Zeitung Heute : Berliner Originale erleben

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR SILVESTER?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

2003 wird in Erinnerung bleiben als das Jahr, in dem das große Publikum gezeigt bekam, wie das Leben im Ostteil unserer Republik einmal gewesen ist. Die Ostalgie-Shows im Fernsehen mögen unterhaltsam sein, aber die DDR gab es vergangene Woche wieder fast in echt.

Ich weiß nicht, wem es auch so geht, aber jedes Jahr zu Weihnachten komme ich mir vor wie früher im Osten. Berlin ist leer, die Straßen sind ausgestorben und die Fassaden wirken grau und vergessen. Unter den Linden glühen Lichterketten (wegen der nationalen Bedeutung der Prachtmeile), aber für Weihnachtsschmuck in den Nebenstraßen reicht das Geld nicht oder nicht der Sinn. Berlin ist trostlos an Heiligabend, und dennoch sind wir Berliner jedes Jahr gespannt darauf.

Denn nur an den drei Weihnachtstagen haben wir die Stadt für uns allein. Alle Zugezogenen sind nach Hause gefahren – selbst wenn sie hier seit Jahren leben und Familie haben. Wir Berliner schauen aus den Fenstern und können nicht fassen, wie wenig wir sind: Drei Autos parken auf der Straße, in der man sonst nie einen Platz finden kann. Mittags spazieren ein paar Menschen mit Hund auf der Wiese herum, und in den wenigen Restaurants, die geöffnet haben, sind eine Menge Tische reserviert, aber nicht besetzt. Alles wie aus dem Poesiealbum der DDR – und dennoch kann man es niemandem zeigen, denn niemand von außerhalb ist da.

Sind die Dörfer eigentlich überfüllt zu Weihnachten? Wo sind denn all die Menschen, die Berlin an diesen Tagen fehlen? Verteilen die sich gleichmäßig über die Republik? Heimgekehrte, die ich frage, wissen auch keine Antwort. Einer sagte, es seien schon viele Menschen da gewesen, zuhause, in seinem katholischen Dorf.

Nun ist Berlin längst wieder gut besucht von erlebnishungrigen Silvestertouristen, die die verheißungsvollste Nacht des Jahres mit etwas Ungewöhnlichem verbinden möchten. Na, und weil wir schon beim Thema sind, wird heute ein Lokal empfohlen, das seit 1986 als „Speisegaststätte“ geführt wird und immer noch so aussieht.

Der „Schusterjunge“ ist eine Eckkneipe mit Farbglaslampen und Holzzaun zwischen den Tischen, hat samt Inhabern die Wende überstanden und meistert die Krise, weil er eine Marktlücke füllt: Der Charme des „Schusterjungen“, benannt nach einem Berliner Original, ist auch der eines Gasthofes irgendwo in der Provinz. Aber dieses Restaurant befindet sich direkt in Prenzlauer Berg; dort, wo man sonst so rustikal nur italienisch essen geht.

In der Tat sollte nur hinkommen, wer Appetit auf deutsches Essen hat – dann aber unbedingt. Denn Schnitzel, Sauerbraten und Senfeier sind köstlich und kosten preiswerte 4 bis 8 Euro. Dazu empfiehlt ein Jugendfreund „Berliner Bürgerbräu“, ein exzellentes Bier aus Friedrichshagen, das ansonsten schwer zu finden ist. Und wer von Weihnachten nicht genug kriegen kann oder zu Haus nicht satt geworden ist, bekommt die Gänsekeule jetzt für 5 Euro im Sonderangebot, natürlich mit Rotkohl und Klößen.

„Zum Schusterjungen“ befindet sich Danziger Ecke Lychener Straße, geöffnet täglich von 11-24 Uhr

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