Berliner Erinnerungsbücher : Was waren das für Räume

Das wilde Berlin der achtziger und neunziger Jahre ist immer wieder Thema in Romanen und Erzählungen. Langsam reicht es mit dem Erinnerungskult. Eine Glosse.

"It's not over", zumindest nicht in der Gegenwartsliteratur: Der legendäre Berliner Tresor-Club.
"It's not over", zumindest nicht in der Gegenwartsliteratur: Der legendäre Berliner Tresor-Club.Foto: AFP/John MacDougall

Was waren das für Zeiten, als Berlin noch wild und abenteuerlich und gefährlich war! Als ein Verlag das Debüt einer jungen Autorin als „rasanten Patchwork-Roman über das Szeneleben in Berlin zwischen Eventhunting, Hipness, Überdruss und so was Altmodisches wie Liebe“ bewerben konnte. „Spielzone“ heißt dieser Roman. Er stammt von Tanja Dückers, erschien 1999 und erzählt von eben jenen wilden und abenteuerlichen und gefährlichen Jahren in Prenzlauer Berg und Neukölln. Von Räumen, in denen alles ging, in denen allen Alteingesessenen und Zugezogenen alle Möglichkeiten offenstanden und die auch literarisch gänzlich unvermessen waren.

Heute ist Berlin brav und touristisch erschlossen und langweilig. Und die Verlage? Veröffentlichen statt Szeneromanen lieber Erinnerungsbücher, die „Die ersten Tage von Berlin“, „Nachtleben Berlin“ oder „Berlin Heart Beats“ heißen, die vom „Dschungel“ und „Risiko“ in West-Berlin erzählen, vom „Tresor“ und vom „WMF“ und überhaupt der wilden Clubszene in Mitte.

Bücher, in denen Christiane Rösinger zum x-ten Mal die „Lo-Fi-Boheme“ beschwört, Judith Hermann von „Möglichkeitsräumen“ schwärmt und Dimitri Hegemann die „Magie der Räume“ feiert; Bücher, in denen steht: „Berlin ist keine Insel mehr, alte Strukturen lösen sich auf und lassen einen neuen Lebensraum entstehen, der einlädt zu Improvisation und Experiment.“

Neues von Sven Regener und Tanja Dückers

Wer nicht dabei war, ärgert sich vielleicht, fühlt Phantomschmerz, denkt, dass die sagenumwobenen „Räume“ jetzt alle geschlossen sind. Wer aber dabei war und es nicht so mit der Erinnerungskunst hat, bekommt das Gefühl, dass diese Zeit nun langsam doch auserzählt ist, die alten Helden mal andere Platten auflegen könnten, am besten in neuen, unerschlossenen, äh: Räumen.

Doch so einfach ist das nicht. Tanja Dückers hat gerade ein Buch über ihr West-Berlin veröffentlicht, nicht zuletzt weil sie meint, dass nach der Wende viel mehr über Ost- als über West-Berlin geschrieben worden ist. Und als wolle er Dückers widerlegen, hat auch Sven Regener einen neuen Lehmann-Roman geschrieben.  „Wiener Straße“ heißt der und handelt, na, klar, vom guten alten Kreuzberg der frühen achtziger Jahre. Oh Zeiten, oh Räume!

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