Zeitung Heute : Berliner Fundsachen

Die eine sucht die Liebe, ein anderer findet einen Frosch. Der Nächste sucht den Vater, noch einer einen Schatz und wieder ein anderer Erleuchtung. Und wo versteckt sich die Inspiration? Zum Osterfest sechs Stadtgeschichten vom Suchen und Finden

Oda Elbaz

Ich bin nicht auf der Suche, sagt sie. Sie klingt ein bisschen genervt. Liebe, ach Scheiße. Wieso fragen immer alle? Es geht ihr gut!

Ein Café, zwei Frauen Anfang dreißig, eine dunkel, eine blond, ein Gespräch, irgendwo in der Mitte aufgefangen.

Die Dunkle spricht, sie ist in den letzten fünf Minuten etwas lauter geworden.

Wieso also ist diese blöde Suche überall? Wieso immer der unerbetene Trost? Keine Sorge, für dich gibt es auch noch den einen … Also, echt, kein Mitleid, bitte! Und dass es für jeden den einen gibt, diese Idee hält sie sowieso für gefährlich. Wie leicht ist es, im Alltag einen Einen zu verpassen, wo doch nur einer davon da ist?

Ist das eine erste Mittdreißigerkrise?, fragt sie und lacht plötzlich.

Vier Jahre ist sie jetzt Single. Für sie klingt das nicht nach dem Ende der Welt. Ihr Leben ist doch voll! Familie, Freunde, Hund. Emotional ausgelastet, sagt sie. Hockey, Fotokurs, Job. Und trotzdem, sagt sie, ist da so eine Art Tauziehen um die Bedeutung ihres Singledaseins im Gang. Sie selbst gegen Leute, die die Liebeslücke mit einem Mangel gleichsetzen. Die meinen, weil da die Lücke sei, müsse sie automatisch einen Stöpsel dafür suchen. Als flösse da etwas Wichtiges ab. Lebensqualität. Oder Würde. Die Mutter, die sagt, schmink dich doch mal öfter. Der Vater, der fragt, wann er Opa wird. Dabei, findet sie, muss Liebe passieren. Man sollte sie nicht suchen sollen. Das entwertet sie.

Nein, die Lücke ist nichts weiter als eine Lücke. Wer in ihr einen Krater sieht, hat zu viele Hollywoodfilme geguckt. Sie findet, nur schwache Menschen definieren sich über das Vorhandensein eines anderen. Das Leben ist eben lückenhaft. Ist eine Liebeslücke da schlimmer als eine Familienlücke? Oder eine Freundeslücke? Lücke, Lücke, Lücke, sagt sie. Sag das mal schnell. Blödes Wort. Sie will keinen Lückenbüßer. Sie will sich nicht anstecken lassen von der Suche. Und hat doch das Gefühl, allmählich infiziert zu werden.

Auf der Suche zu sein, sagt sie, ist dann okay, wenn man Schuhe sucht. Aber Liebe … Das hat was … Armseliges? Wer sucht, der hat schließlich noch nicht. Hat nicht genügt? Sie schweigt jetzt, überrascht von der Intensität des Monologs.

Dann spricht sie weiter. Beiläufig. Sie hat sich ja jetzt in einem Internetportal angemeldet. Ein Abend unter Frauen. Natürlich war „die Suche“ wieder Thema Nummer eins. Sie war genervt, aber auch froh, dass gelacht wurde und nicht gejammert. Dann sind sie an den Computer. Es ist ein Portal für „anspruchsvolle Singles“. Das macht es irgendwie besser. Keine zehn Sekunden, nachdem sie sich angemeldet hatte, kam schon die erste Nachricht für sie. Suchen ist scheiße, sagt sie. Sich finden zu lassen, ist schön. Oda Elbaz

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Würde es bei Easyjet Inflight-Socken geben, sie würden sicher so aussehen wie diese hier: dünn und orange. Jeder muss sie anziehen, wenn er das Ayodhya Ashram an der Danziger Straße betritt. Auch Nirmala Devi, eine junge Frau mit lustig aufspringenden Locken und fein gezogenem schwarzen Lidstrich.

