Zeitung Heute : Berliner Schlachtross

„Es ist auch ein Gefühlsproblem“, sagt einer, der in ihr seine Arbeit verrichtete – die „Wanne“ wird abgeschafft, der berühmte, in zahllosen Kämpfen malträtierte Mannschaftswagen der Polizei

Constanze Bullion

So ein Abschied zehrt natürlich an den Nerven, und Andreas Tondorf kann nicht ganz verbergen, dass ihn jetzt manchmal diese Wehmut beschleicht. Er braucht nur einzusteigen in so ein verbeultes Gefährt und zwischen den abgeschabten Sitzbänken zu stehen, dann läuft in seinem Kopf wieder dieser Film ab. Dann ist 1.Mai in Kreuzberg, draußen tobt der Mob, und drinnen im Mannschaftswagen brüllen die Kollegen. Weil es recht laut wird in so einem Steinhagel und weil sich womöglich wieder so ein Störer auf dem Wagenboden windet. „Es gibt ja viele, die wollen hier gar nicht rein“, sagt Tondorf. Bei ihm selbst ist das ja etwas anders.

Andreas Tondorf ist Schirrmeister der Polizeidirektion 4 in Berlin, ein Mann von kleiner Statur und dieser nussigen Gesichtsfarbe, die nur echten Polizisten vergönnt ist. Tondorf arbeitet in einer ehemaligen Weltkriegskaserne im Süden, in Lankwitz, hier kümmert er sich um die Wagenflotte, und wenn er gerade keine Lackbeulen überpinselt, beschäftigt er sich mit einem Vorgang, der den traurigen Namen „Aussonderungsverfahren“ trägt: Die „Wanne“, der berühmte und in zahllosen Schlachten malträtierte Mannschaftswagen der Berliner Polizei wird abgeschafft. Es ist das Ende einer Legende.

Nun hat nicht jeder Berliner nur schöne Erinnerungen an diese Legende und an die grün-weißen Ungetüme, die seit den 70ern durch die Straßen der Stadt rollen. Die „Wanne“, das ist eine Ikone, ein Symbol für das aufmüpfige, das chaotische, das kaputte West-Berlin. Wo der Wagen aufkreuzte, gab es meistens Ärger, denn aus dem breiten Hinterteil des Kastenwagens konnten jederzeit zwölf Uniformierte purzeln, die Verkehrssünder und andere Verbrecher energisch zur Ordnung riefen. Dass der Berliner Polizist und seine „Wanne“ nicht eben als zartfühlendes Gespann gelten, ist aber vor allem dem Mai zu verdanken, der aus dem Auto eine Festung gemacht hat.

Gitter vor den Scheiben, vor den Scheinwerfern, am Rückspiegel, Gitter an Nebelleuchten, am Kühler, ums Blaulicht. Der „Gru“, der Gruppenkraftwagen der Berliner Polizei ist ein einmaliges Sondermodell, mit praktischen Sitzbänken an den Seitenwänden, herrlich Platz für die Stiefel von zwölf Beamten und prima Halterungen für Helme, Schilde und Knüppel.

250 „Wannen“ gab es mal in Berlin, jetzt sind es noch 167, und jeden Monat verschwinden mehr. Der Mercedes 508 D wird nicht mehr gebaut, er gilt als unzeitgemäß und teuer. Und weil es der Bund ist, der die Einsatzfahrzeuge der Länderpolizeien finanziert, werden jetzt für alle Länder einheitliche „Halbgruppenfahrzeuge“ angeschafft. Die neuen Transportbusse sind kleiner und brauchen weniger Sprit, sie fahren nicht nur 80 und lassen sich ohne Spezialführerschein steuern. Dass sie auch noch Navigationssysteme haben, sorgt natürlich für Freude, sagt ein Polizeisprecher. „Wer fährt schon gern mit solchen alten Gurken rum?“

Andreas Tondorf druckst ein wenig herum, wenn man ihn fragt, wie er die neuen Wagen findet. Er sei mit den alten „sehr zufrieden“ gewesen, sagt er dann. „Wenn man so lange mit einem Fahrzeug zusammengearbeitet hat, gibt’s schon, naja, Gedanken an die eigene Vergangenheit.“ Er will jetzt nicht ins Detail gehen, schließlich steht Rainer Hoffmann vor der Wagentür. Der ist zuständig fürs Grundsätzliche im Fahrzeugwesen der Direktion und hat wenig übrig für Nostalgie.

