Berliner Hausfassaden : An der Fensterfront

Vom Boden bis zur Decke, von Wand zu Wand: Das Panoramafenster erobert Berlin. Drinnen und Draußen verschwimmen. Aus guten Gründen?

Das Panoramafenster erobert Berlin. Immer mehr Neubauten haben Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichen. Zum Beispiel dieses Haus im Marthashof in der Schwedter Str. 40 in Berlin-Prenzlauer Berg.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
03.05.2011 12:49Das Panoramafenster erobert Berlin. Immer mehr Neubauten haben Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichen. Zum Beispiel dieses...

Na ja. Nein. Obwohl. Manchmal fühle er sich beobachtet, gibt Volker Imhoff zu und blickt durch seine deckenhohen Panoramafenster hinunter auf die Buchholzer Straße. Sein Blick schweift weiter über die Dächer von Prenzlauer Berg und landet beim Altbau auf der anderen Straßenseite. „Wenn ich mit meinen 40 Jahren auf der Videokonsole ‚Star Wars’ spiele und den Controller wie ein Laserschwert durch die Luft schlage, überlege ich schon gelegentlich, was die Leute von gegenüber wohl denken“, sagt er.

Für diese Aussicht nimmt er das in Kauf. Sogar das Risiko, dass das stark einfallende Licht die edle Holzbibliothek ruiniert. „Die Dielen hinter dem Fenster sind bereits nach wenigen Monaten ausgeblichen“, sagt er. Und auch mit Kunst an der Wand sei es wegen der direkten Sonneneinstrahlung schwierig.

Umstände, mit denen sich so mancher Neubaubewohner arrangieren muss, seitdem auch in Berlin immer häufiger großformatige, oft quadratische Panoramafenster verbaut werden. Kaum ein Neubau, der in den vergangenen Jahren nicht damit ausgestattet wurde und damit den Bewohnern den Blick in die Umwelt, dieser aber umgekehrt auch den Blick in private Lebensräume erlaubt. Beispiele für dieses Leben auf dem Präsentierteller gibt es viele: die gerade entstehende Wohnanlage „Marthashof“ in der Schwedter Straße, die Townhouses nahe der Bernauer Straße und die hinter dem Auswärtigen Amt. In Mitte und Prenzlauer Berg findet sich kaum eine Straße ohne die modischen Fenster.

„In der Tat lässt sich seit einigen Jahren der Trend beobachten, dass man versucht, die Fensteröffnungen möglichst groß zu gestalten“, sagt die Hamburger Architektin Elke Hackel-Kaape. Unweit von Volker Imhoffs Wohnung hat sie in der Pappelallee eine Fassade mit großen Panoramafenstern bestückt. Eine logische Entscheidung, wie sie findet. „Dadurch hole ich das Äußere nach innen, und der Raum wirkt größer“, sagt sie. Und wie jeder selbst beobachten könne, seien Wände mit schmalen hohen Fenstern von innen betrachtet dunkel.

Mehr Licht, eine bessere Isolierung als in den Altbauten, das aber führt manchmal zu einem typischen Glashaus-Problem. „Im Sommer wird es manchmal gewaltig heiß“, sagt Imhoff.

Das Panoramafenster ist keine neue Erfindung. „Die Form des quadratischen oder zumindest großformatigen Fensters gibt es seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts“, sagt Elke Hackel-Kaape. Man denke nur an Architekten wie Le Corbusier oder Richard Neutra. Deren deckenhohe Fenster fänden sich jedoch vor allem in Einfamilienhäusern.

Damit diese Fensterform auch in mehrgeschossigen Mietshäusern Verwendung finden konnte, war eine neue Art des Bauens nötig, erklärt Thomas Kaup, Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten in Berlin. „Bei den Bauten den Gründerzeit besitzt die Fassade eine tragende Funktion“, sagt er. Und weil ein Haus natürlich nicht umfallen soll, waren Breite und Höhe der Fenster lange Zeit beschränkt. Zwischen den Öffnungen in der Wand musste Gemäuer stehen, über sowie unter den Fenstern benötigte man zur Stabilisierung einen Sturz. Bei für Altbauten typischen Deckenhöhen von 3,80 Meter ließen die Architekten oben 30 und unten 80 Zentimeter – blieben für das Fenster noch 2,70 Meter. Das Ergebnis: die klassische Altbaufassade. „An diese Proportionen haben sich viele gewöhnt“, sagt Kaup. Dementsprechend gelte diese Fensterfront allgemein als schön.

