Berliner Zeitung : Ein Blatt im Wind

Die Turbulenzen sind heftig bei der "Berliner Zeitung". Weil der Besitzer mehr Gewinn fordert, soll es Kündigungen im großen Stil geben. Leser und Angestellte wollen wissen, wie es weitergeht. Sie bekommen keine Antworten.

Christian Meier Sonja Pohlmann
Berliner Zeitung
Unruhe hinter der Kulisse. Das Gebäude der "Berliner Zeitung" am Alexanderplatz. -Foto: Kleist-Heinrich

Er wollte sich diesen Mann einmal ansehen, von dem er sagt, dass er ihm morgens immer öfter das Frühstück verdirbt. Er wollte ihm sagen, dass er sich das nicht länger gefallen lassen würde und dass schließlich auch er Macht besitzt. Und jetzt ist dieser Mann einfach nicht gekommen. Er hat Hartmut Bäumer genauso sitzen lassen wie all die anderen Menschen, die sich am Montagabend ins Café der „tageszeitung“ an der Berliner Rudi-Dutschke- Straße quetschen, weil sie Josef Depenbrock sehen wollten, den Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ und Geschäftsführer des Berliner Verlags, in dem die Zeitung erscheint.

Bascha Mika, „taz“-Chefredakteurin, hatte Depenbrock vergangene Woche hierher eingeladen. Sie wollte mit ihm diskutieren, über „Unabhängigkeit contra Renditesteigerung“. Über Depenbrocks Zusage hatte sie sich selbst gewundert, denn er spricht so gut wie nie in der Öffentlichkeit, nicht über seine Doppelrolle als Geschäftsmann und Journalist, nicht über die von ihm umzusetzenden Sparpläne, nicht darüber, welches publizistische Gewicht der Berliner Verlag in Zukunft haben soll. Er spricht auch kaum mit seinen Angestellten darüber. 150 von 930 Stellen will Depenbrock deutschlandweit in der BV Deutsche Zeitungsholding streichen – der Muttergesellschaft des Berliner Verlags. Allein in der Redaktion der „Berliner Zeitung“ soll jeder dritte der zurzeit 130 Mitarbeiter gehen.

Und jetzt ist dieser Mann einfach nicht gekommen. Jetzt ist es wie so oft in den letzten Monaten. Depenbrock spricht nicht, nicht mit Diskussionspartnern und nicht mit seinen Lesern, dafür spricht man über ihn. Es scheint so, als sei dies das einzig Berechenbare an ihm.

Wenige Stunden vor Beginn der Diskussion hatte Depenbrocks Sekretariat eine Absage an Mika gefaxt. Er sei unter anderen Vorzeichen zu der Runde eingeladen worden, ließ er darin mitteilen. Persönlich war er nicht mehr erreichbar, die Mailbox im Handy schaltete sich automatisch ein.

Hartmut Bäumer, im übervollen „taz“-Café sitzend, sagt, dass er schon jetzt merke, wie die Qualität seiner Zeitung leidet. Wie die Unsicherheit der Angestellten und die Sprachlosigkeit des Chefs durchschlage auf deren Arbeit. Neuerdings findet er die Namen seiner Lieblingsjournalisten nicht mehr, sagt er. Die Texte gefallen ihm immer seltener. Er wollte Depenbrock am Montag drohen, bald sein Abonnement zu kündigen, wenn es so weitergeht.

Wird es so weitergehen? Wird die Redaktion der „Berliner Zeitung“ tatsächlich auf zwei Drittel ihrer bisherigen Größe schrumpfen? Werden Berlins Leser eine gute Zeitung verlieren und der Tagesspiegel einen Konkurrenten – die Konkurrenz der beiden Zeitungen für sich genommen war ja schon ein Garant für deren Qualität? Josef Depenbrock spricht nicht. Wer Antworten sucht, der muss in die Niederlande fahren.

