Berlins BER und Stuttgarts S 21 : In der Rauchfalle

Die Initiative „Rauchfreier Bahnhof“ hat nach den Metropolen auch die ländlichen Regionen erobert, in denen manche Stationen aussehen wie Kulissen einer Doku über den mühsamen Wiederaufbau Nachkriegsdeutschlands. Einzige Farbtupfer in diesen Arrangements sind neben den gelben Rauchfrei-Schildern die oft mit Zigarettenwerbung beklebten Tafeln, deren Botschaft unterm Strich lautet: „Rauchen kann tödlich sein.“

Am besten, man fängt gar nicht erst damit an. Doch solchen Rat mag die Mutter dem Kinde geben, nicht aber der Ingenieur seinem Baby, wenn es beispielsweise BER heißt und ein richtiger Flughafen werden will, wenn es mal groß ist. Oder S 21 und ein Bahnhof. Die beiden teuersten Infrastrukturprojekte Deutschlands (wenn man die ICE- U-Bahn ausklammert, für die die Bahn seit Jahren den Thüringer Wald und Oberfranken perforiert) haben neben ihren zehnstelligen Kosten und der gedämpften Vorfreude in ihrer Nachbarschaft jetzt eine weitere Gemeinsamkeit, nämlich ein Entrauchungsproblem. Ein jetzt bekannt gewordenes Gutachten bezeichnet das Brandschutzkonzept für den Stuttgarter Tiefbahnhof als „nicht funktions- und genehmigungsfähig“: Die Evakuierung im Falle eines Brandes dauere zu lange, der Qualm sei schneller da als die Leute weg. Nebenbei hat die Bahn mit dem von ihr selbst beauftragten Gutachten den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zur Weißglut gebracht: „Und ich erfahr’ das aus der Zeitung!“, tobte er gestern am Rande einer Plenarsitzung im Stuttgarter Landtag. In einem Brief an Bahnchef Rüdiger Grube fordert der Grüne nun umfassende Aufklärung samt Kostenprognose. Grube wird demnächst einen Schreibtag einlegen müssen, um die Kladde mit den Ministerpräsidentenbeschwerden wegzuarbeiten. Bekanntlich hat er bereits Anfang dieser Woche Post von Klaus Wowereit bekommen, weil dem Berliner Regierungschef die Bockbeinigkeit der S-Bahn beim Thema Videoüberwachung gegen den Strich geht.

Der Projektsprecher von Stuttgart 21 ließ wissen, die Bahn bagatellisiere das Gutachten nicht, aber man müsse es auch nicht dramatisieren. Die Gegner wittern dagegen eine „Rauchfalle“: Mit der derzeit geplanten Architektur sei gar kein vernünftiges Brandschutzkonzept für den Tunnelbahnhof machbar.

In die Geschichtsbücher/-pads wird das 21. Jahrhundert wohl als die Epoche der schwer zu entrauchenden Prestigeprojekte eingehen. Im Gegensatz zu Berlin mit seinem BER- Mahnmal hat Stuttgart allerdings den Vorteil, dass der Bahnhof noch nicht gebaut ist. Stefan Jacobs

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