Berliner Staatsoper : Der Vorhang zu …

Eine gute Oper hat drei Akte, dauert vier Stunden, und am Ende haben mindestes fünf Personen in sechs Arien länglich ihr Leben ausgehaucht. Aus der Perspektive eines Gesangsliebhabers bedeutet die Auswechslung des Projektsteuerers bei der Sanierung der Berliner Staatsoper also lediglich den Verzicht auf einen comprimario, einen Stichwortgeber.

Dem großen Ganzen, dem melodramma, geht dadurch wenig verloren. Schließlich sind die Protagonisten noch da, der Architekt HG Merz, der in der Alten Nationalgalerie so virtuos bewiesen hat, dass er das „Bauen im Bestand“ beherrscht, die Bauleitung, die am Ort die Arbeiten ganz konkret und greifbar überwacht, und nicht zuletzt die Handwerker, gewissermaßen die Chormitglieder, die dem historischen Gebäude mit Betonmischer oder Goldbronzepinsel zu neuem, altem Glanz verhelfen.

„Wurzn“ werden die Mini-Nebenrollen im Theaterjargon genannt, bei denen der Sänger nur „Ein Brief für die Königin“ schmettert und dann wieder verschwindet. Andererseits weiß man ja, dass die Überbringer schlechter Nachrichten gerne geköpft werden.

Zu den Aufgaben eines Projektsteuerers zählt laut der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure „ein rechtzeitiges Herbeiführen von Entscheidungen des Auftraggebers“. Beim Flughafen hatte die Firma Drees & Sommer frühzeitig in einem Gutachten erläutert, warum der Eröffnungstermin nicht zu halten sei. Und war wenig später von ihren Aufgaben entbunden worden.

Auch bei der Berliner Staatsoper gehört die genannte Firma zu den externen Dienstleistern der Senatsbauverwaltung. Sollte womöglich, so fragt sich der ja zumeist überdurchschnittlich fantasiebegabte Opernfan, auch in diesem Fall raunende Kassandra-Ruferei zur einvernehmlichen Vertragsauflösung geführt haben?

Noch hat kein Künstler der Staatsoper abgesagt, weil er im Schillertheater inszenieren, dirigieren oder auftreten sollte. Im Gegenteil: Selbst die Belegschaft weiß die Annehmlichkeiten der Ersatzspielstätte mittlerweile zu schätzen. Vom Besucher ganz zu schweigen. Der lehnt sich derweil entspannt zurück, genießt die Beinfreiheit, die lichte Eleganz, die Intimität des Ausweichquartiers – und findet insgeheim die Perspektive gar nicht so schlimm, notfalls noch ein paar Monate länger Daniel Barenboim in Charlottenburg zu lauschen.

Für den hohlen Zahn hinter der Plastikplanenfassade, also Apollos klassizistischen Musentempel Unter den Linden, gilt freilich weiterhin: der Vorhang zu und alle Fragen offen. Frederik Hanssen

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