Eine Kuh steht verloren vor einem beigefarbenen Klinkerbau. Auf ihrem Metallfell sind Zeitungstexte collagenartig aufgedruckt. Die aufgemalten Augen blicken stoisch in die Gegend hinein. Auch sonst geht es ruhig zu auf dem Firmengelände von Wegener NieuwsMedia in Apeldoorn, dem größten Verlag von Regionalzeitungen in den Niederlanden. Kaum ein Mensch ist vor den Flachbauten zu sehen. Und vor allem gibt es hier keine Protestfahnen, keine Mahnwachen, keine aufgebrachten Zeitungsmitarbeiter. Das hätte man sich anders vorgestellt.

Wegener NieuwsMedia gehört mehrheitlich – genauso wie die BV Deutsche Zeitungsholding – der Mecom Group plc. mit Sitz in London. Auch bei Wegener sollen Jobs gestrichen, soll die Rendite erhöht werden. Die Mecom Group ist kein Verlag. Sie ist eine Finanzinvestitonsfirma. Ihr Daseinszweck ist die Geldvermehrung.

Vor einem Monat hatten die Chefredakteure der sieben Wegener-Tageszeitungen einen Brief an ihre Chefs geschrieben. Darin standen Sätze wie: „Wir haben große Sorgen, was die augenblickliche Situation bei Wegener und die Zukunft unserer Verlage angeht.“, „Die Politik der konstanten Kosteneinsparungen betäubt unsere Angestellten.“, und: „Wir verfeuern unser soziales Kapital.“ Deutlicher können Chefredakteure ihren Verlegern gegenüber kaum werden. Kurze Zeit nach seiner Übermittlung wurde der Brief öffentlich. Und sandte ein Signal an die Zeitungsbranche nicht nur in den Niederlanden. Schlimm musste es stehen um die Wegener-Publikationen.

Dem Brief waren drei Zahlen vorausgegangen, die den Mitarbeitern von ihren Chefs mitgeteilt worden waren: 20, 35 Millionen und 400. Die erste Zahl steht für die gewünschte Rendite – 20 Prozent vom Umsatz – die das Unternehmen Wegener künftig erzielen soll. Die zweite für die Summe an Einsparungen. Die dritte für die Vollzeitstellen, die gestrichen werden sollen. 4000 Mitarbeiter hat Wegener insgesamt.

Durch die Eingangshalle des Verlags kommt schnellen Schritts ein hochgewachsener Mann. „Hallo, ich bin Alex“, sagt Alex Engbers, Chefredakteur der Zeitung „de Stentor“. Sein Name stand als Kontaktadresse auf dem Briefkopf der Protestnote. Der 49-Jährige ist Sprecher der Wegener-Chefredakteursrunde. Dunkler Krauskopf, kleine Brille – Engbers wirkt weniger wie ein Rädelsführer, sondern wie ein freundlich-junggebliebener Oberstudienrat. Seit 16 Jahren ist er bei Wegener angestellt, fünf Jahre davon als Chef von „de Stentor“, einer Zeitung im Kleinformat und mit einer Auflage von 140 000 Exemplaren. Der Name stammt aus der griechischen Mythologie und steht für einen Mann, der mit einer Stimme „wie hundert Männer“ spricht.

Den Entschluss, einen Protestbrief an die Eigentümer von Wegener zu schreiben, habe er gemeinsam mit seinen sechs Chefredakteurskollegen getroffen, erzählt Engbers in seinem Büro einen Stock höher. Alle sollten ihn unterzeichnen. Hätte er es nur allein getan, wäre das für ihn persönlich zu riskant und die Wirkung zudem nicht groß genug gewesen: „Schließlich geht es um das Wesen des Verlags.“ Um die Zeitung, ein „Kulturgut“ einer demokratischen Gesellschaft, werde ein existenzieller Kampf zwischen Journalisten und den Vertretern des Geldes geführt. Das Geld müsse erkennen, sagt Engbers, dass Zeitungen einen Wert haben, der sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt.

Man werde gegen die Pläne des Managements streiken, wenn nicht von dem Renditeziel abgerückt werde, hieß es bald nach Bekanntwerden der Pläne in großen Teilen der Belegschaft. Eine Arbeitsniederlegung von Redakteuren hatte es in den Niederlanden zuletzt vor 20 Jahren gegeben. Die Bezahlung ist ordentlich, ein Redakteur verdient durchschnittlich 4200 Euro im Monat. Doch die Belastungen hätten in der letzten Zeit zugenommen, eine Reihe von Kollegen seien durch Krankheiten, manche davon schwer, ausgefallen. „Meine Leute haben nicht mehr das Gefühl, zu den Gewinnern zu gehören“, sagt Engbers.

