Berliner Eisbären : Abschied von der Scholle

Andere Eishockeyklubs haben moderne Arenen, die Berliner Eisbären nicht: noch ist ihre Heimat der Wellblechpalast in Hohenschönhausen. Am Freitag spielen sie dort vielleicht zum letzten Mal. Fans verlieren ein Refugium, ihr Star verliert den Ort, an dem er erwachsen wurde.

Sven Goldmann
Eisbären
Bärenmarke. Im Wellblechpalast stehen viele Fans, es riecht nach abgestandenem Bier. In der neuen Arena sollen sie auf...Foto: Davids/Gebert

Das Leben eines Eishockeyspielers ist hart, aber was ist das schon gegen das Leben eines Eishockeyzuschauers? Drei Stunden lang steht Sven Felski an der Bande, immer wieder schlägt er mit der Faust gegen die Plexiglasscheibe und brüllt, bis ihm die Stimme versagt. Soll er den Abschied wirklich nur als Randfigur erleben? Das letzte Spiel der Berliner Eisbären in ihrer alten Halle in Hohenschönhausen, die sie wegen ihrer simplen Dachkonstruktion Wellblechpalast nennen. Für die Fans im Osten ist es die schönste Halle der Welt, sie sind stolz darauf, dass den Gegnern die Hände am Stock zittern, wenn der Stehblock hinterm Tor „Uffta-Uffta-Uffta-Täteräää“ brüllt oder „Ost-Ost-Ost-Berlin!“

Der Wellblechpalast. Mit seinen Milchglasscheiben, den ausgetretenen Treppen und seinen eigenartigen Stahlträgern passt er nicht in die neue Welt der glitzernden Arenen, in denen das schnellste Spiel der Welt im dritten Jahrtausend gespielt wird. Die Eisstadien der Neuzeit heißen Color-Line-Arena oder ISS-Dome, wer hat schon einen Palast? Doch auch die Eisbären sind ein kommerzielles Unternehmen, und im September werden sie umziehen. An den Ostbahnhof, in die O2- World, eine der modernsten Hallen Europas. Ein letztes Mal spielen sie in Hohenschönhausen jetzt noch die Play-offs um die deutsche Meisterschaft aus, dann ist Schluss. Jedes Spiel könnte das letzte sein, und wer will das schon verpassen?

Sven Felski darf es nicht verpassen.

33 Jahre ist er alt, und 29 Jahre lang war diese Halle, war dieses Stückchen Eis im Osten Berlins sein Lebensmittelpunkt. Hier stand er das erste Mal auf Schlittschuhen, hier trug er als Schüler das weinrote Trikot des SC Dynamo, aus dem 1992 der EHC Eisbären wurde. Hier wuchs Sven Felski heran zum Nationalspieler, zur Identifikationsfigur einer ganzen Fangeneration. Und er soll das Ende als Zuschauer erleben? Wegen dieses blöden Stockschlags zwei Tage zuvor in Düsseldorf? Nichts Böses, aber genug, um sich eine Sperre für das nächste Spiel einzuhandeln, für das vielleicht letzte. Felski steht also in Schlips und Anzug hinter der Bande, schlägt gegen das Plexiglas und brüllt, bis der Halbfinalgegner aus Düsseldorf endlich besiegt ist und die Abschiedstournee weitergeht. Im Endspiel. „Das war brutal, aber auch geil“, sagt Felski und dass er natürlich nie an den Kollegen gezweifelt habe. Dass sie das Spiel gewinnen würden, auch ohne ihn, nach der blöden Sperre für einen blöden Stockschlag.

Heute Abend könnte es wirklich zu Ende gehen. Wenn die Eisbären das dritte Finalspiel gegen die Kölner Haie gewinnen und am Sonntag auch das vierte in Köln, sind sie Deutscher Meister. Es wäre ein letzter symbolischer Gruß an den Wellblechpalast, ein tschechisches Architektenkollektiv hatte ihn vor 50 Jahren an den Rand des Sportforums gesetzt, wo die DDR ihre Spitzensportler heranzog. Mauersteine und Stahl, die Lampen wackelten im Wind und stürzten schon mal aufs Eis. Erst Ende der Sechziger Jahre bekam der Palast sein Wellblechdach.

Als Sven Felski mit vier Jahren zum ersten Mal Hohenschönhausener Eis betrat, wollten ihn seine Eltern zum Eiskunstläufer ausbilden lassen. Er erinnert sich noch an die Figuren, die er mit Kati und René und den anderen gedreht hat. „Hat schon Spaß gemacht, jeden Tag auf dem Eis zu stehen.“ Aber so gut wie Kati und René war er nie. Kati Winkler und René Lohse sind später bei Weltmeisterschaften Dritte geworden. Zu Felski hat der Trainer gesagt, er solle sich besser eine andere Sportart suchen. Die Kringel waren nicht so sein Ding, aber er konnte immerhin Schlittschuh laufen. Felskis Vater war Eishockeyfan und machte sich dafür stark, dass der Sohn auf dem Eis bleiben durfte.

