Zeitung Heute : Berliner Inventur

Die Post kam viermal täglich, und Hunde ohne Leine waren ein Fall für den Scharfrichter. Ein Lexikon zeigt Berlin im Jahr 1806.

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Der Berliner Buchhändler Johann Christian Gädicke verfasste das Werk selbst: Jede Straße, jede Behörde, öffentliche Gebäude, Kirchen, Schulen, Fabriken und Zünfte beschrieb er, hinzu kamen Artikel über das Armen- und Postwesen, Ernährungsgewohnheiten, Krankheiten, Sitten und Vergnügungen der Einwohner. Im Herbst 1806 erschien das 700 Seiten starke „Lexicon von Berlin“ – wenige Wochen später marschierte Napoleon in der preußischen Hauptstadt ein. Während der folgenden zweijährigen Besatzung durch die Franzosen stockte der Buchabsatz, bald war das Nachschlagewerk veraltet und vergessen. Jetzt, 200 Jahre später, erscheint das Buch neu. Michael Bienert hat daraus für den Tagesspiegel ein Berliner Alphabet zusammengestellt.

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A wie ANATOMISCHES MUSEUM , Unter den Linden 21. Die Eleganz, mit der welcher die Sammlung aufgestellt ist, entspricht dem inneren Werte derselben. Das ganze Cabinet besteht aus 3092 Nummern, und davon sind 1150 in Weingeist und andern Flüssigkeiten aufbehaltene physiologische und pathologische Präparate von Menschen und Thieren. Unter diesen sind die seltensten Mißgeburten, höchst merkwürdige Beispiel von krankhaften Theilen, von Varietäten in der Bildung. Die Academie der Wissenschaften hat das Directorium über dasselbe, und nach dem Befehl seiner Majestät ist es nicht blos für Studirende, sondern zum Unterricht für alle Stände bestimmt.

B wie BERLIN ÜBERHAUPT hat 15 Thore, im Jahr 1805, 7314 Häuser, 135 Straßen, 91 Gassen, 18 öffentliche Plätze und Märkte, 31 Kirchen, viele öffentliche Gebäude, und 155.706 Menschen, ohne das ausgerückte Militär, welches immer auf 25.000 Menschen angeschlagen werden kann.

C wie CARNEVAL . Die Zeit des Carnevals, im Januar und Anfang Februars, wird zwar hier nicht so öffentlich als in Rom und anderen Orten gefeyert, und bleibt Tausenden von den berliner Einwohnern unbemerkt, hat aber für viele, besonders für Fremde, großes Interesse. In dieser Zeit wechseln große italienische Opern, Redouten, Cour bei Hofe und Assembleen bei den fürstlichen und anderen hohen Personen miteinander ab, so daß besonders diejenigen, welche bei Hofe Zutritt haben, tägliche Nahrung zur nicht gewöhnlichen Unterhaltung finden.

D wie DRAHTZIEHER waren 23 im Jahr 1802 vorhanden, welche 32 Gesellen und 1 Lehrling unterhielten.

E wie EXECUTIONEN , oder die Vollziehung der Todesurtheile an Verbrechern, geschehen nach der Verordnung vom 16. Sept. 1800 ganz früh des Morgens, und es soll nur an diejenigen Personen der Tag bekannt gemacht werden, welche dabey zu thun haben. Der Druck von Lebenbeschreibungen des Deliquenten, Liedern und andern Blättern, ist gänzlich verboten, auch werden den Delinquenten keine besondern Kleidungsstücke gestattet, und kein hochnotpeinliches Halsgericht über denselben gehalten, sondern das Urtheil wird ihm auf dem Richtplatz laut vorgelesen. Nach diesem verrichtet der Scharfrichter ohne den geringsten Verzug sein Amt.

F wie FUSSBOTEN-POST . Das Hauptcomptoir dieser Post für Berlin ist in der Klosterstraße No. 41. In diesem Hauptcomptoir kommen sämmtliche Boten, 13 an der Zahl, zusammen, und befördern die von hiesigen Personen aufgegebenen Briefe nach allen Gegenden der Stadt. Jeder Bote durchläuft täglich viermal sein ihm angewiesenes Quartier. Die Boten tragen eine rote Weste mit pfirsichrothen Aufschlägen, dergleichen Hosen und gelben Westen. Ihr Vorübergehen kündigen die Einsammler der Briefe durch eine stark tönenden Glocke an, und sie tragen einen Kasten.

G wie GASSEN . Zwischen Gassen und Straßen wird in Berlin ein bedeutender Unterschied gemacht. In einer Gasse wohnen, bezeichnet selten Wohlstand; nur wenige sind breiter als der Raum eines Wagens erfordert, und es fehlt ihnen auch ein ordentlicher Bürgersteig. Die Straßen hingegen haben alle Bürgersteige, und in der Mitte einen Fahrweg, den sogenannten Damm, auf welchem zwey Wagen sich ganz bequem ausweichen können.