Einer von diesen Leuten ist Peter Leunissen. Er sieht aus wie ein Ringkämpfer, er ist klein, massig und muskulös. Ein breites Kreuz braucht der 50-Jährige, denn er berichtet für seine Zeitung über die Proteste gegen Mecom. „Viele haben das Gefühl, dass es jetzt genug ist“, sagt Leunissen. Schon seit Jahren – noch bevor Mecom bei Wegener einstieg – sind Stellen im Konzern gestrichen worden, in manchen Redaktionen arbeiten immer weniger Kollegen, die immer mehr Seiten produzieren müssen. Die Mecom-Pläne seien nun eindeutig zu viel. „Der Schwung ist bei vielen raus.“

Für seine Arbeit bekommt Leunissen viel Lob, sagt er, mitunter aber auch Kritik von Kollegen, die finden, dass interne Angelegenheiten nicht in die Öffentlichkeit gehören. Ist es unredlich, den Vorteil auszunutzen, in einer Zeitung zu arbeiten, die eigene Misere also öffentlich machen zu können? „Einer muss es machen“, sagt Leunissen. „Auch wenn das für meine Karriere vielleicht nicht so gut ist.“

Als seine Angestellten die Streikdrohung ausgesprochen hatten, musste Wegener-Chef Joop Munstermann seinen Urlaub in Italien unterbrechen und zurück nach Apeldoorn eilen. Munstermann ist erst seit wenigen Wochen im Amt, zuvor hatte er die Gratiszeitungen des Konzerns aus einem Defizit zu einem Plus von fast 27 Millionen Euro innerhalb weniger Jahre geführt. Chefredakteur Engbers spricht von Munstermann mit einer Mischung aus Distanz und Bewunderung. Auch Mecom-Chef David Montgomery – Herr über 300 Zeitungen in fünf europäischen Ländern – flog aus London an, um sich dem Gespräch mit den Mitarbeitern zu stellen.

Am Ende der vergangenen Woche wurde der geplante Streik abgesagt, ein Plakat, auf dem „The Killing Fields of Mecom“ in Anlehnung an die Massenmorde in Kambodscha stand, vom Verlagshaus abgenommen. Bis zum 1. September soll nun darüber verhandelt werden, welches Renditeziel offiziell gelten soll. „Wir haben Zeit gekauft“, sagt Engbers. Trotzdem sei damit zu rechnen, dass es zu keiner Einigung kommt. „Es geht um das Überleben der Zeitung und das Überleben von Montgomery.“ Engbers ballt beide Fäuste zusammen und hält sie gegeneinander. Das soll bedeuten, dass sich beide Ziele womöglich ausschließen.

Er habe David Montgomery drei Mal getroffen, erzählt Engbers. „Endlich ein Manager, der uns versteht“, habe er anfangs gedacht. Denn das Lieblingsthema Montgomerys sei die Zukunft der Zeitung im Internet. Er habe die richtigen Fragen gestellt und zugehört. „Das Problem sind nicht Montgomerys Ideen, die unterschreibe ich“, sagt Engbers. „Das Problem ist Montgomerys Finanzpolitik. Denn wieso glaubt er, dass 20 Prozent überhaupt zu schaffen sind, wenn der Durchschnitt seiner Verlage gerade einmal 12 Prozent schafft?“

Bereits jetzt liegt der Anteil des betriebswirtschaftlichen Ertrags von Wegener bei 15 Prozent vom Umsatz, der im vergangenen Jahr etwa 550 Millionen Euro betrug. „Wir sind schon sehr schlank aufgestellt“, sagt Engbers. „Mean and lean“, sagt er auf Englisch. Unter Zeitungsmanagern ist „mean and lean“ eine Lieblingsformel.

