Zeitung Heute : Berliner Firmeninhaber haben keine Berührungsängste - inbesondere elektronische Post wird häufig geschickt

Ulrich Schmid

Die Berliner Wirtschaft kennt kaum Berührungsängste zu den neuen Medien: Bereits zwei Drittel der mittelständischen und großen Unternehmen Berlins besitzen nach den Recherchen der IHK einen Internet-Anschluss. 45 Prozent sind sogar mit einer eigenen Homepage im Netz vertreten.

Nicht ganz so hoch sind die Zahlen bei den kleinen Betrieben der Stadt (bis 20 Mitarbeiter): Hier sind, je nach Branche, erst zwischen 20 und 25 Prozent ans Internet angeschlossen. Bundesweit lag im vergangenen Jahr der Anteil der mittelständischen Unternehmen, die im Netz waren, bei lediglich zehn Prozent.

Doch das Internet boomt weit über alle Prognosen hinaus, und der Anstieg der Nutzerzahlen - im privaten wie im geschäftlichen Bereich - stellt selbst optimistische Annahmen immer wieder in den Schatten. Ganz vorne bei den Berliner Unternehmen rangiert die elektronische Post. Zwischen 80 und 90 Prozent der ans Internet angeschlossenen Betriebe verwenden heute E-Mails, um günstig und unmittelbar mit Kunden und Geschäftspartnern in Kontakt zu treten.

Einen eigenen Internet-Auftritt leisten sich hingegen vor allem die mittleren (mehr als 20 Mitarbeiter) und großen Berliner Unternehmen (mit mehr als 250 Mitarbeitern). Aus dieser Gruppe sind bereits 50 Prozent mit einer Homepage im Netz. Dabei wird der Web-Auftritt von ihnen überwiegend für die Darstellung des Unternehmens, seiner Produkte und manchmal auch seiner Mitarbeiter genutzt. Fürs Marketing, zur gezielten Kundenansprache und Kundenbindung nutzt man das Internet dagegen kaum. Hier besteht noch ebenso großer Nachholbedarf wie bei der Realisierung von Interaktionsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Bestellungen, Buchungen, Anmeldungen.

Nicht gerade eine Seltenheit, aber mit 20 Prozent deutlich in der Minderheit sind Berliner Unternehmen, die bereits über ein eigenes Intranet verfügen; dabei handelt es sich fast ausschließlich um größere Berliner Betriebe.

Dass sich große Unternehmen stärker im Internet engagierten als kleine, ist weder eine Überraschung noch eine Berliner Eigenart. Allerdings hat dies eine besondere Bedeutung für Berlin mit seinem traditionell hohen Anteil kleiner und kleinster Betriebe: Rund 70 Prozent der hiesigen Unternehmen aus dem Handel haben maximal fünf Mitarbeiter und rund 65 Prozent der Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe beschäftigen höchstens 20 Mitarbeiter. In diesen Segmenten hat erst ein Viertel bis ein Fünftel der Unternehmen einen Internet-Zugang. Gleiches gilt für die Web-Präsenz: Nur 26 Prozent der Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern und 32 Prozent der Unternehmen mit bis zu 20 Mitarbeitern haben einen eigenen Internet-Auftritt realisiert.

Diskrepanzen fallen auch im Branchenüberblick auf. Dabei zeigt sich ein deutlicher Vorsprung des Dienstleistungssektors (rund 80 Prozent Internet-Zugang, 55 Prozent eigene Homepage). Auch das Berliner Kreditgewerbe (rund 75 Prozent Internet-Zugang beziehungsweise Homepage) und der Tourismus (rund 85 Prozent Internet-Zugang, 60 Prozent Homepage) liegen recht weit vorn. Nachholbedarf besteht hingegen im Bereich Handel und Industrie.

In der IHK-Befragung wurde auch nach den Gründen geforscht, die Unternehmen davon abhalten, online zu gehen. Dabei zeigte sich Bemerkenswertes: Offenbar lassen sich Berliner Unternehmen weder von Kosten noch vom Aufwand abhalten, ins Internet zu gehen: Nur neun Prozent finden das Internet "zu teuer", nur zwölf Prozent "zu aufwendig".

Was den Internet-abstinenten Unternehmen jedoch in erster Linie fehlt, ist das Wissen um die tatsächlichen Nutzenvorteile für ihr jeweiliges Geschäftsfeld: Über 70 Prozent der Unternehmen - quer durch alle Branchen und Größenklassen - begründen ihre Skepsis mit dem noch "unklaren Nutzen" des Internets.

Mit euphorischen Versprechungen und Prognosen - seien diese noch so begründet - werden sich solche Unternehmen auch künftig nicht ins Internet locken lassen. Was zählt sind Erfahrungen und praktische Erfolgserlebnisse. So wie zum Beispiel das des kleinen Berliner Online-Möbel-Händlers, dessen Internet-Shop so gut läuft, dass er demnächst auch einen wirklichen Laden eröffnen wird.

Ulrich Schmid ist der Leiter des Bereichs Medienwirtschaft und Informationstechnologie bei der Industrie- und Handelskammer (IHK).

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