Berliner Charité : Das Skalpell, bitte

Die Charité ist nicht nur Europas größtes Universitätsklinikum, sondern auch der zweitgrößte Arbeitgeber Berlins. Das macht sie zu unübersichtlich, zu träge und zu teuer. Es ist Zeit für einen Schnitt.

Ingo Bach

Was ist denn da schon wieder los in Europas größtem Universitätsklinikum? Imageschädigende Studienpannen um ein angebliches Bio-Viagra, ein tagelang unentdeckter Toter in der Kliniktoilette, immer schneller wachsende Defizite – und das sind nur die Schlagzeilen der vergangenen Tage. Man ist versucht, sarkastisch zu werden. Schon davor stolperte die Charité nicht gern, aber oft ins negative öffentliche Licht. Um sich dann zu beklagen, dass die Berliner Medien schlecht mit ihr umgingen. Mit ihr, die doch auf eine bald 300-jährige Geschichte zurückblicken kann, mit ihr, die doch Europas größtes Universitätsklinikum und der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt ist.

Doch gerade das sind ihre Schwächen. Zu groß, zu unübersichtlich, zu teuer, zu viele Interessen und traditionsbewusste Standesdünkel. Die Charité ist krankgewuchert. 107 Kliniken und Institute, zu 17 Zentren zusammengefasst, die sich über vier Standorte in der ganzen Stadt verteilen; Chefärzte, die ein paar Tage an diesem Standort weilen, ein paar Tage an jenem und noch einen Tag am dritten, weil es überall Dependancen ihres Institutes gibt; und schließlich Diskussionen von eifersüchtigen Professoren, Personalräten und Parteipolitikern um einen Proporz, auf dass ja kein Standort übervorteilt werde.

Es ist Zeit für einen Schnitt. Vorsichtig lotet der neue Vorstandsvorsitzende, Karl Max Einhäupl, gerade aus, wie tief dieser Schnitt gehen könnte. Er spricht davon, dass es nicht an jedem Standort das gleiche Angebot geben müsse. Und er denkt über einfacher ausgestattete „Portalkliniken“ nach, die Patienten zwar aufnehmen, wenn nötig aber an die Spezialhäuser weiterreichen.

Von diesem Gedanken ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Debatte, ob die Charité tatsächlich alle Standorte in Berlin – also Buch, Mitte, Steglitz und Wedding – benötigt. So weit will Einhäupl nicht gehen: Ja, sie alle seien wichtig, beteuert er. Doch das Universitätsklinikum sollte sich auf das konzentrieren, was es am besten können muss: Forschung und Hochleistungsmedizin. Auskömmlich wirtschaften kann die Charité sowieso nur mit schwerer kranken Patienten, weil die Krankenkassen nur für sie so hohe Pauschalen zahlen, dass sie die teure Infrastruktur einer Universitätsklinik finanzieren können. Die Portalkliniken, die die Patienten ins System holen und die leichteren Fälle versorgen, muss die Charité gar nicht selbst betreiben. So etwas kann über Kooperationen mit anderen Spitälern geregelt werden, die sich verpflichten, die schweren Fälle an die Uniklinik zu überweisen. Als Partner käme etwa der landeseigene Klinikkonzern Vivantes infrage, der neun ehemals städtische Krankenhäuser betreibt.

Wenn sich die Charité zu dem radikalen Schnitt durchringen könnte, einen Standort auf- beziehungsweise an einen Partner abzugeben, hätte sie gegenüber dem Land (immerhin ihrem Eigentümer) die Initiative wieder in der Hand. Dann endlich nämlich wäre der Senat gezwungen, sich der eigentlich wichtigen Frage zu stellen: Was ist uns die Charité, diese traditionsreiche wissenschaftliche Institution mit dem weltweit bekannten Markennamen, wert? Wie sollte die sparwütige Landesregierung einen selbstbewusst auf das eigene „Opfer“ verweisenden Charité-Vorstand abbügeln, der sagt: „Wir machen das Klinikum zukunftsfähig. Aber ihr finanziert uns dafür nicht nur das Nötige, sondern das Beste“? Für die Forschung, damit die Strahlkraft der Charité erhalten bleibt.

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