Berliner Nahverkehr : Chaos kostet S-Bahn 100 Millionen

Der Berliner Senat will den Vertrag mit der Bahn ändern, um bei schlechter Leistung weniger zahlen zu müssen. Insgesamt soll das S-Bahn-Desaster in Berlin die Bahn knapp 100 Millionen Euro kosten.

Klaus Kurpjuweit
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Verzweifelte Kunden. Die S-Bahn hat in den letzten Wochen Nerven gekostet. Nur die Ferien haben wohl ein größeres Chaos verhindert...PETERSBILD

Berlin - Das S-Bahn-Desaster in Berlin wird die Bahn nach Berechnungen von Experten wohl knapp 100 Millionen Euro kosten. Die ersten sieben Millionen Euro wird der Senat wegen der ausgefallenen Fahrten bereits im August abziehen, kündigte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Montag nach dem jüngsten Krisentreffen mit Vertretern der Bahn an. Der Senat will zudem im Herbst den Vertrag mit der S-Bahn nachverhandeln. Ziel sei es, der S-Bahn bei schlechter Leistung weniger Geld bezahlen zu müssen. Zudem wolle man mehr Einfluss auf die Zahl der eingesetzten Wagen erhalten, sagte Junge-Reyer weiter.

Am Vertrag selbst werde nicht gerüttelt, eine Kündigung und Neuausschreibung sei derzeit nicht vorgesehen. Der Senat überweist der S-Bahn – bei einem funktionierenden Betrieb – deshalb weiter jährlich mehr als 230 Millionen Euro.

Im Regionalverkehr hat das gemeinsame Ausschreiben von 16 Strecken in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt dazu geführt, dass die Länder zusammen rund 55 Millionen Euro im Jahr sparen. Bisher hatte die Bahn AG hier fast ein Monopol, nun muss sie Strecken an den Konkurrenten Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (ODEG) abgeben, an der unter anderem die Hamburger Hochbahn beteiligt ist. Auch die Bahn hat Preiszugeständnisse machen müssen. Den Zuschlag für die Strecken hatte sie in den 90er Jahren ohne Wettbewerb erhalten und sich dadurch hohe Zuschüsse gesichert. Gestern wurden die neuen Aufträge offiziell vergeben. Sie gelten von 2011/2012 an.

Teuer wird es für die S-Bahn aber nicht nur wegen der gekürzten Zuschüsse. Hier werden ihr mehr als 20 Millionen Euro fehlen. Sie muss auch den Ersatzverkehr der BVG und anderer Unternehmen finanzieren. Zudem muss die S-Bahn nach eigenen Angaben rund 25 Millionen Euro aufbringen, um Abonnenten und Jahreskartenkäufer einen Monat lang mit allen Bahnen und Bussen in der Stadt und im Umland (Tarifgebiet ABC) gratis fahren zu lassen. So will die S-Bahn die geplagten Kunden etwas entschädigen. Junge-Reyer verlangt hier besondere Angebote für Pendler, die auf die S-Bahn angewiesen seien. Hier soll die S-Bahn gemeinsam mit Fahrgastverbänden nach einer Lösung suchen.

Die S-Bahn hat auch Fahrgäste verloren. Fuhren im Normalbetrieb in Ferienzeiten etwa 980 000 Menschen täglich mit den rot-gelben Zügen, sind es nach Junge-Reyers Angaben jetzt nur noch rund eine halbe Million, die mit der S-Bahn oder in den Ersatzzügen und -bussen unterwegs sind. Die BVG habe dagegen 175 000 Fahrgäste mehr gezählt.

Außerdem muss die S-Bahn den enormen Aufwand in ihren Werkstätten finanzieren, wo die Mitarbeiter rund um die Uhr arbeiten, um die verstärkten Sicherheitsvorschriften nach dem Bruch eines Rades ausführen zu können. Nach Vorgaben des Eisenbahn-Bundesamtes muss die S-Bahn außerdem früher als geplant die Räder der Züge ersetzen, was ebenfalls einen zweistelligen Millionenbetrag kosten dürfte. Klar sei, dass bei der S-Bahn ein Umdenken bei der Sicherheit erfolgen müsse, sagte Junge-Reyer. Das Vertrauen in den Nahverkehr könne nur wiederhergestellt werden, wenn die Wagenreserven erhöht und ausreichende Reparaturkapazitäten sichergestellt würden. In der Vergangenheit hatte die S-Bahn Werkstätten geschlossen, sich von Mitarbeitern getrennt und die Fahrzeugreserve verringert, um dem Konzern Millionengewinne überweisen zu können. 125,1 Millionen Euro waren einst für 2010 vorgesehen.

Derweil fallen nun auch die ersten Ersatzbusse aus. Die Polizei zog am Montag drei Fahrzeuge eines Subunternehmers aus Mecklenburg-Vorpommern aus dem Verkehr, wie die S-Bahn bestätigte.

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