Berlinische Galerie : Wenn die Trümmer torkeln

Die Berlinische Galerie beherbergt bedeutende Sammlungen mit Kunst, die in der Stadt entstand: Dadaisten, Konstruktivisten, Realisten sind hier zu Hause.

Annabelle Seubert

Berlin auf 4600 Quadratmetern. Die Hauptstadt ist Thema der Berlinischen Galerie. Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur vereint Maler, die hier geboren, und Fotografen, die hier gestorben sind. Es stellt Dadaisten neben Kubisten, Skulpturen neben Gemälde und wechselnde Ausstellungen neben Dauerausstellungen. Wir stellen fünf Sammlungen des Hauses vor.

Hannah Höch

Bei Hannah Höch kommen die Journalisten nicht gut weg. Einer hat eine kolossale Nase, einer ein mächtiges Ohr, einer riesige Augen. Wie Spione sehen sie aus, hinterhältig und gierig, stets versucht, mit ihren enormen Sinnesorganen jede Information in sich aufzusaugen. „Die Journalisten" ist eine großartige Collage, für welche die Künstlerin ihr eigens erfundenes Prinzip der Fotomontage auf die Malerei übertrug. Als einzige Frau im Berliner Club Dada rebellierte sie gegen die Normen von Kultur und Gesellschaft, zelebrierte dadaistische Parolen – „Nieder die bürgerliche Geistigkeit!“, „Nieder die Kunst!“ – und sammelte haufenweise Schlagzeilen und Fotos. Skurril angeordnet, stellte Höch damit ironische Zusammenhänge her.

Die Berlinische Galerie präsentiert Hannah Höch in ihrer Vielfalt. Gibt sie sich mit dem einen Werk als Kämpferin, wirkt sie mit dem anderen wie ein kleines Mädchen. So wirkt „Die Braut (Pandora)“ – 1924/27 als eines ihrer bekanntesten Bilder entstanden – über ihre Hochzeit wenig erfreut, der Kopf, der aus ihrem weißen Kleid ragt, ist der eines Babys. Im Glaskasten sitzen ihre „Dada-Puppen", die unbekümmert ihre Stoffbeine baumeln lassen und große Knopfaugen machen. Hannah Höch, 1978 in Berlin gestorben, hat der Hauptstadt einen Schatz hinterlassen. Neben Raoul Hausmanns Archiv trägt ihres dazu bei, dass die Berlinische Galerie die größte Sammlung zum Berliner Dadaismus besitzt. Höch sammelte so viel, dass die Kuratoren 15 Jahre und drei dicke Doppelbände brauchten, um ihre Postkarten, Sprüche und Zeitungsschnipsel zu veröffentlichen.

Naum Gabo

Dass Pappe dermaßen menschlich wirken kann, grenzt an ein Wunder. „Konstruktiver Torso“ klingt nach Linien, Formen, Mathematik. Stattdessen ist es ein Halbkörper aus braunem Karton, abstrakt, kubistisch. Und doch hat er etwas Weiches, wie er sich so weit nach links lehnt, einen Arm über den Kopf legt, den anderen ausstreckt. Der russische Avantgardekünstler Naum Gabo hatte 1922, als er nach Berlin kam und zehn Jahre blieb, genug von den massigen Skulpturen aus Marmor oder Bronze. Er wollte Luft, Energie, Bewegung. Sein Torso von 1917/18 experimentiert mit dem Raum, greift in ihn hinein, durchstellt ihn. Er spielt mit dem Licht, das er in den Fugen seiner Formen gefangen hält, das nur an manchen Stellen auftaucht.

Gabo verfasste das „Realistische Manifest“, um die Kunst zu radikalisieren, perfektionieren, präzisieren. Und hielt sich selbst daran. Seine „Raumkonstruktion: Vertikal“ ist ein luftig-leichtes Konstrukt, das bei aller Fragilität standhaft scheint, obwohl die Glasscheiben nur von ein paar Messingplättchen gehalten werden. Genauer: wie ein Fächer um ein paar Messingplättchen ausgebreitet werden.

Die Berlinische Galerie besitzt mit Werken von El Lissitzky, Iwan Puni oder Alexander Rodtschenko eine große Sammlung osteuropäischer Künstler. Ihr gehört die zweitgrößte Gabo-Sammlung weltweit. Auch das grenzt an ein Wunder. Sechzig Jahre waren viele von Gabos Kunstwerken verschwunden. Er selbst hatte keinen Schimmer, wo man suchen sollte. Irgendwann, der Künstler war bereits tot, fand man sie auf dem Dachboden seines späteren Atelierhauses in Connecticut – zerlegt in sämtliche Einzelteile. Da fing sein Assistent zu basteln an.