Gelegentlich springt Engbers, der Fußball liebt und darum in der ganzen Redaktion Fotos von Turnieren seiner Zeitungsmannschaft aufgehängt hat, mitten im Gespräch von seinem Stuhl auf und geht zu einer Landkarte der Niederlande, auf der er das Verbreitungsgebiet vom „Stentor“ zwischen den Städten Apeldoorn, Dewenter und Zwolle zeigt. Er habe zwei Jahre gebraucht, um seine Region zu verstehen, sagt Engbers. Montgomery dagegen habe gar keine Zeit. Für ihn gebe es nur die drei Zahlen: 20, 35 Millionen, 400. „Er ist zu schnell“, sagt Engbers. Und: „Ich versuche, das zu verstehen.“

Allein für Wegener hat die Mecom Group etwa 800 Millionen Euro bezahlt. Finanziert werden die Mecom-Beteiligungen von Krediten, und diese Kredite müssen in nicht allzu ferner Zukunft zuzüglich Zinsen zurückgezahlt werden. Der größte Teil des Geldes ist im Jahr 2012 fällig. So lange ist das Unternehmen hoch verschuldet. Und spätestens bis dahin müssen Montgomerys Manager die Renditen auf die gewünschte Höhe gebracht haben.

Bei Wegener haben sie also zumindest „Zeit gekauft“, die Chefredakteure haben protestiert und ihren Protest öffentlich gemacht, sie reden mit ihren Angestellten, und einen davon lassen sie über die Lage ihrer Zeitungen schreiben. Sie haben mit Streik gedroht.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zum Berliner Verlag und zu Josef Depenbrock. Vielleicht kann Chefredakteur Depenbrock schon allein deshalb all diese Dinge nicht tun oder befördern, weil sie sich gegen ihn selbst richten würden, gegen den Depenbrock, den Geschäftsführer. Vielleicht ist der alleinige Grund für sein Schweigen diese Doppelrolle.

Im Café an der Rudi-Dutschke-Straße sitzt Daniela Vates und zuckt nur mit den Schultern. Sie ist Redakteurin und Betriebsrätin bei der „Berliner Zeitung“, letzte Woche hatte sie sich von ihrem Chef extra die Genehmigung dafür geholt, hier mitzudiskutieren. Depenbrock wusste also schon damals genau, dass es an diesem Montagabend ausdrücklich um die Situation in seiner Zeitung und nicht um journalistische Unabhängigkeit allgemein gehen sollte.

Depenbrocks Stuhl auf dem Podium indes bleibt nicht leer. Armin Rott sitzt jetzt dort, Medienökonom und Professor an der Hamburg Media School und der Bauhaus-Universität-Weimar. „Zeitungen sind keine Schrauben oder keine Joghurtbecher“, sagt er. Er findet es seltsam, dass ein Finanzinvestor wie David Montgomery seine Renditephantasien ausgerechnet auf dem Zeitungsmarkt befriedigen will.

Die „taz“-Chefin Bascha Mika nickt, dabei sei auch sie auf Rendite aus. „Aber auf eine publizistische“, sagt sie. Auch sie fährt einen straffen Sparplan, denn die „taz“ wirft kaum Gewinn ab. Sie gehört zu keinem großen Verlag, sondern wird von knapp 8000 Mitgliedern einer Genossenschaft finanziert. Die 130 Redaktionsmitarbeiter werden deutlich unter Tarif bezahlt. „Wir verdienen mies, aber es ist unsere Zeitung, und die Leser merken, dass uns die Arbeit Spaß macht“, sagt Mika.

Hartmut Bäumer will auch endlich wieder Freude an seiner Zeitung haben. „Wie kann ich Ihnen am besten helfen?“, fragt er Daniela Vates. Sie rät von einer Abokündigung ab. Das mache doch alles nur noch schlimmer. „Bitte bleiben Sie bei uns“, sagt sie.

Doch Bäumer will irgendetwas tun. Nach der Veranstaltung sprechen ihn zwei andere Leser der „Berliner Zeitung“ an. Sie überlegen jetzt, sich zu einem Netzwerk zusammenzuschließen. „Wenn 20 000 Abonnenten mit einer Kündigung drohen, muss das Depenbrock doch beeindrucken“, sagt Bäumer.

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