H wie HUNDSTAGE . Hunde giebt es genug in Berlin, und es laufen deren sehr viele ohne Aufsicht herum, trotz der Verordnungen. Um die Anzahl etwas zu vermindern, dürfen die Knechte des Scharfrichters in den Hundstagen die ohne Zeichen und nicht an einer Schnur geführten herumlaufenden Hunde aufgreifen. Mehrere Landleute um Berlin brauchen die Hunde auch zum Ziehen, und spannen sie im Sommer vor Schiebkarren, und im Winter vor kleine Schlitten.

I wie ITALIENER ODER ITALIENISCHE WAARENHANDLUNGEN , sind mehrere in Berlin, welche, wie bekannt, allerley feine Waaren und zum Theil Luxusspeisen führen.

J wie JUDEN . An ihren Kleidern und Sprache erkennt man nur wenige, und der Übergang zu einer der christlichen Confessionen ist nicht selten. Ihre Nahrungszweige sind Handel, Fabriken und Manufacturen und einige freye Künste. Man findet unter ihnen sehr reiche Leute, große Bankiers, Gelehrte, Ärzte und Künstler. Sie haben ihre Oberältesten, freye Religionsausübung, eine Synagoge, eine Buchdruckery, in welcher hebräische Bücher gedruckt werden, mehrere Schulen und wohltätige Anstalten und eine öffentliche Freyschule. Im Jahr 1805 war ihre Anzahl 3483 Personen.

K wie KRANKHEITEN . Vermöge seiner Lage, der Breite und Geräumigkeit seiner Straßen, der vielen Plätze und des von allen Seiten die Stadt umgebenden wohlangebauten Landes, und der Entfernung von allen Sümpfen, gehört Berlin zu den gesündern Örtern. Obgleich einige Krankheiten häufiger als andere vorkommen, so giebt es doch keine eigentlichen endimischen Krankheiten, die von dem Clima, der Luft und andern Eigenheiten hergeleitet werden können. Berlin steht in den Ruf, daß viele Menschen hier an der Schwindsucht und Auszehrung sterben. Im Jahr 1805 starben daran 1659 Personen. Die Ursachen, welche dieses Übel herbeiführen, sind Luxus und Dürftigkeit, welche in großen Städten mehr als anderwärts angetroffen werden. Die Liebesseuche (Syphilis) kommt in großen Städten häufig vor, und Berlin steht in dieser Hinsicht leider in einem bösen Rufe. Mancher Ausländer hegt die Meinung, daß man nicht in Berlin gewesen, noch viel weniger Berliner gewesen sein könne, ohne mehr oder weniger von diesem Übel gelitten zu haben.

L wie LUXUS . Obgleich der Hof hier residiert und dieß den Wohlstand der Stadt vermehrt, so sind doch bey den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten und Festen desselben keine Übertreibungen, sondern es herrscht überall der Geist der Ordnung. Demungeachtet fehlt es aber bey uns an nichts, was den Gaumen des großen Wollüstlings befriedigen könnte. Wir erhalten im Winter Seefische, Austern, Caviar, Wildpret jeder Art und dergleichen in Überfluß. Unsere Kunst- und Modehandlungen und Möbelmagazine sind mit den prächtigsten Artikeln versehen, aber der Absatz ist verhältnismäßig nur gering. Zu viel Luxus herrscht wohl besonders in Kleidern bey der weiblichen dienenden Classe, vorzüglich an Sonn- und Festtagen.

M wie MODE . Die Kleidermoden der Frauenzimmer wechseln in Berlin wie in allen großen Städten und das Raffinement in diesem Luxusartikel ist in beständiger Tätigkeit. Man glaube aber nicht, daß unsre Moden noch so häufig als sonst von den Franzosen und Engländern erborgt werden; unsere Mode-Restaurateurs erfinden sehr viel, und der häufige Wechsel von Fremden aus allen Ländern giebt ihrer Erfindungskraft täglich neue Nahrung. So mancherley Stände, nach den Einkünften gerechnet, es giebt, fast so vielerley Moden giebt es auch, und man wird mit einer und derselben Mode keine zweyhundert Menschen zusammen finden können. Dieß ist die Ursache, warum die Kleidungen der Menschen aus der Provinz, oder überhaupt die Fremden, hier viel weniger auffallen, als in mancher anderen Stadt.

N wie NACHTWÄCHTER . Jetzt hat Berlin 111 Nachtwächter welchen 8 Nachtwachtmeister vorgesetzt sind, nebst mehreren Privat-Nachtwächtern, welche in verschiedenen Districten besonders von den Kaufleuten unterhalten werden. Die Nachtwächter zeigen die Stunden teils mit einem Horne theils mit einer Knarre an.

O wie OBERBAUMBRÜCKE , vom Stralauerthore über die Spree nach der Louisenstadt. Sie ist die längste Brücke in Berlin, und wurde 1724 von Holz erbauet. Reitende und Fahrende müssen hier Brückenzoll bezahlen.

