Zeitung Heute : Berliner Ironie

Gibt es in der Hauptstadt einen besonderen Stil? Das große Modewochenende lehrte: und wie!

Susanna Nieder

„Die Berliner mögen rau sein“, sagt der sanfte Däne Frederik Nellemann. „Aber wenigstens kriegt man immer eine Antwort!“ Er zeigt Kleider des Kopenhagener Modelabels Baum und Pferdgarten, die sich hier verkaufen könnten: ein blauer Jeansrock und eine schnörkellose Jacke aus derbem, rot-weißem Wollstoff, ein schmaler, schwarzer, interessant geschnittener Rock. All das würde gehen – aber keinesfalls die elegante Jacke mit Seidenschleife. „Jeans, Punk, Stiefel, das ist der Berliner Look“, sagt Nellemann, und seine Kollegin Karin Warburg von der hiesigen Agentur Showrespect fügt hinzu: „Berlin ist nicht luxuriös. Man trägt schon mal eine Strassbrosche am Revers – aber dann ist das Sakko vom Flohmarkt.“

Warburg und Nellemann haben ihren Messestand auf der Modemesse Premium. 12000 Besucher zählte die Premium in der letzten Saison, und diesmal werden es nicht weniger sein im Zelt und im nahe gelegenen U-Bahntunnel unter dem Potsdamer Platz, wo weitere Stände und der Laufsteg für die Schauen aufgebaut sind. Viele Einkäufer sind zu zweit unterwegs, die meisten elegant, aber zurückhaltend gekleidet: dunkle Farben, spitze Schuhe, ein Italiener hat einen kleinen Lederhut mit hochgeklappter Krempe auf den Hinterkopf geschoben. Je weiter das dreitägige Modewochenende fortschreitet, desto zielgerichteter wird der Messeblick der Einkäufer, der sich in Sekundenschnelle durch eine Kollektion fräst. 430 internationale Aussteller bieten an diesem Wochenende allein auf der Premium modisch ausgefallene Designerkollektionen für den Winter 2005/2006 an.

Seit zwei Jahren ziehen die Modemessen Bread and Butter und Premium Saison für Saison Zehntausende Fachleute aus der Modebranche an, davon mittlerweile über die Hälfte aus dem Ausland. Mailand ist unendlich viel modebeflissener als Berlin, Paris eleganter, London extravaganter, und überall wird viel mehr Geld für Mode ausgegeben. Trotzdem gilt Berlin im Ausland als heißes Pflaster; zu den Berliner Messen kommen Einkäufer, die das Ungewöhnliche suchen. Eine solche Klientel ist auch für umsatzkräftige Marken interessant. Zum ersten Mal stellten dieses Wochenende auf der neu gegründeten B-in-Berlin in den Messehallen am Funkturm Firmen wie Seidensticker oder Otto Kern aus, die das gehobene Massenpublikum versorgen.

Der von den Hauptstädtern selbst häufig vertretenen Meinung, Berliner hätten keinen Stil, sondern seien einfach schlecht angezogen, schließen sich die wenigsten Modeleute an. „Für uns ist Berlin eine unerschöpfliche Fundgrube“, sagt Carl Tillessen vom Berliner Herrenlabel Firma, das auf der Premium ausstellt. Von drei Berliner Typen sind er und seine Partnerin Daniela Biesenbach allein bei ihrer Winterkollektion 2005/2006 ausgegangen: „Von Punks, das ist nahe liegend. Von den Berliner Männern, die nie vornehm sein wollen, sondern breitbeinig in der Paris Bar sitzen, Zigarre rauchen und klarstellen, dass das Leben hart ist. Und von der etwas theatralischen Berliner Bohème, die wie ein zerknautschter Bettlerchor im Sale e Tabacchi hockt.“ Dementsprechend sehen der Mantel aus grobem, beigem Leinenstoff oder das Kapuzenshirt mit angestrickten Armstulpen, wie man sie weiland in der Hausbesetzerszene liebte, auf den ersten Blick nach knittrigem Understatement aus. Auf den zweiten Blick sind Material, Design und Verarbeitung hervorragend. Die Stücke mit ihrer Berliner Ironie verkaufen sich von New York über Paris bis nach Tokio.

Natürlich gibt es auch den weniger liebevollen Blick auf die Hauptstadt. „Berliner Stil?“ Die junge, sorgfältig gestylte Kollegin aus Düsseldorf hat eine sehr genaue Vorstellung davon. „Die Hochburg der Trashkultur!“, ruft sie. „Alle hängen sie in Mitte, sind vor anderthalb Jahren aus Schwäbisch Gmünd zugezogen, verachten die Provinz und haben ,Projekte’. Den Typen hängt die Jeans auf halb acht, die Frauen tragen totblondierte Franselfrisuren, spitze Stiefel aus weißem Knautschleder und Leggings. Darüber lacht die ganze Republik!“ Hohngelächter hin oder her – nicht die Düsseldorfer Messe cpd ist hip, sondern die Bread and Butter in Berlin-Spandau.