„Die finanziellen Zwänge machen es erforderlich zu überlegen, wie man die Kollegen adäquat auf die Straße bringt“, sagt Hoffmann. Der neue Mannschaftswagen, ein Mercedes Sprinter, sei durchaus auch geeignet für die Berliner Einsätze, und dass er nicht so sicher sein soll wie die alte „Wanne“, sei ganz falsch. Die Frontscheibe immerhin könne man vergittern, sagt er, und dass in den neuen Wagen die Sitzbänke quer stehen, „macht definitiv keinen Unterschied“.

Es gibt Leute bei der Berliner Polizei, die das anders sehen. In einem Neubaukasten in Berlin-Zehlendorf faltet Bernhard Schmidt seine langen Beine unter einen Schreibtisch voll Papier. Schmidt ist 52 Jahre alt und ein fröhlicher Familienvater, der die Kreuzberger Mai-Schlachten mal in vorderster Reihe geschlagen hat und jetzt im Personalrat der Polizei sitzt. Schmidt kennt noch die Zeiten, als die Berliner Polizei auf der Ladefläche vorsintflutlicher Lastwagen zu Großeinsätzen gekarrt wurde. Da fror man im Winter und schwitzte im Sommer, und als der Deutsche Herbst kam und die Zeit des Terrorismus, da merkte die Polizei, dass sie überall zu spät kam. „Man musste“, sagt Schmidt, „die Einsatztaktik irgendwie den Gegebenheiten anpassen.“

Diese Zeit hat der Polizei zu einer ansehnlichen Fahrzeugflotte verholfen. 1974 war das, da fuhr Bernhard Schmidt zum ersten Mal in einem nagelneuen „Gru“ zur Maikundgebung. „Das war noch schön“, sagt er, „da haben wir im blütenweißen Verkehrspolizeimantel und mit Nelke im Knopfloch die Gewerkschafter geleitet.“ Sieben Jahre später saß er wieder im „Gru“. Doch die Stadt da draußen war eine andere geworden.

„Man ist da in diesen Mob reingefahren, und plötzlich knallte es an allen Ecken und Enden“, erzählt er. Die Scheiben seines Mannschaftswagen gingen zu Bruch, es kamen Pflastersteine herein, dann eine Gehwegplatte. „Ganz beschissen“ hat Bernhard Schmidt sich gefühlt, bis „diese ganze Chemie“ kam, die solche Krawalle auch für Polizisten erträglich macht.

Klar wurde da bisweilen kräftig reingedroschen, und es hat immer mal Kollegen gegeben, die im Jagdfieber ein wenig zu hart zugelangt haben, sagt Schmidt. Aber es gab auch Jahre, in denen die Polizei am 1. Mai „ununterbrochen auf der Flucht“ war. 1989 war so ein Jahr. Da war Schmidt Festnahmezugführer und sollte einen Hügel am Görlitzer Park stürmen. „Da hat der Störer gemerkt, dass wir nur wenige waren.“ Als sein Trupp von Steinewerfern umzingelt wurde, zog Schmidt die Waffe, brüllte „Rückzug“ und packte noch eine ohnmächtige Kollegin. Den Moment, als er wieder am Wagen war, hat er nicht mehr vergessen.

Und jetzt sollen die Kollegen in einem adretten Kleinbus ins Feld ziehen, bei dem nur die Frontscheibe vergittert ist? Bernhard Schmidt beugt sich weit nach vorn. „Das neue Fahrzeug als solches wird in seiner Gänze nicht angenommen“, sagt er. Wie sollen die Beamten „im gestreckten Sprung“ aus dem Wagen hechten, wenn sie sich erst von querstehenden Sitzreihen schieben und dann zur Seitentür rausschälen müssen?

Könnte doch sein, dass die Zeit der Straßenkämpfe vorbei ist und mit der „Wanne“ auch die Randale die Stadt verlässt, oder? Schmidt guckt skeptisch in die Ferne. Na ja, wird er irgendwann sagen, natürlich ist es irgendwie auch ein Gefühlsproblem. Es war ja nicht so, dass die Berliner Polizei sich geschämt hat, in Gorleben mit diesen zerschundenen Wagen aufzukreuzen und die Kollegen aus dem gutbürgerlichen Rest der Republik entsetzt die Augen aufreißen zu sehen. „Man hängt an den alten Dingern eben“, sagt er, „wie an seinem ersten Schmuseteddy.“

Während er das sagt, werden in Berlin wieder 18 „Grus“ ins „Aussonderungsverfahren“ geschickt. Man schraubt ihnen die Blaulichter ab, baut die Funkanlage aus, kratzt die Schrift vom alten Blech. Dann kommen sie zur Auktion. Die Wagen sollen reißenden Absatz finden. Vor allem in Kreuzberg.

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