Otto Dix

Das Gesicht eingefallen, die Augen glasig, der Ausdruck resigniert. Als sei ihm das Leben langsam und schmerzhaft entwichen, steht er in der Ecke einer Dachkammer. Mit zu weitem Anzug und zu großen Händen. Abgestellt. Weggeworfen. „Der Dichter Iwar von Lücken“, von dem Krieg ausgezehrt, durch die Inflation verarmt, war ein beliebtes Künstlermotiv. Otto Dix porträtierte den adligen Poeten auf besondere Art. Er zog ihn groß auf, ließ ihn auf einer zwei Meter zwanzig hohen Leinwand gewaltig wachsen, über den Kopf des Betrachters hinwegschauen. Trotzdem wirkt der Dichter schmächtig. Die Haare sind längst ergraut, die Sorgenfalten tief, die Schultern schlaff. Mit der linken Hand muss er sich an einem Stuhl festhalten, darauf stehen zwei hellgelbe Rosen – statt in einer Vase in einer Bierflasche. Mit der Rechten scheint der Dichter mit einer hilflosen Geste seinen Zustand entschuldigen zu wollen. Es hilft nichts. Er bleibt ein Bild des Jammers.

Otto Dix, der freiwillig in den Ersten Weltkrieg zog, kehrte 1919 ernüchtert nach Dresden zurück. Die Fronteinsätze hatten ihm die grausame Seite der Welt gezeigt, die er niemals beklagen, immer aber bezeugen wollte. Schonungslos schlägt er dem Betrachter darum die Realität entgegen, desillusioniert knallt er ihm verlorene Seelen vor die Füße. Dix’ deftige Kriegskrüppel- und Bordellszenen, vor allem aber das millionenschwere, 1986 erworbene Dichter-Gemälde gehören zu den Höhepunkten der Neue Sachlichkeit-Sammlung der Berlinischen Galerie, zu der ferner George Grosz, Rudolf Schlichter, Christian Schad und Ernst Neuschul gehören.

Heinrich Zille

Unverschämt ist es, „Zille sein Milljöh“, unverschämt lustig. Heinrich Zille konnte Berlin karikieren, und wie! Die schmutzigen Randgebiete, die fiesen Gören, die tratschenden Frauen, die derben Witze. Die Unterschicht hatte er sich für seine Zeichnungen ausgesucht, das wahre Leben beobachtet – und damit bei sozialkritischen Blättern großen Erfolg. Was 1967, knapp vierzig Jahre nach seinem Tod erst herauskam: Zille war auch Fotograf. Mehr noch: Er war wahrscheinlich der erste Großstadtfotograf Deutschlands.

Keine einzige Aufnahme hat er veröffentlicht. Was aus heutiger Sicht umso spannender ist. Denn Zille blieb sich treu. Die eleganten Damen, die hübschen Pferdekutschen, die prunkvolle Architektur – all das interessierte ihn nicht. Er lichtete Jahrmärkte, Rummelbuden und Müllkippen ab. Dürre Wiesen, auf die achtlos Eimer und Dosen geworfen wurden. Frauen in Schürzen, tief gebückt, die einen Wagen voll schwerer Säcke hinter sich herziehen. Und doch unterscheiden sich Heinrich Zilles Fotografien von seinen Karikaturen in einem entscheidenden Punkt. Sie sind leise.

Würdevoll und ehrbar führt Zille das Einfache in schmucklosen Schwarzweißbildern vor. Die Berlinische Galerie besitzt beinahe alle seine Aufnahmen.

Werner Heldt

Der Melancholie verfallen. Der Depression und dem Alkohol. Dabei nannte er ausgerechnet Zille sein frühes Vorbild! Werner Heldt war oft und lange krank, die Traurigkeit seine Kraft. Wenn er nach Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft aus seinem Berliner Fenster blickte, muss er eine Menge ausgebombter Häuser und Brandwände gesehen haben. Denn in seinen Gemälden und Zeichnungen starren den Betrachter dunkle Fensterhöhlen an, aus Gebäuden, die sich aneinander reihen, miteinander verschachteln, zugleich gegeneinander abgrenzen. Oft setzt er die Außenwelt mitten in die eigene Wohnung. Dann verschwinden alle Ebenen, Vorder- und Hintergründe, die Fensterbank fungiert als Baustein, auf den Heldt das gegenüberliegende Haus schichtet. Nur eine scharfe Kontur deutet noch an, wo etwas anfängt und aufhört.

„Berlin liegt am Meer“ hat Werner Heldt, 1904 in der Hauptstadt geboren, oft gesagt. Auch sein gemaltes Berlin scheint zu schwanken, manchmal so stark, als könnte es kentern. Dann geht es wieder ruhig zu, wie in „Sonntagnachmittag“ von 1952, wo bloß zwei große Noten den Ton der Stadt angeben. Heldt gehört mit Hans Uhlmann, Alexander Camaro und Heinz Trökes zu den wichtigsten Vertretern der Nachkriegskunst in der Berlinischen Galerie. 

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