Dort kommt es einem Wunder gleich, wenn man nicht schon einen Kilometer davor im Stau stecken bleibt. In den Eingangshallen des riesigen Geländes geht es zu wie in der Schalterhalle eines Flughafens. Viele kommen mit ihrem Koffer direkt vom nahe gelegenen Flughafen Tegel, und wer nicht aufgeregt mit anwesenden Kollegen diskutiert, schnattert auf Italienisch, Spanisch, Englisch, Japanisch in sein Handy. Im vergangenen Juli war am ersten Tag etwa zwei Stunden nach Öffnung wegen Überlastung des Netzes kein Telefonempfang mehr zu bekommen.

Schon in der ersten Halle verliert der ungeübte Messebesucher die Übersicht. 650 Aussteller sind hier auf acht Bereiche verteilt. Über 30000 Besucher zählte die Bread and Butter in der letzten Saison. Im Gegensatz zur Premium können die Firmen auf der Bread and Butter ihren Stand gestalten, wie sie wollen – Bars und Sitzgarnituren sind aufgebaut, Fiorucci, der durchgeknallte Trendsetter der 80er Jahre, prangt in Kreischrosa mit Gartenzwergen und bonbonfarbenen Lampen, Escada Sport präsentiert sich im gläsernen Eispalast mit beleuchtetem Fußboden, den Stand von Tommy Hilfiger betritt man über vier Steinstufen zwischen zwei mächtigen Steinvasen hindurch wie ein Mausoleum.

Durch die Straßen zwischen den Ständen, die Namen wie „Karl-Marx-Allee“, „La Rambla“ und „Khao San Road“ tragen, schieben sich telefonierende, mit Werbegeschenken und Infomaterial beladene Besucher. Das Fachpublikum wirkt hier deutlich trendbemühter als auf der Premium: viele Hinterteile in sehr engen Jeans, ausgefallene Taschen, Männer im Faltenrock, Uggs, jene unförmigen australischen Lammfelltreter, die vor anderthalb Jahren von Hollywood-Diven entdeckt wurden. Wer nicht unter 30 ist, bemüht sich, so auszusehen. Auf der Bread and Butter merkt man, wie anstrengend es ist, Speerspitze zu sein.

Eine wirklich spannende Umgebung bekommt die Mode in dem Teil der Messe, der in der Halle des alten Siemenskabelwerks mit ihrem industriellen Charme, dem holperigen Betonboden, dem alten Glasdach untergebracht ist. „Qualitätskontrolle“ steht in schwarzen Lettern über einem Innenraumfenster, das ocker gekachelte ehemalige Werkschutzklo wirkt wie eine Kunstinstallation, und die Herren vom Feuerschutz in ihren knallroten Jacken spazieren durch die Menge wie Models für das kulturelle Crossover, das hier stattfindet. Berliner Stil? Hier kann man ihn mit Händen greifen. Nicht fein, nicht elegant, nicht ebenmäßig, sondern ironisch gebrochen, alltagstauglich; neue Ideen vor bröckelnden Fassaden. An solchen Stellen sieht man, dass Berlin und Mode auf ihre Art eben doch zusammenpassen. Ein Jammer, dass die Bread and Butter ihre internationale Veranstaltung im nächsten Juli in Barcelona und dann in wechselnden europäischen Städten präsentieren und nur mit einer nationalen Messe in Berlin bleiben will.

Die Meinungen darüber, was dann wird, gehen weit auseinander. „Dann ist hier wieder Provinz“, sagen die einen, „dann erst recht“, die anderen, vorneweg die Veranstalter von Premium und B-in Berlin. In den vier gepflegten Hallen der B-in-Berlin herrscht der gesunde Mittelstand. Die 200 ausgestellten Kollektionen sind wesentlich umfangreicher als auf den beiden anderen Messen, das Publikum ist deutlich älter. Hier muss niemand beweisen, dass er den Trend als Erster erspürt hat, vielmehr geht es darum, den Geschmack derjenigen zu treffen, die sich erst eine oder zwei Saisons später zu etwas Neuem entschließen. Rosa Schlipse baumeln über sanft gewölbten Bäuchen, die Damen tragen Hosenanzug.

Echten Berliner Stil gibt es dann noch auf einer kleinen Schau des Berliner Labels Pulver. Inmitten des sozialistischen Charmes der Tschechischen Botschaft mit ihrem Holzfurnier und den klotzigen Lüstern, die an umgestürzte Einmachgläser erinnern, drängelt sich junges Volk, auf den ersten Blick Studenten. Bei näherem Hinsehen bemerkt man diskrete Modeaussagen: Hier eine ironisch gemeinte Trachtenstrickjacke, da eine ungewöhnlich geschnittene Jeans. Die Kollektion von Pulver ist ein sinnliches Spiel aus modernem Design, Folklore und kleinen Späßen wie einer Strickjacke mit Schleppe. Da ist sie wieder, die Berliner Mischung aus wunderbar angestaubten historischen Kulissen, Pragmatismus und leiser Ironie. Das bleibt – auch ohne Bread and Butter.

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