Zeitung Heute : Berlinern lernen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Beim Klamottenkauf schwöre ich auf Größe „large“. Nur bei Anzügen funktioniert der Trick nicht. Da suchte ich neulich verzweifelt bei Größe 92 herum. Der Verkäufer schickte mich in eine andere Ecke des Ladens: „Dit hier is nur für jroße Schlanke“, sagte er.

Wie ich den Berliner Charme liebe! Vielleicht habe ich eine masochistische Ader? Nein, ich glaube, meine Begeisterung liegt eher an der Berliner Mundart. Ich würde gerne auch so großstädtisch sprechen können. Mein Super-Onkel Claus hat zu seinen Berlinzeiten erstklassig berlinert. Inzwischen lebt er wieder in Ettlingen und schwäbelt. Dumm gelaufen! Immerhin gehört Claus zu den Begnadeten, bei denen es nicht so sehr stört, wenn sie seltsam reden. Positive Ausstrahlung kann Dialekte und Akzente in den Hintergrund drängen. Darüber bin ich glücklich, denn viele meiner Berliner Freunde finden meinen Basler Tonfall – sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Dabei ist es doch lobenswert, wenn jemand solche Dinge überhaupt noch beherrscht. Katharina aus München sagt, selbst in Bayern reden die Kinder kaum mehr Bayerisch. Dafür können sie alle fließend Denglisch. Wie uncool, diese Computerkids!

Berlin darf nicht Chicago werden! Ich mag die Berliner Leitkultur und will mich assimilieren. Ich habe mir das Langenscheidt-Wörterbuch „Lilliput Berlinerisch“ gekauft und weiß schon, dass wenn wir Basler „Odrrr?“ schnarren, der Berliner weltmännisch „Wa?“ sagt. Mit kurzem A.

Berlinern ist eine Herausforderung. Aber Integration fängt mit der Sprache an, wa? Immerhin 384 Seiten mit rund 5000 Stichwörtern umfasst mein Lilliput. Der Wortschatz ist jedoch nicht das Hauptproblem beim Berlinern. Schwerer ist die Grammatik. „Ick hab mir nich’ entwickelt in der Ehe“, hörte ich neulich jemanden in der Kneipe klagen. In Berlin spielt der Dativ offensichtlich eine wichtigere Rolle als überall sonst auf der Welt.

Gelernt habe ich darüber hinaus, dass der Begriff „Charlottenburger“ nicht etwa ein Buletten-Sandwich bezeichnet, sondern eine zweifelhafte Substanz, die aus der Nase stammt. Ein Glück, dass ich so etwas noch nie bestellt habe!

Lilliput Berlinerisch, 384 Seiten, rund 5000 Stichwörter und Redewendungen, 2,95 Euro.

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