Berliner Philharmonie : Der brennende Schatz

Ikone, Wahrzeichen, Wallfahrtsort – und vielleicht der allerschönste Konzertsaal der Welt: All das ist Berlins Philharmonie. Und während die Feuerwehr versucht, das Haus zu retten, werden die Mienen der Musiker immer düsterer.

Frederik Hanssen

Eine der beliebtesten Spielanweisungen in klassischen Partituren lautet: con fuoco. Mit Feuer. Aber so war das auch wieder nicht gemeint: Am Dienstag bricht gegen 14 Uhr unter dem Dach der Berliner Philharmonie ein Feuer aus. Bei Schweißarbeiten ist vermutlich ein Funke unglücklich übergesprungen, sofort bildet sich eine gelbbraune Rauchsäule, die hoch in den heiteren nachmittäglichen Himmel steigt, und beißender Geruch macht sich breit; bis hin zum U-Bahnhof Bülowstraße.

Die Philharmonie brennt! Das Wahrzeichen der Kulturmetropole Berlin! Heimstatt der Philharmoniker, Wallfahrtsort für Klassikfans aus aller Welt ebenso wie für Architekturliebhaber. Die vieleckige Architekturskulptur mit der Goldhaut, die Hans Scharoun 1956 erdacht hat und die dann 1963 von Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern mit Ludwig van Beethovens „Neunter“ eröffnet wurde (ja, die mit dem „Götterfunken“!), dieser Monolith mit dem organischen, weit ausschwingenden Zeltdach ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts, vielleicht der allerschönste Konzertsaal der Welt, einer der am besten klingenden allemal. Und ein Sinnbild demokratischer Ordnung: Das Publikum sitzt rings um das Orchester, wie auf einer antiken Agora. Dies ist ein Versammlungsort derer, die sich auch in den lauten, modernen Zeiten noch gerne sammeln, um konzentriert den Partituren zu lauschen: 2400 Menschen fokussiert auf eine Kunst, die aus nichts weiter besteht als aus klingender Luft.

Wer in dieser Stadt Musik liebt, für den verbinden sich tausend Erinnerungen mit der Philharmonie, der spürt beim Gedanken an sie sofort wieder, wie es ist, durch eine der versteckten Türen den Saal zu betreten, in dem es schon vorfreudig summt, der erinnert sich an erregte Pausengespräche in den hellen, weiten Foyers, an nächtliche Heimfahrten, auf denen das eben Gehörte noch lebendig nachklingt.

Die Philharmonie also darf nicht brennen, nicht con fuoco und schon gar nicht poco a poco crescendo, stetig heftiger, so wie es am Dienstag passiert. Das Haus wird evakuiert. Glücklicherweise sind nicht allzu viele Menschen in der Philharmonie, als das Unglück passiert. Das allwöchentliche kostenlose Lunchkonzert des Orchesters, zu dem regelmäßig 1200 bis 2000 Menschen kommen, an diesem Tag aber nur 800, ist gerade vorbei, und die Nachmittagsprobe der Philharmoniker soll erst um 15 Uhr beginnen.

Schnell rückt die Feuerwehr an, 170 Mann in 30 Fahrzeugen. Augenzeugen berichten, dass der Schlüssel für die Wasserzapfstelle nicht auffindbar ist, die Feuerwehrleute müssen sich mit einer Axt behelfen. Mit Atemmasken erklimmen speziell geschulte „Höhenretter“ die Philharmonie, bald strömt an der nördlichen Wand gegenüber dem Sony-Center aus 40 Metern Höhe das Löschwasser herunter. Gleichzeitig beginnen andere Feuerwehrleute, das Dach mit sogenannten Multicut-Sägen aufzuschneiden.

Claudio Abbado, 74, der langjährige Chefdirigent der Philharmoniker, der gerade zum alljährlichen Mai-Gastspiel in der Hauptstadt weilt, gehört zu den wenigen, die sich im Gebäude befinden. Er kann unversehrt ins Freie gelangen. Draußen begegnet der Maestro Philharmonikern, die mit der Feuerwehr verhandeln. Sie wollen ihre Instrumente aus dem abgesperrten Gebäude holen. Der Kontrabassist Janne Saksala, den die Nachricht vom Brand zu Hause erreichte, hatte sich sofort ins Auto gestürzt, um sein Instrument zu retten. Nach kurzem Zögern geben die Feuerwehrleute den Weg frei, helfen sogar dabei, die Instrumente aus den Schließfächern zu holen. Die schweren Konzertflügel kann jetzt niemand mehr wegschaffen, sie stehen aber auch in einem unter dem Großen Saal liegenden Raum und sollen, heißt es später, alles gut überstanden haben.

