Zeitung Heute : Berliner Clubleben: Der DJ der Zukunft

Gregor Wildermann

Der Montag abend könnte eigentlich einer dieser ganz normalen Nächte im Berliner Clubleben sein. Dutzende von verschiedenen Musikstilarten werden in Kellerräumen, Loungebars und riesigen Tanztempeln gespielt. Und bisher arbeitete der Discjockey immer noch mit Vinylplatten, die am Plattenmarkt von Britney Spears oder Robbie Williams schon längst ausgestorben sind. Doch im Casino-Club in der Berliner Mühlenstraße kann man der Zukunft des DJ-Berufes schon einmal auf die Plattenteller schauen.

Zu Besuch ist John Acquaviva, der neben Kopfhörer und einem Plattenkoffer noch etwas mehr Ausrüstung mitgebracht hat. Er testet seit gut einem Jahr ein neues System namens Final Scratch, welches DJs zum ersten Mal ein Tool an die Hand gibt, das als nahtlose Brücke zwischen herkömmlichen Vinylplatten und digitalen Soundquellen funktioniert.

Entwickelt wurde Final Scratch von der in Amsterdam niedergelassenen Firma N2it, bei der Jaap Verbeek als Entwicklungsleiter das Projekt betreut. "Die Idee zu Final Scratch wurde 1997 auf dem Hacking-in-Progress-Event in Holland geboren. Wie es immer so üblich ist, gab es abends einige Partys. Auf einer davon spielte ein Discjockey, der aber nur 20 Platten dabei hatte. Ganz in seiner Nähe stand ein MP3-Server mit 23 Gigabyte voller rarer Tracks, und als nach wenigen Stunden der DJ alle seine Platten gespielt hatte, ist uns die Idee zu Final Scratch gekommen."

Bisher konnten DJs, die neben Vinyl und CDs auch noch digitale Soundformate wie MP3s abspielen wollten, einfach ihren Laptop an das Mischpult anschließen und im geeigneten Moment einspielen. Für den internen Umgang mit digitalen Files gibt es mittlerweile einige funktionierende Programme wie zum Beispiel Tactile 12000, jedoch nichts, was sich mit Final Scratch vergleichen könnte.

Das Beste aus zwei Welten

Herzstück des Systems ist neben der Software und der speziellen Final-Scratch-Vinylplatte die Scratch-Amp-Box, die als Schnittstelle zwischen Computer und den Plattenspielern funktioniert. "In Verbindung mit Scratch Amp erkennt das Tonabnehmersystem das Zeitcodesignal auf dem Vinyl. An der Outputschnittstelle wird dann alles so gehandhabt, wie es bei einer normalen Vinylplatte wäre: Anwählen, Tempowechsel, abstimmen und selbst scratchen - alles ist möglich. Das System verbindet das beste aus beiden Welten, die gewohnten DJ-Techniken mit einer digitalen Arbeitsweise", sagt Jaap Verbeek.

Wer Final Scratch im realen Betrieb erlebt, bemerkt keinen einzigen Unterschied zu einem normalen DJ-Set. Lediglich das leicht hastige Tippen auf der Tastur des PC, der einen Intel oder AMD-Prozessor mit mindestens 500 Mhz sowie eine USB-Schnittstelle haben sollte, fällt bei genauerem Hinsehen schon auf.

Dabei ist die Bildschirmübersicht klar strukturiert: Neben einer Auswahltabelle der vorhandenen Tracks (mit Suchbegriffmöglichkeit), einem Infofeld für die beiden ausgewählten Titel sieht der DJ das geladene Soundfile. Sobald er unter seinen geladenen Tracks ein File ausgewählt hat, kann er sich ganz auf den üblichen Mix zwischen den beiden Platten konzentrieren.

Genau darin liegt der entscheidene Vorteil von Final Scratch: Es verdrängt die Vinylplatte nicht ins Museum, sondern erweitert die kreativen Möglichkeiten des DJs sowie seine Auswahlmöglichkeiten. Statt der bisher 200 Platten, die durch ihr Gewicht sehr unpraktisch im Transport sind, kann ein DJ mehrere tausend Tracks auf seinem PC mitnehmen und gleichzeitig neue Releases weiter auf Vinyl spielen. Auch eigene Tracks kann der DJ direkt am Abend ausprobieren. Fehlende Wunschtitel könnten noch während des eigenen Sets aus den Netz geladen werden.

Dazu kommt, das seltene Platten nicht mehr mitgeschleppt werden müssen und so auch nicht abgenutzt werden. Nach der Musikmesse in Cannes war die erste öffentliche Vorstellung des Systems im März auf der diesjährigen Frankfurter Musikmesse. Da es noch kein Serienmodell gibt, steht aber auch noch kein endgültiger Preis für Final Scratch fest.

Seit Anfang April besteht auf der offiziellen Website von Final Scratch die Möglichkeit, via Newsletter über den weiteren Entwicklungsverlauf informiert zu werden. Mit sechs Quicktime-Movies erklärt John Acquaviva dort auch den Aufbau und die Arbeitsweise des Systems. Für diejenigen, die am Montag abend noch keine Zeit für die Zukunft haben und nicht in den Casino-Club gehen können.

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