Sie setzt sich auf ein Kissen, faltet ihre Beine in den Schneidersitz und erzählt von ihrer spirituellen Meisterin, Sri Durgamayi Ma, kurz Ma. Nirmala Devi klingt, als habe sie sich frisch verliebt.

Ashram, das ist Sanskrit und bedeutet „Ort der Anstrengung“. Ein Ashram ist aber auch ein Ort der Meditation und Zusammenkunft. In Mas Ashram kommen regelmäßig 25 Schüler zusammen, um der Erleuchtung ein Stück näher zu kommen. Sie singen Mantras und spielen das alte indische Harmonium in der Ecke. Nirmala Devi, die ihr Geld als Malerin und Lackiererin verdient, hat vor ein paar Jahren hergefunden.

Nirmala Devi sagt, Ma sei nicht mehr auf der Suche, sie habe den Zustand der Erleuchtung erreicht. Nirmala werde ganz still in ihrer Nähe. „Die Meisterin kann einem zeigen, was Liebe bedeutet“, sagt sie. „Es geht darum, das Ego zu überwinden. Sterben wird es aber nie, das Ego kann nur auf die Größe eines Schoßhundes schrumpfen.“

Ihre Meisterin, erklärt Nirmala, sei auf einer Rolltreppe im Flughafengebäude von Miami erleuchtet worden, nachdem sie sich wiederum von ihrer amerikanischen Meisterin, Sri Jaya Seti Bhagawati, gelöst habe. Im Jahr 1972 sei Ma von Ulm nach Indien gereist, auf dem Landweg. Nirmala sagt nachdrücklich, sie wolle nicht dorthin. Es ziehe sie nur in die Nähe ihrer Meisterin.

Und wie fühlt sich Erleuchtung an?

Nirmala zögert, betrachtet durchs Fenster Schneeflocken, die auf die Danziger fallen und schmelzen. „Das weiß ich noch nicht. Ma sagt, es fühlt sich an wie ein Säule aus Beton, die langsam in einem hochsteigt. Unausweichlich. Es ist ein schmaler Grat zwischen Wahnsinn und Erleuchtung.“ Esther Kogelboom

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Meistens sind die Samstage deprimierend. Das sind die Samstage, an denen Herr Doktor Retzlaff auf den Flohmarkt kommt und zu „99 Prozent ausgelutschtes Zeug“ findet. Dann gibt es die guten Samstage. Das sind die, an denen Herr Doktor Retzlaff ein, zwei interessante Sachen findet, eine Radierung oder eine Grafik. Und dann gab es diesen einen Samstag, auf den er wie jeder Flohmarktgänger immer gewartet hat.

Herr Doktor Retzlaff steht in der Alten Nationalgalerie vor einem Gemälde, 118 mal 99 Zentimeter, gedeckte Farben, zwei Frauen in lieblicher Landschaft. „Ruth und Naemi“ heißt es, gemalt von Julius Hübner, einem 1882 verstorbenen Berliner Künstler. „Ruth und Naemi“ ist ein wertvolles Bild. Ihm ist nun sogar eine eigene Ausstellung gewidmet. 60 Jahre war es verschollen. Dann hat Retzlaff es gefunden, auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni.

Retzlaff ist 43 und Internist mit eigener Praxis. Eigentlich lautet sein Name anders, aber er will ja nicht ständig auf seinen Fund angesprochen werden. Ein bisschen erzählen möchte er schon. In seinen Augen blitzt Triumph.

Seit 20 Jahren geht Doktor Retzlaff auf Flohmärkte, bei jedem Wetter. Er sammelt Kunst. In Galerien kauft er nicht so gern. Seine Leidenschaft ist der Flohmarkt, „das Abenteuer, etwas zu finden, was man sonst nicht bekommen würde“.