Heute sieht Sven Felski mit seinem gewaltigen Vollbart aus wie ein junger Weihnachtsmann. Der Bart ist wichtig, die Eishockeyspieler lassen ihn sich während der Play-offs stehen und rasieren ihn erst ab, wenn sie ausgeschieden sind. Oder Meister. Das waren die Eisbären schon 2005 und 2006 und vor der Wende 15 Mal in der DDR. Damals war Eishockey noch Randsportart, eine familiäre Angelegenheit vor ein paar hundert Zuschauern, die weit verstreut auf Holzbänken saßen. Erst nach der Wende, als die Dynamos in der Bundesliga mitspielen durften, entdeckten die Einwohner der Plattenbauten in Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf das Eishockey. Als einen Mikrokosmos, in dem es der Osten dem Westen mal so richtig geben konnte. Vor allem, wenn der BSC Preussen aus dem Westen der Stadt in die baufällige Halle im Osten kam.

Der Begriff Wellblechpalast ist die Erfindung einer West-Berliner Boulevardzeitung, alles andere als nett gemeint. Aber die Eishockeyfans im Osten traten in der Nachwendezeit selbstironisch auf. Bei Gastspielen im Westen riefen sie „Alle sind wir da, außer Erich Honecka!“ oder „Wir woll’n Begrüßungsgeld!“ Und sie kokettierten damit, in einem Wellblechpalast zu spielen. Sie hatten Spaß an dieser gespielten Form von Unterlegenheit, die im realen Leben war viel ernster. Staat weg, Job weg, Perspektive weg. In Hohenschönhausen bastelten sie sich eine Mini-DDR, in der die Eisbären immer noch Dynamo hießen, die Puhdys „Alt wie ein Baum“ sangen und das Publikum den Gewinn des FDGB-Pokals einforderte. Wenige hier hatten die Absicht, eine Mauer abzubauen.

Die West-Berliner Fans trauten sich lange Zeit nur im eigenen Reisebus nach Hohenschönhausen. Und wenn die Ost- Berliner in den Westen fuhren, wartete dort ein Polizeiaufgebot wie am 1. Mai in Kreuzberg. Die Spieler haben diesen Kulturkampf nie nachvollzogen. Der frühere Eisbären-Profi Jan Schertz hat mal zu einem aufdringlichen Ost-Ost-Ost-Berliner Fan gesagt: „Ich kann doch nichts dafür, dass du deine DDR nicht mehr hast!“ Und Felski zählte schon in den Neunziger Jahren den Preussen-Kapitän Georg Holzmann zu seinen besten Freunden. Hohenschönhausen war geographische, nicht politische Heimat.

1999 hat der Oscar-Preisträger Pepe Danquart einen Dokumentarfilm über die Eisbären gedreht. Er heißt „Heimspiel“, der Wellblechpalast spielt die Hauptrolle, und auch Sven Felskis Vater hat darin einen kurzen Auftritt. Der Vater sagt: „Der Sven ist ein Kind des Systems, den hat der Staat erzogen.“ Dem Sohn war dieser Satz ein bisschen unangenehm. Könnte ja falsch interpretiert werden. Ihn abstempeln als späten Ostalgiker, der in der DDR immer noch als das bessere System sieht. Blödsinn.

Ja, er ist er ein Kind des Ostens, aufgewachsen in Hohenschönhausen, wo der Osten so östlich war, wie es östlicher kaum geht. Und er ist auch ein Kind des Systems, aber nicht des politischen, sondern des Sportsystems. So sieht er das. Sven Felski sagt: „Natürlich habe ich von der Förderung in der DDR profitiert.“ Er sagt aber auch: „Die Wende ist für mich genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.“ Nach einer harten, guten Ausbildung, Grundlage für die spätere Profikarriere. Heute weiß Felski, wofür sie gut waren, die endlos mit den Kufen ins Eis gemalten Pflichtfiguren. Früher und besser als alle anderen hatte er das Gefühl für den richtigen Schwerpunkt in den Schlittschuhen. Schon der junge Felski war ein Erlebnis. Wenn er sich tief im eigenen Drittel die Scheibe holte und Tempo aufnahm. Immer auf dem direkten Weg zum Tor, ohne überflüssige Kringel, als Kunstläufer hatte er genug gedreht. 1990, mit 15, lief Felski bei der Junioren-Europameisterschaft für die DDR auf, ein Jahr später für Gesamtdeutschland.

