Zeitung Heute : Berliner Landesdiener immer länger krank

Mehr Fehltage als Urlaubstage im öffentlichen Dienst / Quote im Bundesdurchschnitt niedriger

Berlin - Berliner Landesbedienstete fehlen häufiger wegen Krankheit, aus familiären oder sonstigen Gründen als urlaubsbedingt. Das geht aus der ersten umfangreichen Statistik über Abwesenheitszeiten hervor, die der Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum in Auftrag gegeben hat. Auf Urlaub sind knapp 44 Prozent der Abwesenheitszeiten von Angestellten, Arbeitern und Beamten zurückzuführen, mehr als 56 Prozent der Fehlzeiten haben andere Gründe.

In den Landeskassen Berlins verursacht dies einen gewaltigen finanziellen Schaden. Denn in der Summe fehlen alle Beschäftigten zusammen mehr als vier Millionen Kalendertage im Jahr – urlaubsbedingte Fehlzeiten nicht eingerechnet. Zudem sind in diesen Fehlzeiten nicht die Tage berücksichtigt, die Landesbedienstete wegen Fortbildungen oder Dienstreisen in Behörden und Ämtern fehlen.

Im Durchschnitt sind Landesbedienstete 81,9 Kalendertage im Jahr abwesend. Männliche Bedienstete des Landes fehlen nicht so oft wie weibliche. Das liegt vor allem an den „familienbezogenen Abwesenheiten“, die in neun von zehn Fällen von Frauen beansprucht werden, wenn etwa das Kind zu Hause krank im Bett liegt und nicht in die Kindertagesstätte geschickt werden kann.

Am häufigsten fehlen Mitarbeiter im Stellenpool des Landes, also in der Einrichtung, in der nicht kündbare Landesbedienstete untergebracht werden, deren früherer Tätigkeitsbereich durch Umstrukturierungen weggefallen ist. Am seltensten bleiben die Richter vom Verfassungsgerichtshof und die Mitarbeiter der Berliner Forste ihrem Arbeitsplatz fern.

Die Verantwortung für die Fehlzeiten und die hohen Krankenstände sucht Finanzsenator Ulrich Nußbaum weniger bei den Landesbediensteten selbst als bei der Verwaltung. Dem Tagesspiegel sagte er: „Wir müssen als Land jetzt prüfen, wie wir die Arbeitssituation verbessern können.“ Dazu sei es wichtig, die Verantwortlichkeiten für den Bereich Personal zu bündeln. Die Ergebnisse zeigten aber auch, dass sich „die Personalsituation nicht alleine an Stellenplänen ablesen lässt“. Anders ausgedrückt: Durch den Abbau von Fehlzeiten könnte die Arbeitsfähigkeit von Behörden auch ohne zusätzliches Personal verbessert werden.

„Vor allem die große Zahl der Krankentage in Berlin überrascht“, sagte Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Bundesweit seien Bedienstete öffentlicher Verwaltungen im Durchschnitt nur knapp 20 Tage im Jahr krank, in Berlin sind es dagegen laut Senat rund 32 Tage – Abwesenheiten wegen Heilkuren nicht eingerechnet. Eine Erklärung für die fast 50 Prozent höheren Krankenstände in der Hauptstadt könnte Schröder zufolge darin liegen, dass der Senat auch die Kurzzeiterkrankungen von bis zu drei Tagen erfasst, die nicht in die AOK-Statistik der knapp zehn Millionen Beschäftigten in Deutschland einfließen.

Die Kosten krankheitsbedingter Fehlzeiten für die deutsche Volkswirtschaft betrugen nach AOK-Angaben im Jahr 2008 bundesweit 78 Milliarden Euro. Statistisch schlägt ein Fehltag bei der Verwaltung mit 171 Euro zu Buche. Auf den öffentlichen Dienst von Berlin bezogen, würden allein die vom Senat ermittelten krankheitsbedingten Abwesenheitstage einen Schaden in Höhe von 586 Millionen Euro im Jahr verursachen.

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