Berliner Stadtreinigunbg : Die Aufräumerin

Vera Gäde-Butzlaff ist die Chefin der Berliner Stadtreinigung. Ihr Führungsstil: klar, kooperativ und manchmal knallhart. Ihr Ziel: ein sauberes Berlin.

Sabine Beikler

Die einen haben gute Laune, wenn sie aufstehen und die ersten Sonnenstrahlen sehen. Sie dagegen bekommt richtig gute Laune, wenn sie morgens aus dem Haus geht und viel Orange sieht: ein Straßenkehrer an der Ecke, ein großes Müllauto oder eine kleine Kehrmaschine. Je mehr sich orangene Tupfer im Straßenbild von Berlin verbreiten, umso zufriedener ist Vera Gäde-Butzlaff. Die Vorstandsvorsitzende der Berliner Stadtreinigung (BSR) ist sozusagen die personifizierte Corporate Identity des landeseigenen Unternehmens. Für sie, die sich als „richtiger Berlin-Fan“ beschreibt, gehört Orange zur Stadt wie für andere der Fernsehturm .

Nur 11,2 Prozent der Vorstandsmitglieder der öffentlichen Unternehmen sind Frauen, berichtete kürzlich Berlins Frauen- und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Vera Gäde-Butzlaff ist im BSR-Vorstandstrio nicht nur die einzige Frau. Sie ist noch dazu die Chefin des bundesweit größten Stadtreinigungsbetriebes mit einem Männeranteil von 85 Prozent. Bei der BSR arbeiten von den 5300 Mitarbeitern rund 4150 Beschäftigte in Orange – oder in den Anlagen und Werkstätten im Blaumann.

Berührungsängste hat die 54-Jährige nicht. Als sie im Februar 2007 den Vorstandsposten übernahm, ging sie mit auf Tour der Müllmänner, schob schwere Abfallcontainer und bekam so ein Gefühl für die körperlich harte Arbeit. „Am Anfang ist es wichtig, Akzeptanz bei den Mitarbeitern zu bekommen“, sagt sie und sitzt im klassischen Business-Kostüm in ihrem nüchtern eingerichteten Büro. Kein Schnickschnack auf dem Tisch, in einer Ecke eine Topfpflanze, an den Wänden hängen zwei überdimensionale Fotos aus einem Kalender mit Berliner Schauplätzen und optisch versteckten, natürlich orangenen BSR-Markenzeichen.

Noch Anfang der neunziger Jahre hatte die BSR mehr als 11 000 Mitarbeiter. Wie in anderen Unternehmen auch musste sich die Stadtreinigung einem harten Konsolidierungskurs unterziehen: Für Gäde-Butzlaff sind Ausdrücke wie professionelles Kostenmanagement, Effizienzmaßnahmen und Personalabbau keine Fremdworte. Wie viele ihrer männlichen Vorstandskollegen dirigiert sie aber nicht von oben nach unten, sondern legt großen Wert darauf, dass ihre Mitarbeiter über bestimmte Maßnahmen gut informiert werden. „Es muss gut begründet werden, warum was passiert. Damit baut man Vertrauen auf“, sagt sie. Man kann es sich gut vorstellen, wie sie in einem der fünf Regionalcenter, vier Betriebshöfe oder in einem der 15 BSR-Recyclinghöfe steht und mit ruhiger Stimme zu ihren Mitarbeitern spricht. Vera Gäde-Butzlaff weiß schon sehr genau, was sie will. Sie tritt bestimmt auf, hat einen gesunden Machtinstinkt, eiert nicht herum, sondern macht klare Ansagen. Sie lässt sich auch nicht von der Politik die Butter vom Brot nehmen und würde sich Einmischungen in geschäftliche Entscheidungen verbitten. Sie betont, dass die Zusammenarbeit mit „der Politik“, auch in Person des Wirtschaftssenators Wolf, der BSR-Aufsichtsratschef ist, sehr gut ist. „Die Politik“ kennt sie auch von innen: Nach ihrem Jurastudium in Berlin arbeitete die gebürtige Niedersächsin als Regierungsrätin in der Berliner Innenverwaltung unter Senator Heinrich Lummer, wechselte als Richterin zum Verwaltungsgericht, wurde 1994 Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder), wechselte wieder 1998 als Ministerialdirigentin ins Magdeburger Umweltministerium. 2001 wurde sie für die SPD parteilose Staatssekretärin, musste nach der verlorenen Landtagswahl für die SPD nach nur zehn Monaten ihren Stuhl wieder räumen. Anfang 2003 wurde sie BSR-Vorstandsmitglied.

Gleich mehrmals brach Vera Gäde-Butzlaff die sichere Beamtenlaufbahn ab. Wenn sie das Gefühl hat, die Arbeit könnte sie ansatzweise langweilen, agiert sie sehr konsequent und schaut sich lieber nach einer anderen Tätigkeit um. Sie arbeitet gern und viel, Zwölf- und Dreizehn-Stunden-Tage sind bei ihr die Regel. Doch das reine administrative Verwalten ist nicht ihr Ding. Auch als Vorstandschefin ist sie weiterhin für den operativen Bereich zuständig. „Ich löse gern aktuelle Probleme. Bei mir steht die Praxis im Vordergrund“, sagt sie. Vielleicht ergänzt sie sich deshalb so gut mit ihrem Ehemann, der als Philosoph, Lehrer und Autor gern zuhause arbeitet. Während sich andere über die Rollenverteilung streiten, war das bei Butzlaffs kein Thema: Der Mann arbeitete daheim und kümmerte sich früher um die heute 19-jährige Tochter.

Vera Gäde-Butzlaff lebt gern in Berlin, freut sich, dass sie in einem „typischen“ Berliner Unternehmen arbeitet und sieht viele Perspektiven für die Stadt. „Der Sog nach Berlin hält weiter an“, ist sie überzeugt. Vor allem die Technologieszene wachse und tue der Stadt wirtschaftlich sehr gut. Auch die BSR habe sich „zu einem Unternehmen entwickelt, in dem die Verwertung und Rückführung von Abfallstoffen in den Wirtschaftskreislauf“ eine zentrale Rolle spielten.

Das praktiziert die BSR-Chefin auch privat: Sie trennt Müll in Papier, Glas und Bioabfall. Und kann sich dann schon wieder auf den orangefarbenen Anblick der BSR-Müllmänner vor der Haustür freuen.

Ich bin ein großer Berlin-Fan. Die Chance der Stadt ist ihre Vielfalt – die unterschiedlichen Stadtgebiete, die Menschen aus vielen Nationen, die hier leben und damit verbunden die einzigartigen kulturellen Möglichkeiten. Die Entwicklung der Wissenschaftslandschaft, eine zunehmende Zahl sehr lebendiger und innovativer kleiner Unternehmen und der Aufbau der Technologie- und Medienwirtschaft bieten weitere Chancen für Berlin.“ Vera Gäde-Butzlaff, BSR-Vorstandsvorsitzende 

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