P wie PORCELLAN-MANUFACTUR, KÖNIGLICHE , Leipzigerstraße No. 4. Sie hat einen ungeheuren Vorrath von den schönsten Gefäßen aller Art, Figuren und Büsten von ächtem Porcellan, und seit 1795 verfertigt sie auch Sanitäts- und Gesundheits-Geschirr von vorzüglicher Güte. Im Jahr 1805 beschäftigte sie 109 Bunt- und Blumenmaler; 7 Modelleurs; 24 Bossirer und Former; 43 Dreher; 42 Brenner; 16 Arbeiter bey der Feuermaschine ec.; 86 Arbeiter bey der Schleiferey; bey dem Glasieren, Kapseldrehen ec. zusammen 388 Personen.

Q wie QUARREE ODER VIERECK , am Brandenburger Thore. Dieser Platz, der ein Viereck bildet, ist mit 6 Häusern besetzt und 175 Schritte lang.

R wie REVUE UND MANÖVRE . Diese militärischen Übungen, von welchen die erstere die größte ist, werden den 21, 22 und 23ten May, und letztere den 17 und 18ten September gehalten. Die ganze Armee macht dann ihre Übungen, nach vorher bestimmten Plänen, in der Ebene zwischen Berlin und Tempelhof in der Gegenwart Sr. Majestät des Königs. Man kann annehmen, daß diese ganze Armee dann mehr als 4000 Mann beträgt.

S wie STRASSENREINIGUNG . Jeder Hauseigenthümer ist verpflichtet, den Platz vor seinem Hause wöchentlich fegen, und den Koth auf einen Haufen zusammenkehren zu lassen. Die Fortschaffung der Unreinlichkeit geschieht durch dazu angesetzte Leute, Pferde und Fuhrwerk, wozu der König 6.500 Reichsthaler hergiebt. Auch ist es Landleuten und Gärtnern erlaubt, den Straßenunrath zur Düngung unentgeldlich anzuholen. Die Straßen mit sonst etwas, als was der Zufall herbeyführt, zu verunreinigen, ist streng verboten.

T wie TELTOW . Dieß Städtchen ist durch kleine Rübchen, welche angebaut werden, berühmt geworden. Diese Rüben werden stark ausgeführt, und um die Bestellungen zu bestreiten, werden Rüben aus der Gegend darunter gemengt, die aber gewöhnlich größer als die ächtteltowschen sind. Der Boden um Teltow ist nach öftern Erfahrungen nur allein dazu geeignet, so wohlschmeckende Rüben hervor zu bringen.

U wie UNEHELICHE . Im Jahr 1805 zählte man 996 uneheliche Kinder. Es war also jedes 6te bis 7te Kind unehelich. Gegen manche andere Städte ist jedoch dieß Verhältnis noch gering. In Leipzig, Dresden, München und Paris ist in der Regel jedes 3te bis 6te Kind unehelich.

V wie VIEHSTAND . Im Jahr 1801 war der Viehstand bey den Ackerbürgern, Viehmästern, Brauern und Branntweinbrennern folgender: 247 Pferde, 148 Ochsen, 3839 Kühe, 10 Stück Jungvieh, 1637 Hammel, 4600 Schafe, 1858 Schweine. Man bemerke, daß die Pferde der Lohnkutscher, die Herrschaftlichen, Cavallerie- und andere Pferde hier nicht mit gerechnet sind.

W wie WEINSTUBEN . Bereits im Jahr 1782 zählte man 36 Weinhändler mit 18 Gesellen und jetzt giebt es deren noch mehrere. Sie haben größtentheils Schilder an ihren Wohnungen und Kellern, und man findet hier sowohl ordinaire als auch feinste Weine. Am häufigsten werden die weißen und rothen französischen Weine getrunken.

Z wie ZENSUR . Es darf in Berlin kein Blatt, selbst kein Hochzeitgedicht oder Catalog gedruckt werden, welches nicht vorher die Zensur passiert ist; aber in ganz Europa ist es bekannt, welch billige Grundsätze der Staat hierbey aufgestellt hat, und wie freymüthig jeder Schriftsteller hier schreiben kann. Mit Recht darf aber nichts gegen den Staat, gegen die Religion und keine Pasquille (Schmähschrift) gedruckt werden. Die Fächer der Gelehrsamkeit sind unter mehrere Zensoren vertheilt, und die Buchdrucker sind verpflichtet, nichts abzudrucken, was nicht einer von diesen mit der Imprimatur (Druckerlaubnis) versehen hat.

Michael Bienert (Hg.): Berlin 1806. Das Lexicon von Johann Christian Gädicke, Berlin Story Verlag. Buchpremiere ist am 26. Februar um 11 Uhr in der Buchhandlung Berlin Story, Unter den Linden 40. „StattReisen Berlin“ bietet ab 4. März Stadtführungen zum Thema an. Termine unter www.berlin-1806.de

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