Zeitung Heute : Berliner Lektionen

Das Digitalfernsehen kommt nach Köln und Hannover. Dabei profitiert man von den Erfahrungen an der Spree

Kurt Sagatz

„Ganz ruhig bleibt man natürlich nicht, wenn Millionen von Fernsehanschlüssen von einem Tag auf den anderen umgestellt werden“, sagt Joachim Bareiß mit Blick auf den 24. Mai. An diesen Tag wird sich zeigen, ob der Büroleiter des DVB-T-Projektes in Nordrhein-Westfalen alles richtig gemacht hat. Dann nämlich wird im Ballungsraum Köln/Bonn/Düsseldorf der Schalter auf Digitalfernsehen umgelegt. Und nicht nur dort, auch in Niedersachsen, im Gebiet Hannover/Braunschweig, beginnt der stufenweise Abschied vom analogen Antennenempfang.

Was in Berlin vor einem Jahr begonnen hat, geht nun mit rasantem Tempo weiter. Spätestens im Jahre 2010, so hat es die Bundesregierung beschlossen, wird das Fernsehprogramm in Deutschland ausschließlich digital verbreitet, sowohl im Kabel als auch über Satellit und Antenne. Die neue Technik garantiert nicht nur eine bessere Qualität von Bild und Ton, sie gestattet auch ganz neue Nutzungsformen wie beispielsweise interaktives Fernsehen mit Beteiligung der Zuschauer. Vor allem aber nutzt das digitale Fernsehen die vorhandenen Kanäle besser aus. Bis zu 30 Programme über die Antenne, das ist nur mit DVB-T möglich.

Ganz ins kalte Wasser werden weder die Kölner noch die Niedersachsen springen müssen, denn in Berlin fand bereits vor einem Jahr der Wechsel von analoger auf digitale Technik statt. Und von den Erfahrungen, nicht nur den positiven, profitieren nun die anderen Umstiegskandidaten. Eine davon war, die Zuschauer möglichst früh über die anstehenden Änderungen aufzuklären, möglichst über das Fernsehen selbst. Laufbänder, TV-Spots und auch Berichte in den verschiedenen Magazinen des WDR sollen das für den Köln-Bonner-Raum sicherstellen. Auch das Ruhrgebiet, das im November folgen wird, wird so auf die Umstellung eingestimmt. Genauso wichtig wäre es nach Meinung von Michael Thiele von der Deutschen TV-Plattform aber gewesen, den Fachhandel frühzeitig einzubinden. Das hat jedoch zumindest in Nordrhein-Westfalen weniger gut funktioniert: Die erste große Informationsveranstaltung fand erst Ende März in Köln statt.

Besser hatten es da die Niedersachsen. Die Händler, die demnächst in Hannover und Braunschweig die für die Umstellung notwendigen Dekoder verkaufen werden, konnten sich auf der Technikmesse Cebit im März in der niedersächsichen Landeshauptstadt umfassend über die neuen Geräte informieren. Seit Berlin ist gerade auf der Hardware-Seite viel passiert. Mit Blick auf die größeren Märkte, die es jetzt zu erschließen gilt, sind zahlreiche neue Geräte auf den Markt gekommen, sogar solche, die Digitalfernsehen am Computer und unterwegs mit dem Laptop ermöglichen.

Mit vielen technischen Problemen, die in den ersten Tagen des digitalen Antennenfernsehens in Berlin auftraten, müssen sich die Nachfolger allerdings nicht herumschlagen. Riesige schwarze Balken an den Rändern von Spielfilmen, nervige „Perlenketten“ am oberen Bildschirmrand und vor allem die vielen Probleme bei der Einspeisung des regionalen Antennenfernsehprogramms in die Kabelnetze müssen nicht erneut befürchtet werden. „Wenn man die Dimension bei der Umstellung einer gesamten Empfangstechnik mit der Einführung der Maut vergleicht, sind wir trotzdem insgesamt harmlos davon gekommen“, sagt Michael Thiele und ist froh, dass man in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen einen Fehler nicht gemacht hat: von einem Freitag auf den Sonnabend umzustellen. „Wenn dann etwas schief läuft, kann man nichts mehr machen“, so Thieles Fazit. Das kann diesmal nicht passieren, denn der 24. Mai ist ein Montag,. Da sind alle Techniker an ihrem Platz.

In Berlin hat man mittlerweile wieder neue Ziele im Visier: Nach der Umstellung auf den digitalen Antennenbetrieb wird an der Spree nun an DVB-H gearbeitet. Das „H“ steht für Handy, denn die digitale Fernsehnutzung soll so mobil werden, dass sie sogar auf Mobiltelefonen erlebt werden kann. Vor allem die etwas größeren Smartphones und Organizer kommen dafür in Betracht. Auf diesen Bildschirmen kann man sich schon eher eine Übertragung von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 vorstellen.

Weniger weit in die Ferne schauen muss man dagegen, wenn es um die mobile Fernsehnutzung in Autos geht. Hier ist die Produktion von Geräten längst angelaufen. Die namhaften Hersteller vor allem teurer Automobile wie Mercedes, BMW, aber auch Ford, werden ihre neuen Modelle auf Wunsch mit DVB-T-fähigen Fernsehempfängern bestücken. Kompakte Flachbildschirme, auf denen zur Unterhaltung der Mitfahrer DVD-Videos oder sogar Computerspiele laufen, sind in vielen Fahrzeugen bereits vorhanden, so dass nur noch die DVB-T-Empfangseinheit hinzugenommen werden muss, um das Schlagwort vom „Überallfernsehen“ tatsächlich mit Leben zu füllen.

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