Mögen sie auch noch so hoch versichert sein: Die Spitzeninstrumente, die die Berliner Philharmoniker spielen, sind allesamt unersetzlich. Es sind Unikate, Raritäten, zumeist aus dem 18. Jahrhundert. Was nützt eine Versicherungssumme in der Hand statt der Geige? „Geld klingt nicht“, sagt der bekannte Solo-Cellist Georg Faust. Immerhin: Der Große Saal, so berichten die Musiker, die wieder herauskommen, sei unversehrt.

Während die Polizei sich bemüht, die Trauben von Schaulustigen aufzulösen, die sich zwischen Matthäikirchplatz und Staatsbibliothek gebildet haben, beobachten die Musiker bang die Löscharbeiten auf dem Philharmoniedach. Schlimmster Feind bei vielen Bränden ist das Löschwasser – undenkbar, wenn sich die Wassermassen auf Bühne und Zuschauerraum ergießen würden! Der Raum direkt unterhalb der Brandstelle sei ein Technikraum, heißt es. Unterhalb dieses Technikraums wiederum befänden sich andere Räume, kein Konzertsaal. Die Feuerwehr löscht vorsichtshalber schon mit mehr Schaum als Wasser, und eigentlich müssten die Betondecken standhalten. Eigentlich. Was aber, wenn nicht? Wo sollen die Veranstaltungen stattfinden? Nicht allein die Berliner Philharmoniker spielen ja hier – Dutzende Ensembles mieten sich Monat für Monat ein. Philharmonie wie Kammermusiksaal sind ausgebucht, tagsüber Proben, abends Konzerte, fast jeden Tag im Jahr.

Wohin also sollen all die Orchester, Streichquartette, Pianisten, Kammermusikformationen ausweichen? Und vor allem: Können jetzt noch die drei seit Wochen ausverkauften Philharmoniker-Konzerte mit Claudio Abbado am Freitag, Sonnabend und Sonntag stattfinden? Nicht in der Philharmonie, sagen manche am Abend. Für eins der wichtigsten Musikereignisse der Saison muss nun möglicherweise schnellstens ein geeigneter Ort gefunden werden. An den Kassen waren diese Konzerte derart begehrt, dass die Intendantin der Berliner Philharmoniker, Pamela Rosenberg, beschlossen hatte, zwei Abende per Großleinwand in den benachbarten Kammermusiksaal übertragen zu lassen.

Auf dem Programm steht neben Beethovens viertem Klavierkonzert mit Maurizio Pollini auch Hector Berlioz „Te Deum“, ein Monumentalwerk für großes Orchester und 600 Sänger, darunter diverse Kinderchöre. Wo, um Gottes willen, findet sich in Berlin eine Halle, die groß genug ist für diese Massen? Die Musiker vor der Philharmonie diskutieren schon, als die Feuerwehr ihre Arbeit erst beginnt.

Sicher, Ausweichspielstätten lassen sich finden, aber will man in diesen Stunden überhaupt daran denken? Die Philharmonie geschlossen, das Publikum wochenlang ausgesperrt? Bittere Erinnerungen steigen auf an das Jahr 1988, als plötzlich ein Teil der Saaldecke heruntergekommen war. Zunächst war der Zuschauerraum mit Netzen überspannt worden, die weitere lockere Putzstücke auffangen sollten, 1991 wurde dann das Haus für die Restaurierung geschlossen. 14 Monate lang. Eine harte Zeit.

Mit einer denkwürdigen Aufführung von Arnold Schönbergs „Gurreliedern“ hatten Claudio Abbado und die Philharmoniker ihr Haus wiedereröffnet – und natürlich gab es Menschen, die fest davon überzeugt waren, die einmalige Akustik habe gelitten, der Klang sei nicht mehr so klar, so trennscharf wie vorher.

Der Brand ist an diesem Abend noch lange Zeit nicht unter Kontrolle. In rund 40 Metern Höhe versuchen die Feuerwehrmänner, Teile der Dachkonstruktion aus Zinkblech herauszuschneiden, um an den Brandherd heranzukommen, der zwischen der Decke und der Dachoberhaut aus Blech und Dachpappe sitzt. Sie müssen Wärmebildkameras einsetzen, um ihn lokalisieren zu können. Wegen der starken Rauchentwicklung kommen sie aus dem Inneren des Gebäudes nicht an die Flammen heran.

In der Barockoper tritt in solchen Momenten ein Deus ex machina auf den Plan, ein Retter, der überraschend aus dem Schnürboden herabgelassen wird und mit einem Handstreich alles Unglück beendet. In der sinfonischen Musik sind solche Götter leider unbekannt.

Mitarbeit: Sebastian Leber.

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