Es ist nicht so, dass er nie weg wollte aus Osten. 1995 war ein Wechsel zu den Preussen beschlossene Sache. Nach dem letzten Saisonspiel, ausgerechnet beim übermächtigen Lokalrivalen in Charlottenburg, lief Felski unter dem Beifall der West-Berliner Fans eine Ehrenrunde. „Ich hatte mir schon Wohnungen im Westen angeschaut.“ Am Ende scheiterte der Wechsel an der Ablöse. 250 000 Mark wollten die Eisbären, ein bisschen viel für einen 20-Jährigen, fanden sie im Westen. Als ein halbes Jahr später mit dem Bosman-Urteil die Ablösesummen für Profis mit auslaufenden Verträgen wegfielen, hatte Felski sich langfristig an die Eisbären gebunden.

Mitte der Neunziger kauften die Eisbären groß in Nordamerika und Skandinavien ein, die neue Umgangssprache in der Kabine war Englisch. Die neuen Spieler wohnten im Westen. Nach dem Training gingen sie zum Essen nicht mehr in das alte Casino mit den Funzeln an der Decke und Bockwurst auf der Speisekarte. Sondern nach Charlottenburg oder Wilmersdorf. Die Fans riefen weiter „Ost- Ost-Ost-Berlin!“, aber Sprechchöre für den einzigen Ost-Berliner im Team gab es nicht. Felski weiß noch, wie der Trainer zu ihm gesagt hat: „Sorry, Sven, aber du bist nicht groß und nicht kräftig genug.“

Die Kanadier, Amerikaner, Schweden und Finnen haben Hohenschönhausen längst verlassen. Die Preussen sind vor ein paar Jahren Pleite gegangen. Sven Felski spielt noch. Er ist nicht größer geworden, aber kräftiger. Und seine Schnelligkeit hat ihn zu einem der besten Spieler der Liga gemacht. Und zu einem der am meisten gefoulten. Der Zuschauer auf der Tribüne sieht die vielen Hiebe, Stiche und Schläge nicht. Er sieht nur Felskis Reaktion, wenn seine Geduld aufgebraucht ist und er zurückschlägt. Die Gegner wissen, dass er leicht zu provozieren ist. Dass Felski sich nichts gefallen lässt. Eine Fehde mit ihm endet selten schmerzfrei. Manchmal hat das für ihn böse Folgen.

Die blöde Sperre nach dem blöden Stockschlag. Felskis Trainer Don Jackson war hinterher so wütend, dass er sich weigerte, Felskis Foul überhaupt zu kommentieren. Die Fans in Hohenschönhausen sind da nachsichtiger, denn genau so etwas wollen sie sehen. Noch immer feiern sie den Kanadier Derek Mayer, „du bist, der beste Mann, hol’ die Kelle raus!“ Nicht, weil Mayer so elegant den Puck streichelte, sondern weil er vor elf Jahren einen Preussen ins Krankenhaus beförderte. Ein junges Eventpublikum hat die Eishockey-Puristen aus dem Wellblechpalast verdrängt. Es riecht nach Schweiß und Urinstein, das Bier ist billig und Krawall der friedlichen Sorte garantiert.

Wie nur wollen sie dieses Ambiente hinüber retten in die Plüschsessel in der O2-Arena? Wie viele Fans werden den Umzug mitmachen? Alle ahnen sie, dass es nie mehr so sein wird wie jetzt. Auch für Felski wird es ein Neuanfang. Er ist neben dem Eisstadion aufgewachsen, auch deshalb feiern ihn die Fans. Wer schafft es schon, sein ganzes Sportlerleben einem Klub treu zu bleiben? In einer Zeit, da Profis moderne Söldner sind.

Wäre es nach dem früheren Trainer Pierre Pagé gegangen, dann hätte Felski längst einen neuen Verein. Pagé hat sich in Hohenschönhausen beliebt gemacht, weil er in der Kabine die alten Dynamo- Wimpel aufhängen ließ und die Eisbären zu den ersten gesamtdeutschen Meistertiteln führte. Felski aber war eine Nummer zu groß für ihn. Manager Peter John Lee fuhr den Trainer an: „Unseren populärsten Mann weggeben – bist du wahnsinnig?“ Heute arbeitet Pagé in Salzburg, und sein Urteil über Felski fällt im Rückblick überraschend selbstkritisch aus: „Ich fürchte, ich habe ihm nicht immer den Respekt erwiesen, den er verdient hatte.“

Vorbei und vergessen. Eine von vielen Erfahrungen, die Sven Felski in seinen 29 Hohenschönhausener Jahren gemacht hat. Kommt zum Abschied Wehmut auf? „Nee“, sagt Felski, „vielleicht später“, aber jetzt hat er erstmal den Kopf voll mit dem Spiel gegen Köln. Es ist ja nicht alles zu Ende. Den Glitzerkasten am Ostbahnhof nutzen die Eisbären nur für ihre Spiele, Training ist weiter im Wellblechpalast. Felski hat ihn übrigens nie Wellblechpalast genannt. „Für mich war das immer die Eishalle oder das Sportforum.“

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