Wer findet, muss gesucht haben, darauf legt Retzlaff Wert. Lange gesucht haben. Viel Lebenszeit hat er damit verbracht, auf Flohmärkten in Kartons und Mappen zu wühlen. Den Julius Hübner hat er erst auf den zweiten Blick entdeckt, bei einem arabischen Händler. Das Bild hing halb aufgerollt über einem Rahmen, schmutzig und am Rand zerfetzt. Aber Doktor Retzlaff sah, dass ein Gesicht auf eine besondere Weise gemalt war. So anders …

Hat er sich was anmerken lassen? Retzlaff zuckt mit den Schultern, er spricht sachlich wie über ein Krankheitsbild. Er fotografierte das Gemälde und verabredete mit dem Händler ein weiteres Treffen. Dann recherchierte er im Internet und fand heraus, dass das Bild 1945 aus der Alten Nationalgalerie in den Flakturm Zoo gebracht worden und dann verschwunden war. Von Soldaten geklaut, vermutet er. Hunderte Bilder sind auf diese Weise verschollen.

Retzlaff setzte sich mit der Alten Nationalgalerie in Verbindung, kaufte dem Händler „Ruth und Naemi“ ab und übergab es dem Museum, wo es aufwendig restauriert wurde. Der Händler habe einen angemessenen“ Preis erhalten, heißt es aus dem Museum. „Keiner, der üblicherweise auf Flohmärkten gezahlt wird“, ergänzt Retzlaff. Er selbst bekam eine kleine Aufwandsentschädigung. Und eine Jahreskarte für die Museen.

Als er auf den Ausgang zusteuert, hält er in einem Saal kurz inne und deutet auf ein Männerporträt aus dem Jahr 1891. Das zweite Bild, das er bei jenem Händler gefunden hat. Von Christian Ludwig Bokelmann und ebenfalls aus dem Flakturm Zoo verschwunden. Es war eben der Samstag aller Samstage. Verena Mayer

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Er ahnte, dass das ärmliche Geräusch eine Spur war. Es war schwarze Nacht, seit einer Stunde schlich er mit einer Taschenlampe am Rand eines kleinen westafrikanischen Waldes entlang. Die Luft war voll von den Rufen hunderter Frösche. Trotzdem hatte sein geübtes Gehör ein trauriges Krächzen herausgefiltert, das er noch nicht kannte. Minutenlang lauschte er reglos. Dann richtete er den Lichtkegel auf einen Ast. Ein Augenpaar tauchte vor ihm auf, groß, silbern.

Nun sitzt Mark-Oliver Rödel in einem Museumsbüro und macht ein zufriedenes Gesicht. Er hat etwas sehr Kostbares gefunden, sechs Jahre ist das her, aber seine Suche ist noch nicht beendet. Rödel ist Kurator für Herpetologie am Museum für Naturkunde, Spezialist für Amphibien und Reptilien. Froschforscher.

Die silbernen Augen jener Nacht gehören zu einem inzwischen leblosen bräunlichen Körper, groß wie eine Fingerkuppe, eingelegt in alkoholhaltige Lösung. Rödel holt ihn mit einer grillzangengroßen Pinzette aus einem Glas. Baumfrosch. Familie der Hyperoliidae, Afrikanischer Riedfrosch – und nur zwei Fundorte an der Elfenbeinküste bekannt. Geschätzte Gesamtpopulation: kleiner als 10 000, präparierte Exemplare knapp 30, alle in Rödels Büro.

Rödel ist dabei, ein 30 Jahre altes Rätsel zu lösen. So lange war dieser Baumfrosch ein Thema auf Fachkongressen. Irgendwo musste es ihn geben, so viel wusste man, aber niemand wusste, wo.

Rödel hatte schnell eine Ahnung, dass dieser Frosch nicht einfach eine neue Art ist, eine von 200 oder 300, die jedes Jahr weltweit gefunden werden. Sondern eine neue Gattung. Es hatte mit der Form der Pupillen zu tun und mit dem Paarungsruf.

Neue Gattung gleich Sensation, ihre Bestimmung gleich Heidenarbeit. Rödel brauchte Genetikproben aller Gattungen, die es auf dem afrikanischen Kontinent gibt. Er ließ von Spezialisten Froschschädel vermessen, 3-D-Aufnahmen anfertigen. Züchtete Baumfrösche, um ihr Verhalten zu studieren.

