Zeitung Heute : Berliner Freiheit

Susanne Vieth-Entus

Die Entscheidung der Berliner SPD für eine verpflichtende Werteerziehung hat eine Debatte ausgelöst. Welche Möglichkeiten hätte die Hauptstadt noch, mit dem Thema Religionsunterricht umzugehen?

Neben Bremen ist kein anderes Bundesland derart frei in seiner Ausgestaltung der Religions- und Werteerziehung wie Berlin. Anders als die anderen Bundeslänsind diese beiden Stadtstaaten nicht gezwungen, Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach zu erteilen. Das besagt die so genannte „Bremer Klausel“, Grundgesetz Artikel 141.

Berlin müsste also überhaupt keinen Religionsunterricht anbieten. Es kann seinen eigenen Weg wählen. Zur Diskussion stehen drei Varianten.

Variante 1 ist die bisher praktizierte, die auch im Berliner Schulgesetz festgeschrieben wurde. Danach haben alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften das Recht, an den staatlichen Schulen Unterricht anzubieten. Die Kosten trägt überwiegend das Land. Die Verantwortung liegt bei den Anbietern, die Schulaufsicht kann aber Kontrollbesuche machen.

Variante 2 ist diejenige, über die jetzt gestritten wird und für die auf dem SPD-Parteitag am Samstag 166 von 227 Delegierten gestimmt haben. Sie besagt, dass es ein verpflichtendes Ethik-Fach für alle Kinder geben soll. Eine Abmeldemöglichkeit gäbe es nicht. Das Fach soll religionskundliche und philosophische Grundlagen schaffen und Hilfestellung in aktuellen Lebensfragen bieten. Zusätzlich könnten die Schüler den Unterricht der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften besuchen. Allerdings befürchten die Religionslehrer, dass dieses Angebot kaum aufgegriffen würde, weil sich die Themen zum Teil mit denen des Etihk-Unterrichts überschnitten.

Variante 3 ist diejenige, die von den Kirchen, von CDU, FDP und Teilen der SPD präferiert wird – und in allen übrigen Bundesländern Anwendung findet. Dabei handelt es sich um ein Wahlpflichtmodell, bei dem sich die Schüler zwischen konfessionellem Religionsunterricht und Ethik/Philosophie entscheiden können. Wenn diese Variante umgesetzt würde, käme als weitere Wahlmöglichkeit noch der weltanschauliche Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes hinzu, der in Berlin eine lange Tradition hat.

Das Wahlpflichtmodell hat sich erst seit den 70er Jahren entwickelt. Zuvor hatte es zwischen München und Flensburg nur evangelischen und katholischen Religionsunterricht gegeben. Wer ihn nicht besuchen wollte, hatte frei. Als sich die Zahl der Kinder, die keinen konfessionellen Unterricht wünschten, rapide erhöhte, sahen sich alle alten Länder gezwungen, als Alternative ein konfessionsfreies Fach anzubieten: Niedersachsen nennt es „Werte und Normen“, die anderen Ländern „Ethik“ oder „Philosophie“.

Da die Berliner CDU Anfang der 90er Jahre ebenfalls ein Wahlpflichtmodell anstrebte, startete sie 1994 einen Modellversuch „Ethik/Philosophie“, der inzwischen an 35 Schulen läuft. Die dort zurzeit eingesetzten 120 Lehrer könnten herangezogen werden, falls das neue Ethik-Pflichtfach zum Schuljahr 2006/07 eingeführt würde.

Unabhängig davon, für welche Variante sich Berlin entscheidet, muss eine Lösung für die 60000 muslimischen Kinder in der Hauptstadt gefunden werden. Für ihre religiöse Unterweisung gibt es noch keine ausgebildeten Lehrer und keine Rahmenpläne.

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