Doch an der Frage, was schön ist, entzweien sich die Geister. Schon in den 20er Jahren, lange bevor die Nachbarn des „Marthashof“ gegen dessen Entwurf – teils aus stadtplanerischen, teils aus ästhetischen Bedenken – Front machten, zerstritten sich die Architekten Le Corbusier und Auguste Perret darüber, welches Fenster das bessere sei: Corbusier baute seine gerne quer, Perret beharrte darauf, die hochformatige Form entspreche mit ihren aufrechten Proportionen der Statur des stehenden Menschen, „in Übereinkunft mit seinem Umriss“. Mehr noch: „Sie ist die Linie des Lebens selbst.“

Die privaten Baugruppen – die für die Mehrzahl der in den letzten Jahren in Berlin entstandenen Mehrfamilienneubauten verantwortlich sind – sehen sich aber weniger mit philosophischen Diskursen als mit praktischen Fragen konfrontiert. Viele Neubauten, die aus Fertigteilen gebaut werden und die tragende Fassade nicht mehr brauchen, haben keine so hohen Decken wie Altbauten mehr. So hoch zu bauen ist vielen zu teuer. Jeder Zentimeter mehr erfordert mehr Material, längere Bauphasen, höhere Heizkosten. Überträgt man jedoch die klassische Fensterform mit Stürzen in einen knapp drei Meter hohen Raum, blieben mickrige Fensterschlitze – und die will natürlich keiner.

Deshalb, sagt Kaup, landeten viele Bauherren automatisch beim deckenhohen Fenster. „Bei Baugruppen mit 20 Leuten und 30 Meinungen, bei denen die einen Quer- und die anderen Hochformat wollen, ist das Quadrat ein naheliegender Kompromiss“, sagt er. Außerdem empfänden viele Menschen die Proportionen als angenehm. Anders gesagt: Das quadratische Großfenster kommt am Ende heraus, wenn man sich am klassischen Mietshausentwurf orientiert – und das verlangen die Bauvorschriften häufig – und sich trotzdem seine Freiheiten nimmt, um seine Individualität auszustellen.

Stichwort Ausstellen: Dass das Panoramafenster dem Urbild des Schaufensters entspricht, ist für Kaup kein Zufall. Es gelte zu zeigen, wer man ist. In calvinistisch geprägten Ländern lasse sich das gut beobachten. Dort habe die Geisteshaltung, die eigene Rechtschaffenheit zur Schau zu stellen, dazu geführt, weitgehend unbeschränkten Einblick ins eigene Heim zu gewähren. „In Holland zum Beispiel kann man in jede Wohnung gucken“, sagt Kaup. Dass man nichts zu verbergen hat, sollen die Fenster nicht nur symbolisieren, sondern beweisen.

Diese Herangehensweise entspreche dem Wohngefühl vieler Baugruppen, so Kaup, der vor einigen Jahren eine Ausstellung zu dem Thema organisiert hat. Anders als in den 1980er Jahren sei nicht ländliches, sondern städtisches Leben das Ideal – und das will zelebriert werden. Dazu gehört, den Alltag öffentlich zu teilen. Zumindest den des Wohnens, weniger den des Lebens. Schlafzimmer und Bad verlegen auch freigeistige Planer in weniger einsehbare Wohnbereiche.

„Stimmt“, sagt Volker Imhoff. Das viele Glas verwandle sein Zimmer tatsächlich in eine Art Vitrine. Eine bewusste Entscheidung sei das aber nicht gewesen. Er habe die Wohnung ja nicht geplant, sondern nur gekauft. Und das vor allem wegen des Blicks – dem nach draußen.

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