausstellung Ende August soll das komplette Messegelände am Funkturm virtualisiert werden. Was bringt die Internet-Stadt der Zukunft? Mit "echtzeit"-Geschäftsführerin Claudia Alsdorf sprach Helmut Merschmann.

Frau Alsdorf, wie wird die reale Stadt der Zukunft aussehen?

Die Stadt der Zukunft wird nicht viel anders aussehen als die Städte, die wir heute schon kennen. Sie wird sich mehr und mehr in Richtung Event-Welt entwickeln. Das Stadtzentrum wird sich zum Ort der Begegnung und Kommunikation ausbilden. Wie gegenwärtig am Potsdamer Platz, wo eine künstliche in eine reale Welt hineingepflanzt worden ist. Deren Ziel ist es, Begegnungsstätte zu sein und die Leute zu unterhalten. Sie ist aber keine Produktionsstätte mehr.

Liegt darin bereits ein Berührungspunkt mit der virtuellen Stadt, der "e:city", an der Sie bauen ?

Die "e:city" versucht abzubilden, was man in der realen Stadt vorfindet. Und in der realen Stadt findet man vor allem Kommunikationsangebote. Das wollen wir auch für die "e:city" schaffen. Doch auch die Konsummöglichkeiten, durch die sich ja reale Städte im Zentrum auszeichnen, sollen abgebildet werden. Darüber hinaus kann die "e:city" etwas leisten, was man in der realen Stadt nicht unmittelbar vorfindet, nämlich die verschiedenen Schichten einer Stadt zu zeigen. Zum Beispiel können wir dem Nutzer das historische Berlin per Mausklick zur Verfügung stellen. Am virtuellen Gendarmenmarkt zeigen historische Filme, wie der Platz früher ausgesehen hat.

Die "e:city" wird wohl kaum ein 1:1 Modell einer Stadt generieren. Worauf wollen Sie sich konzentrieren?

Die Stadtzentren. In Berlin sind das die City Ost und West, aber auch Business-Zentren wie das Messegelände am Funkturm. Auf Punkte, an denen eine gewisse Informationsdichte herrscht, sei es im Bereich Konsum oder in der öffentlichen Verwaltung, im Bereich Bildung oder Messe.

Was wird es dort genau zu sehen geben?

Alles rund um Konsum und E-Commerce. Ich kann in einen 3D-Shop gehen, mir Produkte anschauen und online ordern. Ich kann auch eine real stattfindende Messe im Internet besuchen. Im touristischen Bereich liegen Informationen einer Stadt vor, die auch ein Stadtführer bietet, nur eben dreidimensional und multimedial, mit Soundfiles und Filmen.

Was hat dem 3D-Modell als Vorlage gedient?

Die offizielle Kartasteramtskarte, die in zweidimensionaler, digitalisierter Form für die meisten Städte vorliegt. Straßen, Häuser und Grundstücksgrenzen sind da schon drauf. Das ist die Grundlage, von der aus wir das Ganze in die dritte Dimension hochziehen, zu Blockmodellen. Dann nehmen wir von den realexistierenden Häusern die Fassaden als digitales Bildmaterial auf und "kleben" die auf diese 3D-Modelle.

Welcher Realitätsgrad wird dabei angestrebt?

Das kommt auf die Kundenwünsche an. Es geht hin bis zur 1:1 Abbildung, kann aber auch bloß eine grobe Hausfassade sein, in das man nicht hineingelangt, weil es keinen Innenraum gibt.

Wer sind Ihre Kunden?

Wir arbeiten mit der Deutschen Telekom zusammen und mit Banken, die ja per se ein virtuelles Geschäft betreiben, den Geldverkehr. Mehr und mehr findet dieser im Internet statt, vom Aktienzeichnen bis zum Homebanking. Gerade solche komplett virtualisierten Geschäftsabläufe brauchen noch einen Bezug zur Realität. Banken kommen auf uns zu und sagen: "Wir wollen zeigen, daß wir noch real vorhanden sind und brauchen eine 3D-Repräsentanz in der Stadt, die an unsere Internet-Dienste angeschlossen ist".

Finanzieren diese Kunden die "e:city"?

Das Geschäftsmodell ist eine Mischung aus Lizenzverkauf und Dienstleistung. Wir verkaufen Lizenzen für "e:city", die bestimmte Leistungen umfassen: eine 3D-Präsentation, einen Chat-Server, E-Commerce-Anbindung. Das wird mit der Dienstleistung - der Anpassung auf das Corporate Design des Kunden - verbunden. Die Preise bewegen sich zwischen 599 DM und 24 000 DM. Der Imbiß um die Ecke wird vielleicht eher als Symbol repräsentiert, über das die eigene Homepage zu erreichen ist.

Welchen informellen Vorteil erkennen Sie in der "e:city" gegenüber anderen Stadtinformationssystemen?

Die Erfahrungen, die Sie jeden Tag in einer Stadt machen, können übertragen werden. Sie können sich schnell irgend wohin bewegen, ohne tausend Klicks machen zu müssen. Räumliches Orientieren funktioniert wie im realen. Das ist ein einfacher, intuitiver Zugang. Ein weiterer Vorteil ist der Fun-Faktor, den man nicht unterschätzen sollte, ein gewisses Vergnügen bei der Anwendung. Außerdem können Touristen nicht nur ihr Hotel vorab besuchen, sondern auch sein Umfeld anschauen. Das ist attraktiver als ein zweidimensionales Infosystem wie "Berlin.de".

Gibt es für die "e:city" Vorbilder im Internet?

"e:city" ist das dreidimensionale Pendant zu Systemen wie Sidewalk.com, ein erfolgreiches amerikanisches Stadtinformationssystem. Das will ebenfalls abbilden, was in der realen Stadt passiert. Man findet dort Restaurants, Bars, aber auch Rankings. Die Nutzer können selber festlegen, was das angesagteste Restaurant oder die beliebteste Bar der Stadt ist.

Schöne, neue virtuelle Welt. Müssen eines Tages Agenten ausgeschickt werden, wie im Film "Matrix", die Menschen aus dem Cyberspace befreien?

Wir brauchen auf jeden Fall Agenten, die uns durch die Informationsweiten der virtuellen Welt hindurchführen. Die Agenten, die uns da wieder raus holen, brauchen wir nicht. Die virtuelle Welt ist immer nur eine Ergänzung dessen, was wir in der Realität als Menschen erfahren und erleben können. Die Realität ist immer noch spannender als die Virtualität.

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