Zeitung Heute : Berliner Internet-Portal: Von Corps zu Corps

Rolf Brockschmidt

Sie waren letzte Woche bei der Eröffnung der Ausstellung "Sinne + 5: Design aus Portugal" im stilwerk und hatten in dem großen Gedränge um die Schaustücke und die Häppchen keine Gelegenheit, ein paar Worte mit Portugals Botschafter Joao Diogo Nunes Barata zu wechseln? Macht nichts, sie können ihn jederzeit im Internet besuchen, unter www.DasCorps.de , wo er im "Interview der Woche" Auskunft zur Person und zu Berlin gibt. So schätzt er auch persönlich modernes Design und gibt zu verstehen, dass er in Berlin im Vergleich zu anderen Metropolen überhaupt keine Probleme mit dem Straßenverkehr hat.

Dass Israel eine neue Botschaft in Berlin bezogen hat, war kürzlich im Tagesspiegel ausführlich zu lesen. Wer aber Interesse an einer Führung durch das Gebäude hat, klickt wieder www.DasCorps.de an und findet unter "Botschaftsbesichtigungen" entsprechende Hinweise und dann eine Netzadresse. Und wer wissen will, was die Seidenstraße mit einer Datenautobahn zu tun hat, klickt wieder die Adresse www.DasCorps.de an und findet als "Website der Woche" einen Link zu Usbekistan.

Im öffentlichen Interesse

Dem diplomatischen Leben haftet immer noch eine Aura von Glanz und Glamour an, von Internationalität und weiter Welt. Für Berliner ist das alles recht neu. Das zeigt auch das große öffentliche Interesse, wenn eine Botschaft wieder ihre Tore öffnet. Das diplomatische Leben ein wenig auf den Boden der Tatsachen zu holen, ist das Ziel des neuen Internetportals, das Sascha Wolf und Penelope Rosskopf von der Agentur Ariadne und Wolf ins Leben gerufen haben. "Wir wollen allen Vertretern der Welt in Berlin eine PR-Plattform bieten. Alle Botschaften können an die Öffentlichkeit, aber nicht alle Botschaften sind im Internet", erklärt Sascha Wolf die Philosophie des Unternehmens. "Wir bieten eine Adresse, wo man zum diplomatischen Leben alles findet, wo sich auch Diplomaten untereinander kennenlernen können. Entscheidend ist doch, ob Berlin die Stadt ist, in der auch die Kleinen mitspielen und wo die Bevölkerung mit einbezogen wird. Hier sollen sich Diplomaten zu Hause fühlen und auch als Menschen gezeigt werden, die gerne in die Kneipe gehen", sagt Sascha Wolf.

Klickt man auf der Homepage auf "news from the corps", trifft man auf weitere Begriffe aus dem Diplomatenleben: "Diplomatic life", "interviews", "politics", "diplomatic facts" und "calendar". Das Angebot ist üppig. Das "diplomatic life" lockt gleich mit einem schönen Foto von der Mayakultur in Berlin, sprich, ein kurzer Blick mit Bildern in das Innere der Botschaft von Mexiko. Nicht unwichtig sind die gesellschaftlichen Anlässe. Sie sind das schillernde Aushängeschild des Diplomatenlebens. Und so ist zu lesen, dass Norwegen seinen Nationalfeiertag am 17. Mai mit einem 500-Kilogramm-Meeresfrüchte-Büffet gefeiert hat. Bulgarien beging kürzlich den Tag der Kultur. Madagaskar, ein Land, das nicht unbedingt im Brennpunkt des Interesses steht, baut in Falkensee. Nach dem Vorbild eines Palastes in der Hauptstadt Antananarivo.

Wie soll die virtuelle Weltreise jetzt weitergehen? Das Angebot ist verlockend, zur Auswahl stehen jetzt schon Links zur Schweiz, zu Schweden, Ungarn, Kasachstan und Kuwait. Erst zur Schweiz. Mal sehen, was die Alpenrepublik neben Gesellschaftstratsch noch so zu bieten hat. Natürlich kommt erst einmal ein launiger Artikel zum Wirbel um die Botschaftergattin und dann ein Link zur Homepage mit dem ungewöhnlichen Namen Myswitzerland.com/Berlin. Dort findet sich ein Artikel zum neu eröffneten Botschaftsgebäude nebst Einladung zu einem virtuellen Rundgang. Und das ist genau das, was die Leute interessiert.

Der virtuelle Besucher steht im Eingangsbereich der Botschaft. Je nach Mausbewegung eilt oder schleicht das 360-Grad-Bild über den Bildschirm. Also die Treppe rauf, ein Klick auf die Tür und schon steht man in der Empfangshalle. Holzgetäfelte Wände und ein roter Teppich strahlen genau die feierliche Gediegenheit aus, die man in einem alten Botschaftsgebäude erwartet.

Die rote Tapete gegenüber leuchtet verheißungsvoll, jetzt sind wir im Speisesaal. Der Tisch ist gedeckt, als kämen jeden Moment die Exzellenzen zum Dinner. An der Wand zwei kleine Gemälde, die sich - wie alle anderen auch - separat anklicken lassen. "Birnen" und "Birnen mit Schale" von Wilhelm Schmid, einem Schweizer Künstler, der in den zwanziger Jahren in Berlin gelebt und gearbeitet hat. Weiter in den großen Ballsaal mit Flügel und Kamin nebst großem Spiegel. Beide lassen sich separat per Mausklick betrachten. Aufgeräumt sieht es aus, aber kein Mensch ist zu sehen. Also weiter, in die Bibliothek. Der Teppich ist hier blau und an der Wand hängt eine "Tessiner Landschaft" von Hermann Scherer. Hier dürfte es sehr gemütlich zum Lesen sein.

Wieder lockt eine Tür. Der große Salon. Schwere helle Sofas laden zum vertraulichen Gespräch ein. Wie das so ist in fremden Häusern, die Neugier wächst und jede Tür verspricht ein Geheimnis. Der kleine Salon, wesentlich intimer, geschmackvoll eingerichtet, und dann, ja wirklich, da sitzen sie, Händchen haltend: Shawne und Thomas Borer-Fielding lächeln freundlich - klick - lassen sich näher betrachten und wünschen dem Besucher dann viel Vergnügen beim Besuch der Botschaft. Ein gelungener Auftritt, der nur noch durch die Präsentation des Teams übertroffen wird.

Der Name des Portals mag irritieren. Soll er auch. "Wenn man in eine Suchmaschine "Corps" eingibt, findet man vor allem konservative und rechte Inhalte", sagt Sascha Wolf. Dem wolle man nun internationale Inhalte entgegensetzen. Außerdem heiße es nun einmal diplomatisches Korps. 15 000 Menschen gehören in Berlin dazu, ein weites Feld für das Internetportal. So wird man im Laufe der Zeit viele Botschafter kennenlernen, im Interview der Woche, wie etwa Jerzy Kranz (Polen), Patricia Espinosa (Mexiko) oder Frantisek Cerny aus Tschechien.

Wer sich noch nicht so gut auskennt in der Welt der Diplomaten, bekommt unter "diplomatic facts" Nachhilfe. So werden hier die 0-Kennzeichen der Diplomatenautos entschlüsselt, von 10 für Vatikan bis 169 für Turkmenistan. Das heißt, es wird noch viel zu entdecken geben bei DasCorps.de.

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