„Das Finden ist eigentlich nur der erste Teil der Suche“, sagt Rödel. Er arbeitet noch immer an der monografischen Beschreibung des Baumfroschs. Bei einer Art dauert das Monate, bei einer Gattung Jahre. Was in der Literatur nicht beschrieben ist, gibt es nicht. Erst wenn Rödels Skript fertig ist, hat er den Frosch auch offiziell gefunden. Rödel fährt wieder mit seiner Pinzette in das Froschglas, ein Weibchen. Als die Froschfrau noch lebte, leuchtete sie orange, ihre Augen waren blau.

Die neue Gattung braucht noch einen Namen. Er überlegt, sie „Morerella“ zu nennen. Nach Morère, Jean-Jacques, frz. Hobbyfroschforscher. Nicht, weil Rödella weniger glamourös klingt. Sondern weil Herr Morère vor 30 Jahren der Erste war, der einen Baumfrosch fand. Rödel hat versucht, Morère ausfindig zu machen, er will sich nicht mit fremden Erfolgen schmücken. Gefunden hat er nur einen Briefwechsel mit einem Schweizer Amphibienkurator, aus dem hervorgeht, dass Morère keine weiteren Forscherambitionen hat. Dass er das Feld freigibt für andere. Für ihn, Rödel. Rödel will den Mann finden. Marc Neller

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Nachdem Barbara Späth* sich entschlossen hatte, ihren Vater zu suchen, ging alles sehr schnell. Sie wandte sich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Dort versuchen sie, Menschen zu finden, die die Geschichte verschüttet hat. Zweiter Weltkrieg, DDR, sie suchen bei Amtsgerichten und Standesämtern und im eigenen Archiv; allein die Berliner Zweigstelle kommt noch immer auf etwa 200 Fälle im Jahr. Eines Tages hatte Barbara Späth also eine Telefonnummer in der Hand. Dass die Suche nie enden würde, konnte sie da nicht wissen.

Barbara Späth ist ein Kind der deutsch-deutschen Verhältnisse. Ihre Mutter lebte im Osten, ihr Vater im Westen. 1961 hatten sich die beiden in Berlin kennengelernt, „dann kam die Mauer, und am 9. November 1961 wurde ich geboren“. Die Eltern sahen sich nie wieder, Barbara Späth wuchs ohne Vater auf. Sie fragte nach ihm, bekam aber nie Antwort.

Mit 17 zog sie aus. Sie lernte Dreher, nach der Wende wurde sie Pflegerin. Den Kontakt mit der Mutter brach sie ab. Sie arbeitete hart. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. „Ich dachte, vielleicht nimmt mich mal der Papa in den Arm.“

Barbara Späth rief die Nummer an. Die neue Frau des Vaters würgte sie ab. Kurz darauf bekam Barbara Späth einen Brief von einer Halbschwester namens Brigitte, auch sie hatte der Suchdienst gefunden. Die beiden trafen sich, Brigitte aus Charlottenburg und Barbara aus Lichtenberg, zwei Welten. Aber auch Brigitte konnte über den Vater nicht viel sagen – er hatte sie und ihre Mutter früh verlassen. Nur dass der Vater krank ist, wusste Brigitte. Dann geben wir ihm Zeit, sagte Barbara Späth. Sie hatte so lange gesucht, da kam es auf ein paar Wochen nicht an.

Das Nächste, was sie von ihrem Vater hörte, war die Todesnachricht, Krebs. Barbara Späth hält inne und zündet sich mit zitternden Händen eine Zigarette an. Auf dem Couchtisch liegt ein Foto. Es zeigt sie mit roten Haaren, die zu Zöpfen gebunden sind, ein schönes Bild. Sie hat es extra für den Vater machen lassen.

