Zeitung Heute : Berlins Kinoarchitekt der Fünfziger

Architekt Gerhard Fritsche baute in Berlin den Zoo Palast und 16 weitere Kinos. Foto: Dr. Bodo Fritsche, Mülheim
Architekt Gerhard Fritsche baute in Berlin den Zoo Palast und 16 weitere Kinos. Foto: Dr. Bodo Fritsche, Mülheim

Wie an keinem anderen Ort in Deutschland rieben sich die politischen Systeme nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin. Der Wettstreit wurde – natürlich – auch auf dem Feld der Architektur ausgetragen. So ist es kein Zufall, dass es mitunter heute schwierig zu sagen ist, welcher Bau unter östlicher, welcher unter westlicher Regie entstand. Und das ist auch gut so.

Beim Bau der Berliner Großkinos Kosmos (Josef Kaiser, Herbert Aust, Günter Kunert, 1961/62) und Zoo Palast (Gerhard Fritsche, 1956/57) dominieren zum Beispiel die Gemeinsamkeiten, dominiert die Sprache der internationalen Nachkriegsmoderne. Und modern meint hier nicht nur die Formen der Baukörper.

Der Berliner Architekt Gerhard Fritsche (1916–1965) baute in den fünfziger Jahren eine Vielzahl von Kinos in West- Berlin. Zu den spektakulärsten Neubauten der Nachkriegszeit zählte das an der Ecke Kurfürstendamm/Bleibtreustraße errichtete „Metro-Goldwyn-Meyer“. Der Tagesspiegel war beim Beginn der Bauarbeiten wie so oft nah am Geschehen und berichtete am 20. Mai 1956: „Nach den vorliegenden Plänen des Architekten Gerhard Fritsche dürfte das neue Kino das modernste West-Berlins werden. (…). Die 1000 Sitzplätze sind in Parkett- und Hochparkett aufgeteilt. Vier breite Gänge, die maximal 17 Plätze in einer Reihe zulassen, verhindern Stauungen bei starkem Andrang. Zwischen zwei Sitzreihen ist ein Abstand von einem Meter, wodurch ein Durchgehen ohne Aufstehen möglich wird.“ Es mangelte nicht an Superlativen. Die Kinoleinwand war hier „die größte in West-Berlin“, es gab eine vollautomatische Klimaanlage. Und um diese zu betreiben, wurde „durch eigene Brunnen (…) das dafür benötigte Wasser gefördert“. Mitte der 1970er Jahre erfolgte die Umbenennung in „Olympic“. Im Jahre 1976 wurde das Filmtheater am Kurfürstendamm 197 geschlossen, das Haus ein Jahr später abgerissen.

Fritsches erstes Kino in Berlin entstand 1952 am Kurfürstendamm 225/226 (heute Astor Film Lounge). In Neukölln errichtete er in der ersten Hälfte der 50er Jahre zudem zwei Panorama Lichtspiele – das „Panorama Filmtheater I“ in der Silbersteinstraße und das „Panorama Filmtheater II“ in der Gutschmidtstraße. Letzteres war einer der originellsten Filmtheaterbauten in Berlin: Der freistehende Bau hatte ein futuristisch anmutendes Äußeres – die Außenwand fiel durch bläulich-weiße Blockstreifen auf. Von 1959 bis 1977 wurden hier Filme gezeigt, anschließend zog in das Gebäude ein Supermarkt ein. Fritsches wichtigstes und visionärstes Werk wurde 1957 jedoch der Zoo Palast.

Vom Premierenkino bis zum Bezirkskino, jedes der 17 Berliner Kinoprojekte Fritsches zeugt von seiner gestalterischen Souveränität. Reinhart Bünger

Aus Anlass der Neueröffnung des Zoo Palasts ist vor dem Kino noch bis zum 6. Januar auf elf Säulen die Ausstellung „Gerhard Fritsche, Architekt 1916–1965 – Bauen für ein neues Berlin 1950–1960“ zu sehen (Konzept und die Realisierung: Architektengesellschaft Maske + Suhren, Berlin).

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