Berliner Pophoffnung Laing : ... aber abends werd’ ich wach

Die Frauenband Laing kennt außerhalb Berlins kaum einer – bis sie im September beim „Bundesvision Songcontest“ auftritt.

Die Frauenband Laing mit Nicola Rost (2.v.r.)
Die Frauenband Laing mit Nicola Rost (2.v.r.)Promo

Banale Gedanken gehen Nicola Rost durch den Kopf. „Muss ich noch mal pinkeln? Schwitze ich unter den Achseln?“ Es ist der 26. September, kurz nach 22 Uhr, als sie in der Max-Schmeling-Halle den Gang von der Künstlergarderobe zur Bühne geht. Auf diese Chance hat Rost das ganze Jahr hingearbeitet: dabei zu sein bei Stefan Raabs „Bundesvision Songcontest“ – einer der ganz wenigen Veranstaltungen, bei der Nachwuchsbands außerhalb von Castingshows vor Millionenpublikum auftreten können.

An diesem Septemberabend schickt jedes Bundesland einen Künstler ins Rennen, am Ende stimmen die Zuschauer per Telefon ab. Nicola Rost tritt mit der vierköpfigen Frauenband Laing für Sachsen an, drei Sängerinnen, eine Tänzerin. Sie haben die Startnummer 15, sind damit Vorletzte. Die 27-Jährige hat gewettet: „Siebter oder achter Platz.“

Der Auftritt läuft für sie wie in Trance ab. Ihr Lied „Morgens immer müde“ ist ein Mix aus Soul und Clubmusik. Sie singen im Licht von Schreibtischlampen, die an einem Stehpult befestigt sind. Sie tanzen synchron, die Beats und der dreistimmige Gesang harmonieren. Hinter der Bühne ächzen die anderen Musiker. Jeder sieht, was hier gerade passiert: die Geburt einer Pop-Karriere. Der Trude-Herr-Klassiker im Clubgewand erobert am Ende überraschend den zweiten Platz. „Die heimlichen Gewinner“, wird die „Süddeutsche“ über Laing schreiben.

Wochen später sitzt Nicola Rost keine 500 Meter Luftlinie von ihrem Schicksalsort entfernt. 12 Uhr mittags, verquollene Augen. Tatsächlich kommt sie morgens schwer aus den Federn. „Ich war so stolz“, sagt sie. Rost versteckt ihre Hände in den langen Ärmeln eines weinroten Pullovers, als wäre sie in einer Zwangsjacke gefangen. Worte wie „krass“, „unglaublich“ und „verrückt“ purzeln ihr aus dem Mund. 

Das Jahr im Schnelldurchlauf: Im Januar schreibt Rost ihre Diplomarbeit in Politologie an der Uni Potsdam fertig, bastelt gleichzeitig an der Musikkarriere. Einen Plattenvertrag hat Laing bereits, jetzt muss das erste Album kommen. Tagsüber werkelt sie mit einem Orchester in den Studios an der Nalepastraße, acht Stunden Arbeit für vier Minuten Song. Nachts schreibt sie das Schlusswort für „Demokratietheorien in der Antike“.

Im März folgt eine Umbesetzung. Eine der vier Gründungsmitglieder will aussteigen, also sucht Rost ihren Freundeskreis nach Ersatz ab. Sie ruft Atina Tabiei Razlingh an, eine Schauspielerin mit Gesangserfahrung. Sie sitzen in der Küche, Nicola kocht Kaffee und fragt: „Hättest du Lust?“ Atina zögert nicht.

Nun müssen sich die vier Mädchen aufeinander abstimmen. „Ich habe große Spiegel zu Hause, vor denen haben wir stundenlang die Choreografien geprobt, bis sie saßen. Zu zweit, zu dritt, zu viert.“ Die Dielen knarren, zum Glück sind wenige Nachbarn tagsüber zu Hause, nicht so wie in den Nächten, als Nicola Ideen einsang, morgens um drei Uhr, und so manch einer im Schlafanzug klingelte.

Ein Studio muss her. An der Greifswalder Straße findet sie eines. Struktur kommt in ihr Leben. Sie hockt ständig am Computer, die Birken wiegen vorm Fenster in der dritten Etage. „Verpasse ich das Leben da draußen?“, fragt sich Nicola. Sie nimmt ab, geht nur raus, um Pizza oder Suppen zu essen, kommt zu spät heim, um einzukaufen. „Im Kühlschrank: ein paar Flaschen Bier und ein halbes Glas Pesto.“

Musik zu machen, das ist heute nicht so einfach. Die Vorschüsse sind niedrig, die Umsatzzahlen inzwischen auch. Floppt ein Album, ist der Künstler schnell seinen Vertrag los. Paradox: Mehr Menschen scheinen Musik zu hören, weniger können von ihr leben. Deshalb spinnt Nicola Rost im Frühjahr herum: „Eines Tages will ich beim Songcontest mitmachen.“ Laing bewirbt sich bei Brainpool, Stefan Raabs Firma, die das Ereignis organisiert, und hört erst mal nichts. Das Geld geht zur Neige. „Freunde und Familie haben mich durchgefüttert.“ Zwischendurch Auftritte: Kopenhagen im Juni, drei Uhr nachts, draußen, „arschkalt“, wie sie sagt. Auf einem Rave tanzen Hunderte, die Musik geht aus, Laing stehen auf der Bühne. „Wir kommen aus Berlin“, ruft Nicola. Die Masse grölt. Alles klar.

Im Juli sitzt sie im Zug von Frankfurt nach Berlin. Ihr Manager ruft an: „Wir treten bei Raab an – für Sachsen.“ Ein Bandmitglied ist in Dresden geboren. Um sich vorzustellen, tritt das Quartett erst mal bei Raabs Show „TV total“ auf. „Ich kam in das Studio und fühlte mich wie in einem Comic.“ Die Kulisse kennt sie, nun ist sie Teil der Illusion. Im Studio finden sie sich hölzern und unprofessionell, abends im Fernsehen sieht alles großartig aus.

Dann der große Tag: ein Freitag. Nach dem Auftritt schnappt sie sich zwei Flaschen Prosecco, andere Musiker gratulieren, und eine knappe Stunde später steht fest: Laing haben überzeugt, sie sind auf dem zweiten Platz hinter den als Favoriten gesetzten Xavier Naidoo und Kool Savas.

Und was passiert, wenn ganz Deutschland einen im Fernsehen erlebt? Eine Woche später schießt „Morgens immer müde“ in die Charts (aktuell: Platz 9). Die Tour in Berlin, Hamburg, Bremen ist ausverkauft, 500 Menschen jubeln Laing im Berliner Lido zu, singen mit, wie bei einer großen Familienfeier. Nicola denkt darüber nach, ihrer Mutter ein Shirt zu bedrucken: „Meine Tochter ist in den Charts.“ Im März kommt das Album. Bis dahin wird gearbeitet. Die Chance haben sie gehabt. Jetzt heißt es für Laing, darauf eine Karriere aufzubauen.

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