Sie erfuhr nicht einmal, wo er begraben ist. Die neue Frau des Vaters sagte, Barbara Späth solle ihre Identität nachweisen. Ein DNA-Test ergab, dass sie zu 99,9513 Prozent die Tochter ist. Barbara Späth wiederholt die Zahl mehrmals. Doch damit war nichts ausgestanden. Um das Ganze rechtlich abzuschließen, musste sie eine Vaterschaftsklage anstrengen. „Gegen einen Toten“, stößt sie hervor. Sie zündet sich die nächste Zigarette an. „Dabei hatte ich doch nur die Hoffnung, dass ich einen Nahestehenden bekomme.“ Die Sache liegt noch beim Familiengericht.

Sie fragt: „Haben Sie Eltern?“ Als könnte man sich für Eltern entscheiden. Schmal, mit vorgebeugten Schultern, sitzt sie da und geht Familienfotos durch, immer wieder. Auch ein Bild von ihrem Vater ist dabei, ein schmaler Streifen, der einen schlanken braunhaarigen Mann mit Brille zeigt. Ihre Halbschwester hat ihn für sie aus einem Familienfoto geschnitten. „Ich will kein Geld. Ich will doch nur etwas Privates von ihm“, sagt Späth. An die Wohnzimmerwand hat sie „Fühl dich gut“ gepinselt.

Aus den Akten hat Barbara Späth erfahren, dass ihr Vater für sie einst Unterhalt gezahlt und Westpakete geschickt hat. Dass er ein guter Tänzer war und als Frauenheld galt. Nur warum er von ihr nichts wissen wollte, wird sie nie erfahren.

*Alle Namen geändert

Verena Mayer

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Vielleicht wäre es einfacher gewesen, rechts abzubiegen, rein in den Yoga-Laden gegenüber, guten Tag, die Dame hier ist Pianistin und sucht ein Stück Inspiration, das Weltgetöse, dieser kreischende Müll, tagaus, tagein, Sie verstehen – wer soll da noch dem jakobinischen Geist eines Beethoven, dem Götterfunken eines Mozart nachspüren? Papperlapapp, links herum. Wir springen der Tram um ein Haar von der Schnauze, ihr gellendes Klingeln mischt sich mit Leinengezerre und wütendem Bellen, zwei Köter haben es aufeinander abgesehen, und das Seidenpapier, aus dem das ältere Ehepaar vor dem Haupteingang zum Sophienfriedhof einen Lilienstrauß wickelt, bohrt sich mit seinem Rascheln wie Stricknadeln in unsere Ohren. Es ist höchste Zeit, ruft die Klavierspielerin und läuft voraus.

Erwarten Sie nicht die perfekte Oase, hatte sie gewarnt, am besten: Erwarten Sie gar nichts. Die Aussegnungshalle steht weit offen, Kerzen flackern im Zugwind. Und bitte: Es geht nicht um die Berühmtheiten, die hier begraben liegen. Karl Bechstein, immerhin, der Berliner Klavierbauer; Wilhelm Bach, der „letzte Enkel“ des großen Johann Sebastian; die Komponisten Albert Lortzing und Walter Kollo. Manchmal, ja, da bleibe ihr Blick an einem Namen hängen, seiner altertümlichen Schönheit wegen. Eigentlich aber suche sie zwischen all den Steinen und Bänklein und frierenden Krokussen nichts Fassbares. Was ist Inspiration?, frage ich, und der Boden unter unseren Füßen fühlt sich plötzlich lebendig an, als wandelten wir über lauter tanzende, sich wiegende, fröhlich aufgelassene Gräber. „Inspiration“, antwortet die Pianistin, „ist die höchste Form der Durchlässigkeit, ist die Bereitschaft, sein Glück als Paradox zu begreifen: Ich versenke mich in mein Innerstes – und spüre die Kraft meiner Flügel.“

Ob das immer so klappt, will ich wissen. Sie lacht, nein, aber das läge an ihr. Der Friedhof ist ein verlässlicher Seelenhüter: mit seinen Licht- und Schattenspielen, mit all den Gesprächen zwischen den Trauernden und den Toten, dem Ich und seinem Wir. Im Wacholder über dem bunten Grab einer 17-Jährigen klimpert leise ein Windspiel, wir streben dem Ausgang zu. Hélène Grimaud hält inne, hören Sie? Ich nicke. Die Welt da draußen ist ja ganz still. Christine Lemke-Matwey

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